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Jüdische Schulzeitung · 1927-03-15 · 3 (15.3.1927) · page 8

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Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
3 (1927)
Issue
3 (15.3.1927)
Date
1927-03-15
Page
– (sequence 8)
Language
German
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^uiniuie ouiUijeam^j. sich auf die jüdische Seite zu unserem und des Synagogen gesautes Glück. Denn nun verwandte er die wiedergewonnene Freiheit und Zeit zur Abrundung seiner musikalischen Studien und genoß den begeisternden Unterricht Ludwig Thuilles. Bald sollte die erste Frucht reifen: im Jahre 1897 erschien das erste Heft der „Synagogen-Gcsänge". Wie sein Leben, so hat Kirschner auch sein Wirken und sein Werk gemeistert: zielbewußt und ernsten Streben s. Als er dessen inne ward, daß ihm ein Gott gegeben habe, zu sagen, was er fühle, da stellte er sich mit dem Erkennen seines Talentes nicht zufrieden, sah es nicht als den Endpunkt der Fähigkeiten an, ans denen er schassen sollte. Dem göttlichen Gnadengeschenk die solide Grundlage eines wcitausgreiscnden Wissens und Könnens zu geben, hielt er für seine Pflicht, gerade dem ihm verliehenen Talente gegenüber. Und wie wir gesehen haben und wie sein Werk es beweist, lernte er mit zähem Fleiß und studierte mit eiserner Konsequenz, er, der ewig Lernende, der 70 jährige Schüler, dem cs Lust und Freude ist, Neues zu finden und zu erforschen.- So ist er geworden, was er heute ist: unser Emanuel Kirschner. Kirschners Werk hat sich, das darf wohl ohne Ucbertreibung gesagt werden, die jüdische Welt erobert; in den jüdischen Gotteshäusern aller Länder erklingen seine Gesänge. Ja, sogar in Berlin! Dort freilich nicht allzu oft, denn die Berliner Götter sorgen dafür, daß auch die schönsten Bäume nicht in den Himmel wachsen. — Man darf mit gebotener Vorsicht vielleicht behaupten, daß Kirschner neben Sulzer und Lewandowski unser dritter Klassiker geworden ist und bleiben wird. Immerhin ist auch hier, wie auf allen anderen Gebieten, schwer zu prophezeien. Denn wer hätte vor 50 Jahren zu sagen gewagt, daß Naumburg und Weintraub nach 60 Jahren mehr oder minder nur noch historisches Interesse erregen werden? Wie in allem, hat Kirschner auch darin zielbewußt gehandelt, daß er seine Kräfte auf ein bestimmtes Gebiet, auf das des schaffenden Künstlers, konzentrierte. Wohl ist ihm die Forschung auf liturgisch-musikalischem Gebiete ein Feld lieber und erfolgreicher Beschäftigung, und sein glänzender Vortrag (auf der Generalversammlung unseres Verbandes 1914) „Ueber mittelalterliche hebräische Poesien und ihre Singweisen", sowie seine geistsprühende Abhandlung über den Adonaj Moloch-Steiger (im 1. liturgischen Uebungsheft des Lehrerverbandcs) sind vollwertige Beispiele dafür. Auch in naher Zukunft dürfen wir von ihm Arbeiten ans diesem Wissensgebiete erwarten. Aber im wesentlichen hielt er sich doch an das Wort: Bilde Künste, rede nicht! Was ist es also, — und hiermit schließe ich die . Kette meiner Ausführungen, indem ich zu dem Anfangsgliedc zurückkehre — was uns Kirschners Schöpfungen so wert macht? — Versuchte ich vorerst, die Erklärung .hierfür durch Gegenüberstellung zu dem Wirken und Schaffen anderer unserer Größen zu geben, so ist vielleicht die Antwort jetzt als reife Frucht zu pflücken: Kirschners Stärke liegt yr der restlos geglückten Vereinigung der Tradition mit der Kulturmusik unserer Zeit. Es iß nicht die nach Sulzers Zeit so viel gerühmte „Verbindung des ehrwürdigen Alten mit dem schönen Neuen", — eine Verbindung, die sich nach beiden Seiten hin als Mesalliance erwies, — es ist die total vollzogene gegen'* fettige Durchdringung beider Elemente, bei der beide Kategorien sich wechselseitig in Stofs und Form bestimm men, um so ein Neues zu zeugen, dessen Name ist: „I ü d i s ch e K u n st m u s i l". Klar erkannte der Meister von vornherein, was er erstrebte. Schon im Vorwort zum 2. Band seines Lebenswertes „T'hilloß l' El ejjon", Januar 1898, spricht er es aus: „Jeder emft strebende Vorbeter, welcher — vielleicht auch manchmal nach vielen Irrungen — die eigentümlichen Schönheiten unseres alten Chasonus zu würdigen versteht, wird es sich gewiß nicht nehmen lassen, unsere alten Synagogenweisen zu heben und zu pflegen, sie dort, wo immer es nur angeht, zum Vortrag zu bringen. Wie muß sich aber das musikalische Gefühl eines Kantors oder das eines musikalisch gebildeten Zuhörers ausbäumen, wenn auf eine alte, Herz und Gemüt ergreifende Weise, Chor und Orgel mit einer völlig modern empfundenen Response antworten. Leider ist die Empfindung für derartige musikalische Brutalitäten Jahrzehnte hindurch gewaltsam abgestumpft worden und es ist hohe, ja höchste Zeit, diesen Stil- Widrigkeiten energisch entgegenzutreten. Wenn die vorliegende Arbeit hierzu ihr bescheiden Teil beitragen kann, dann ist der Zweck erfüllt, welchen der Autor mit dieser Veröffentlichung anstrebt." In gerader Linie, die sich nicht alleein in geschriebenen Worten äußert, sondern in lebendigen Tönen erklingt, durchzieht dieser jüdische und künstlerische Wille das ganze Opus Kirschners. In der Vorrede zum 4. Band (Februar 1926) lesen wir, da der Meister sich anschickt, sein Werk durch den letzten, reifsten, wertvollsten Teil zu krönen: „Wie in den vorangegangenen drei Teilen war ich auch in diesem Bande darauf bedacht, traditionelles musikalisches Erbgut älteren und jüngeren Gepräges in weitgehender Weise zu verwenden. Fast jede Nummer legt davon Zeugnis ab . . . Andererseits lehnt sich ein wesentlicher Teil des Inhalts an Weisen und Motive des altüberlieferten Chasonus an mit dem Endzweck, auch in den mit Orgel ausgestatteten modernen gottesdienstlichen Veranstaltungen die jüdische Eigen' art nicht zu verwischen." Mag auch Kirschner in diesem Vorwort von dem „Schlußband" seiner Synagogen-Kompositionen sprechen, wir wollen und müssen hoffen, daß er dies eine Mal sein Wort nicht halten werde. Seine Mappe birgt noch reiche und oeife Schätze, Herz, Sinn, Phantasie, Erfindung und Können des 70 jährigen Jünglings sind frisch, wie nur je, und sollen uns und die jüdische Welt noch mit manchen Gaben beschenken und erfreuen. Ad mevh w'eßrim schonoh! Kollegen, werbt für die Verbreitung der „Indischen Zchulzeitung"! probenummern in beschränkter Zahl stehen bei der Schristleitung zur Verfügung.

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