Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 3 (15.3.1927)
- Date
- 1927-03-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nummer 3 _ jüdische Schulzeitung. Seite 3 eine Antithese zu dem Schluß der B'rocliob und sagt: So wie wir täglich deine Güte zu den Lebenden beobachten, so können wir auch zuversichtlich auf dein Erbarmen für die Entschlafenen hoffen. — Der Ucbersetzer möge in dieser B’rochoh einen Wechsel in der Person vermeiden. Die Partizipien M’chalköl, M’chajjeh, SaumPch usw. beziehen sich sämtlich auf das Attoli in der Einleitung. Die ganze B’rochoh, wie das ganze Achtzehn-Gebet, spricht in zweiter Person.— 3. Nach dem Talmud führt die dritte B'rocliob den Namen DVM ncmp* Ihr Text hat mancherlei Wandlungen durchgemacht. bis er sich für uns und auch für den fephardischen Brauch so konsolidiert hat, wie wir ihn in seiner prägnanten Kürze jetzt besitzen. Die Sephardim fügen jedoch noch heute (auch im Einzelgcbete) die Worte Ki 61 melech godaul w’kodausch otoh hinzu. Gehen wir zuerst auf unfern Text ein, so scheint das Wort Uk’dausclmn in seiner Bedeutung fraglich. Während es einige Erklärer auf die Menschen beziehen — so sagt Hirsch: Nur ..Heilige", nur „Heilig Anstrcbende" dürfen Gott loben, dürfen das Lob Gottes im Munde führen. Gott loben und seinem heiligen und heiligenden Willen zuwiderleben ist Blasphemie — wollen andere dies Wort auf die Engelsscharen (nach Jes. 6 u. a.) beziehen. — Das Wort n*?v ist in seiner ganzen Bedeutung noch nicht erkannt. ' und seine Etymologie ist dunkel. Manche betrachten cs als ein musikalisches Kunstwort und glauben diese Ansicht darin bestätigt, daß es — wir finden cs fast ausschließlich in den Psalmen, sonst nur noch in Hab. 3 — gewöhnlich am Ende eines Sinnabschnittes steht; andere wollen es etwa zu einer Aufforderung stempeln, in ein korbähnliches (sal, Korb) Musikinstrument zum letzten Akkord zu greifen; dann wäre das n am Schluß das n der Richtung. Wieder andere übersetzen es mit silentium! und wollen es von n^o rrVt? d. h. schweigen ableiten; manche führen es auf erheben, emporsteigen zurück (siehe Jes. 57,14), womit auch das Wort M’ßilloh Pfad, vielleicht auch Sullom — Leiter, verwandt wäre. All diesen Erklärungen widerspricht der Gebrauch des rätselhaften Wortes au den verschiedensten Stellen, ganz besonders hier und in der Schlußb'rocboli vor dem V8V' uro es heißt: w'körawtonu l'sclnmLlio haRgodaul ßeloh be-6meß. An diesen beiden Stellen müssen wir auf eine Erklärung unserer Alten zurückgreifen: In Eruwin 54,1 heißt es: Toiio d’be R. Elieser ben Jehudoh: Kol mokaum schenneemar Nezacli, Seloh, Woed, 6n lau hafß6k aulomis. Danach hätte also das Wörtchen Seloh die Bedeutung: für alle Ewigkeit. Und zweifellos haben die Berfasser unserer Gebete beim Gebrauch dieser Wendung an die angeführte Talmudstelle gedacht. Die Anordnung dieser B'rocliolr als die dritte und letzte der drei Einlcitungsbenediktionen liegt in ihrer ausgezeichneten Eignung zur Vermittlung zwischen den lobpreisenden und den Vitt-Gebeten. Haben wir den Allmächtigen ob aller Beweise seiner Kraft gepriesen und seine Heiligkeit und Vollkommenheit dargestcllt, so mögen wir daran denken, daß er uns nicht nur zugcrufen: „Ihr seid mir ein heiliges Volk", nein, daß er uns auch die hohe Aufgabe gestellt: Heilig sollt ihr werden, denn heilig bin ich der Ewige, euer Gott! Seid ihr im Ebenbilde Gottes geschaffen, so zeigt euch dieses Vorzuges wert: strebt danach, heilig, vollkommen zu werden wie Er! So erfüllt ihr eure Aufgabe auf Erden und seid das Bindeglied zwischen dem Schöpfer und seiner Schöpfung, zwischen seiner Heiligkeit, der keine gleicht, und der auf Erden möglichen Heiligkeit im Wirken und Streben der Menschheit, alles Unheilige niederkämpfend, für alles Hohe, Edle, Gute, für das Prinzip des Religiös-Sittlichen strebend und streitend mit den euch dazu verliehenen Gaben: I)6ob. Blnob w’Haßköl, Geist, Vernunft und Einsicht. Damit sind wir dann'zu dem tiefen Inhalt der ersten B'rocliob der mittleren Gruppe des Achtzehn- Eebetes gelangt.- „Ein heiliger Gott, der Glaube an einen heiligen Gott, diese Zeichnung der in der Weltleitung und Weltregierung sich offenbarenden Eottcsgestalt. die Gott in seiner höchsten sittlichen Vollendung dem Menschen vorführt, bildete so sehr den Grundzug des Judentums, wurzelte so tief in dem religiösen Bewußtsein seiner Anhänger und wurde von ihnen so hoch gehalten, daß sie den Ausdruck dieses Grundgedankens als einen Engelruf, eine Gottespreisung der Himmelsmächte bczeichneten. Es ist die höchste Darstellung, die sie dafür hatten, die größte Zeichnung, die sie dafür entwerfen konnten." (Hamburger.) Der Prophet Jesaja sieht in den Seraphim das Ideal Gott dienenden Gehorsams. „Verhüllten Angesichts" umstehen sie Gottes Thron, verlangen keine Einsicht in die Ziele des göttlichen Auftrags; „verhüllten Fußes" gilt es ihnen gleich, wohin sie gestellt werden; in nie erlahmender Schwungkraft geht ihr ganzes Wesen in dem Streben auf, den göttlichen Willen zu vollbringen. Und so ertönt aus ihren Lippen der jubelnde. - jauchzende, huldigende Ruf: „Heilig, heilig, heilig ist der Ewige Zöwoaus, voll ist die ganze Erde seiner Herrlichkeit!" — Der Vers 12 des dritten Kapitels in Jecheskel aber enthält das große Ergebnis seiner im ersten Kapitel mitgeteilten Gottesschau, der gewaltigsten Vision der Gottes- und Himmclsmächte in unserer Bibel. Diese Worte enthalten den tiefsten und kühnsten Gedanken einer Thcodicee, den je ein sterblicher Mund ausgesprochen. Dem menschlichen Blicke erscheint die außerirdische Welt, das Reich der ewigen Gesetzmäßigkeit, als das Reich der Verwirklichung des göttlichen Willens; die Erde, insbesondere die menschlichen Verhältnisse, als das Reich der Leidenschaften und der frevelnden Gewalt. Dort das Gesetz Gottes, hier der Menschen Willkür; dort der Friede, hier ewiger Kampf; dort Harmonie, hier ewige Dissonanz. Für das Gottcsreich des Friedens ist, so glauben wir, bis zu der Zeiten fernsten Zielen auf Erden keine Stätte. Demgegenüber lehrt uns hier der Prophet in den einleitenden Worten des V. 12: Da erhob mich ein Geist und ich hörte hinter mir die Stimme gewaltigen Brausens. Vermöchten wir irdischen Menschen uns über die Erde zu erheben, so wie er vom Eottesgeiste emporgehobcn wurde, so würden auch wir aus dem Kampfesbraus der Erde den Ruf vernehmen: Borucd k’waud adaunoj mimm’kaumau! Gepriesen wird die Herrlichkeit des Ewigen von seinem Orte aus! d. h. von überall her, wo Gottes Herrlichkeit, Gottes Geist waltet. Also auch wir können zur Schöpfung dieser Harmonisierung aller Dissonanzen, dieser Schaffung des ewigen Friedens des Eottesreiches aus Erden beitragen durch unser eigenes Tun und Lassen. — Hat sich diese Idee von der Heiligkeit und Herrlichkeit Gottes in Jesaja in einem die ganze Erde erfüllenden „Heilig, heilig, heilig!" Ausdruck verschafft, ist aus Jcchcskels Prophetenmund der Dank für die gewordene Gotteserkenntnis ausgeströmt in dem Ruf: „Gepriesen sei Gottes Herrlichkeit!", so fehlt nur noch das Dritte, der Wunsch nach der weitesten Ausbreitung dieser Gottesanerkennung, dieses Gotteswaltens auf der Menschen bewohnten Erde, der Wunsch, daß sich dieser kühne Optimismus jüdischer, messianischer Weltanschauung unser selbst, der ganzen Menschheit bemächtige. Und diesen Wunsch bringt der Psalmist in Ps. 146 zum Ausdruck: Jimlauch adaunoj Taiilom, clauliajicli, zijjaun, l’daur wodaur! Hallalujoli! O möchte doch der Ewige immerdar walten. Dein Gott, o Zion für alle Geschlechter! Wir brauchen uns die Gottesheiligkeit nicht in weitester, unerreichbarer Ferne zu denken — „um zu sagen: Wer stiege doch für uns zum Himmel empor und holte sie uns herab!" nein, auch auf Erden, von Zion aus, vom Ursprungsort der über die Welt sich ausbreitenden Gotteslehre — denn von Zion geht die Thora aus — kann und soll Sein heiliger Wille zur Anerkennung und Herrschaft gebracht werden. Das ist die höchste Lösung der jüdischen Auf-