Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 2 (15.2.1927)
- Date
- 1927-02-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nummer 2 (öoii, daß Du mich aus dem Dunkel zum Lichte führest. Am Morgen: Ich danke Dir, o Gott, weil Du mich aus dem Dunkel zum Licht geführt. Am Nachmittage: Möge es Dein Wille fein, o Sott, der Du mich beglückt Haft, die Sonne bei ihrem Aufgange zu sehen, mich auch ihren Untergang schauen zu lassen. Freilich betete man damals nicht in festliegenden Formeln, im Achtzchngcbet, nein — jedermann betete, was ihm sein Herz cingab, und was ihm seine persönlichen Verhältnisse in den Mund legten. So bleibt es bis zur Rückkehr aus Babel, bis nämlich die Männer der großen Versammlung, wie der Talmud (B’rocliaus 33) sagt, die Lobsprüche, Hauptgebete, sowie die Weihe- und Schlußgebete der Sabbath- und Feiertage festsctztcn. Sie stellten auch, die 18 bestimmten Lobsprüche zur T’filloh zu sammen, für jeden Betenden wohlgeordnet in reiner, geläuterter Sprache. Indessen verbreiteten diese Gebete sich nicht in ganz gleicher, feststehender Weise; es scheint sogar, daß sie in der Hauptsache nur für die bestimmt waren, die nicht imstande waren, selbst würdige Gebete zu verfassen, während die Wohlbewanderten immer noch nach eigener Intuition beteten und sich nicht an den geprägten Text banden. Dazu kam ferner, daß im Laufe der Zeiten und der politischen Umwälzungen, besonders nach der Konsolidierung des jüdischen Staates, diejenigen Gebete, die das Joch des Exils betrafen, (wie R’ßh w’onjenu und Hoschiwoh schauf’tcnu u. a.) außer Gebrauch kamen und nach und nach in Vergessenheit gerieten. Da raffte man sich im Kreise des N. Gamliöl in Jabneh, etwa 10 Jahre nach der Zerstörung des 2. Tempels, auf und ordnete zum zweiten Male das Achtzehngebet, fügte die Lirebass immminim hinzu, änderte aber nicht den alten, geläufigen Namen. So etwa entstand unser jeist gebräuchliches, von ganz Israel angenommenes Hauptgebet. Machen wir uns diese einfache, aber gerade darum einleuchtende Erklärung der historischen Entstehung mit Elbogen und anderen Forschern zu eigen, so dürfen wir doch nicht vergessen zu erwähnen, daß die auf Anordnung R. Gamliöls gegen Ende des ersten Jahrhunderts vorgenommene Feststellung des Textes auch viele Gegner fand. Sagt doch R. Elieser (lZ'rocbaus 2S2): Wer sein Gebet festlegt, desien Gebet ist kein echtes Flehen. Aehnlich drückt sich N. Simon in den Sprüchen der Väter (Owaus 2,18) aus. Diese Opposition reicht noch in das 3. Jahrhundert hinein. So fordert N. Jose 0'ru8cbalmi d'rocbau8 4). jeden Tag das Gebet ein wenig zu ändern, und N. Eleafar: Bete jeden Tag ein neues Gebet! Auch von N. Abahu wird erzählt, er habe. an jedem Tage fein Gebet neugestaltet. — Ja, man braucht nur die 3. und 4. Mischna des 4. Abschnittes im Traktat B'rocliaus aufmerksam zu lesen, so findet man vielerlei Einwände gegen die strenge Forderung des R. Gamliöl: B'cbol jaum mispallel odom sch'mauneh essräh „Jeden Tag bete der Mensch das Achtzehn-Gebet". Haben aber Nab und Samuel für Notfälle das Hawinenu- Gcbet, eine kurze Zusammenfasiung der mittleren V'rocbaus des Achtzchn-Gebeies, verfaßt, so verflucht Abaji (im 4. Jahrhundert) die Beter dieses Auszuges (V'rocbaus 4,3). Wir sehen, wie lange die Diskussion über unser uns so geläufiges, vielleicht z u geläufiges Achtzehn-Gebet fließt, und so ist es nicht verwunderlich, wenn wir im Verfolge unserer Textbehandlung feststellen können, daß bis auf den heutigen Tag in den verschiedenen Riten die Texte voneinander stark abweichen. Denn „die T’filloli ist weder von einem Manne, noch aus einem Guß gearbeitet." Sie ist das jetzt durch den Buchdruck i^ ihren Variationen einigermaßen beschränkte und ziemlich einheitlich gestaltete Resultat der vorher jahrhundertelangen freien und beweglichen, wenn auch inhaltlich seit R. Gamliöl feststehenden Eebettexte der vielen gelehrten Vorbeter der Vorzeit, (auw'rlm oder jaur'dim) die vor den Thoraschrein (lifne liattewoh) traten, ..das Gebet" verrichteten, um der Zustimmung der Gemeinde durch ihr lautes Amen sicher zu sein und sie anzurcgen, sich mit ihnen vor Gott zu verneigen. In den nun folgenden Ausführungen wird uns natürlich der in unfern, ganz besonders seit Wolf Heidenheim, in den Rödelheimec Eebetbuchausgaben befindliche Text maßgebend sein, während wir die verschiedenen Riten und Abweichungen des öfteren heranziehen. 2. Name und Allgemeines. Wegen seines Alters, seines bedeutungsvollen Inhalts und seiner wichtigen Stellung im Gottesdienste wird! unser Achtzehn- Gebet in Mischnah und Talmud schlechthin T’filloh genannt. Das Wort hat seine Wurzel in polaul, spalten,-scheiden, untersuchen, prüfen, richten (1. Sam. 2,25 und Ps. 100,30; auch Een. 43,11, wo es mit „vermuten" zu übertragen ist.) Im Hispa6I bedeutet es: mit sich selbst zu Gericht gehen und danach beten. Daraus ist T’filloh entstanden. — In aramäischer Sprache heißt es Z’laussoh. Die sephardischen und orientalischen Juden nennen es, weil es stehend gebetet wird, Amidah, so auch der Sohar. — Am gebräuchlichsten ist jedoch der Name Lch'mauneli e88räh. Unter Fortlassung des Substantivs V'rocliau8 hat das Gebet, trotzdem es kurz nach seiner Redaktion noch eine neunzehnte 6'roclioh erhielt, diesen typischen Namen behalten. Ja, man geht verkehrter Weise sogar so weit, den nur aus sieben bezw. neun IZ'roehau8 bestehenden Hauptgebeten an Sabbat- und Feiertagen diesen Namen beizulegen. — Wie bereits erwähnt, trat in alter Zeit bei diesem Gebete der Vorbeter vor den Thoraschrank, und die Gemeinde hörte es stehend an. Nach N. Gamliöls Anordnung betete es in gleicher Weise bald jeder einzelne, während es danach laut wiederholt wurde (L!w8orob). - Nach dem Talmud (lZ'rochau8 34x) besteht es aus drei Hauptgruppen: die ersten drei Lobsprüche enthalten Lob und Preis Gottes, die letzten drei werden unter „Danksagungen" zusammengefaßt, während die weiteren 12 bezw. 13 Bittgebete enthalten. Sinnig erklärt der Talmud z.'St. diese Anordnung: In den ersten drei Eulogien gleicht der Betende dem Knecht, der seines Herrn Ruhm verkündet, im zweiten Teil bittet er seinen Meister um irdisch Gut, im dritten neigt er sein Haupt im Dank vor ihm. Nur der Vollständigkeit halber sei erwähnt, daß die erste und letzte Gruppe auch den Stamm des Hauptgebets an Sabbat- und Feiertagen bildet, während die mittleren 12 bezw. 13 Eulogien nur an Werktagen gebetet und an den andern Tagen durch eine auf die Feier des Tages bezügliche Lobpreisung ersetzt werden (T’fillas schewa), im Mußaf-©c6ct am Neujahrsfeste durch drei Lobsprüche (T’fillas tßsclia). Die Zahl 18 wird vielfach in Talmud und Midrasch gedeutet,-ein Mal den 18 großen Knochen des menschlichen Rückgrats, ein anderes Mal den 18 Eottesnamcn im Psalm 29, dann wieder den 18 Eottesbezeichnungen im Zcli'ma, den ersten 18 Psalmen (wobei Psalm 1 und 2 zusammengezogen werden), der 18maligen Erwähnung der Stammväter in der Thora, dem 18maligen „Gebot" im Abschnitt P’kudß (von 2. B. M. 38,23 an), den 18 Gottesnamen im Liede Moses am Meere usw. gegenübergestellt — ja die 18 Lobsprüche werden gar als seit Urzeiten feststehend und ihr Entstehen als bei folgenden Anlässen durch die Mal’achß liaschorßß, die himmlischen Boten Gottes selbst erfolgt hingeftellt und zwar: 1. MoRßn awroliom, als Abraham, unser Vater, aus Ur- Kasdim errettet wurde, nach anderen aus der Hand des Kcdorlaomer. (1. B. M., 14.) 2. M’chajjeh hameßim, als Isaaks Leben auf dem Altar schon zu entfliehen drohte, und Gott es ihm wieder schenkte. 3. ttoßl bakkodauscb, als Jakob auf seiner Flucht an das „Tor des Himmels" gelangte. 4. LhaunLn haddöaß, als der Engel Gabriel den von Pharao zum König erhobenen Joseph siebzig Sprachen lehrte; nach Jüdische Schulzeitung.