Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 1 (15.1.1927)
- Date
- 1927-01-15
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 6 Jüdische Schulzeitung. Nummer t Anerkennung nicht versagt bleiben, so daß sie sich selbst nieder» und rohen Antrieben gegenüber schließlich durchzusctzen vermag"). Die Grenzen aber, die dem Erziehungswerk gesetzt sind, werden am schönsten und deutlichsten von dem größten Synthetiker deutscher Lebenskunst, Goethe, in seinem doch immer noch nicht veralteten Epos des Familien- und Gemeindelebens sestgestellt. Die strenge Beachtung dieser naturgegebenen Grenze bezeichnet den Unterschied zwischen dein Wirken des menschlichen Erziehers und dem der Gottheit, der er nachstrebt, denn sie als die Wesenheit und Urform aller Dinge darf allein von sich sagen: Wir wollen Menschen schaffe n — n a ch u n s e r in B i l d e. Die Foribil-ungssrage aus dem Preußischen Lehrerlage. Vorbemerkung: Am 27. und 28. Dezember tagte die VIII. ordentliche Vertreterversammlung des Preußischen Lehrervereins in Görlitz. U. a. referierte dort Herr Nektar Gieseler, Magdeburg, über „Die Fortbildung der Lehrer". Wir glauben, daß es die gesamte jüdische Lehrerschaft interessieren wird, wenn wir nachfolgend (nach dem Berichte der Preußischen Lehrerzeitung) einen Auszug aus dem trefflichen Referate wiedergeben. Wenn wir uns mit der Frage der Lehrersortbildung beschäftigen, so tun wir damit nicht etwas Neues und Besonderes. Wir tun damit nur das, was unsere Väter im Beruf von jeher als ihre selbstverständliche Aufgabe angesehen haben; wir tun das, was in der Lehrerschaft den ersten Anstoß zn Vereinsbildungen gab. Wenn wir den Willen zur Fortbildung haben, so sagen wir damit nicht, daß nur w i r Vertiefung und Bildung nötig haben, daß unsererseits eine Unterlassungssünde vorliegt. In den schwierigen wirtschaftlichen Verhältnissen der letzten Jahre haben wir in unfern Bildungsangelegcnheiten das getan, was möglich war. Die Ocffentlichkeit erkennt das an und ist erstaunt über die Zähigkeit und Opferwilligkeit der Lehrerschaft auf diesem Gebiete. Jeder Stand hat die Pflicht der Fortbildung und sei er noch so vollwertig ausgebildet. Und hätten wir vollwertige akademische Bildung und vergäßen unsere Fortbildung, so stände es schlimm um uns. Vernachlässigen andere Stände ihre Fortbildung,-so laden sie damit eine Schuld auf sich. So sehe ich in unserem Fortbildungsstreben keine Schwäche, sondern einen Vorzug. Wir wollen nicht satt sein. Wir wollen nicht rosten, sondern jung sein.. In meinen Ausführungen habe ich die allgemeine Lehrer-Fortbildung im Auge, in deren Rahmen allerdings die Fortbildung der Junglehrer in den amtlichen Arbeitsgemeinschaften 'hineinfällt. Letztere Art der Arbeitsgemeinschaften ist in erster Linie für die noch nicht anstellungsfähigen Lehrer bestimmt. Die gewünschte Teilnahme der festangestellten Lehrer ist-jedoch nur zum Teil durchgeführt, weil diese Lehrer z. T. in ihrer Fortbildung andere Bedürfnisse haben. Die amtlichen Arbeitsgemeinschaften entziehen sich auch dem *) Pestalozzi hatte das Unglück, schon im frühen Kindesalter seinen Vater zu verlieren, so daß die Mutter seine Erziehung leiten mußte. Dieser zufällige Umstand seines eigenen Lebens bestimmte ihn späterhin, in seinem Erziehungsroman der Mutter Gertrud die Erziehung ihrer Kinder zuzuweisen. Sein nicht minder großer Landsmann Gottfried Keller, den fast im gleichen Alter das gleiche Schicksal traf, nimmt daher in seinen berühmten Erziehungsnovellen die gleiche Richtung. Dies hat zu der heute allgemein herrschenden konventionellen Anschauung geführt, die Erziehung des Kindes sei die besondere Aufgabe der Mutter. Indes darf das nicht hindern, daß, schon den alten Weisungen der Bibel gemäß, auch der Vater an dieser Pflicht teilnehme. . . - direkten Einfluß der Organisation insofern, als sie vom Staat finanziert werden, überparteiisch sind, verschieden organisierte Lehrer umfassen, der Pflege der Bezirks lehrerräte anve.traut sind. Selbstverständlich ist es mög lich und erwünscht, daß allgemeine Lehrerfortbildung und diese Art der Junglehrer-Fortbildung in innigen Beziehungen zueinander stehen, d aß sie sich überschneiden, manchmal auch decken. Wir sehen also heute von der besonderen Art der Junglehrerfortbildung ab, ohne sie aber ganz aus dem Gesichtskreis verlieren zu wollen. Wir beschäftigen uns nit der allgemeinen Lehrerfortbildung vom Standpunkte unserer Organisation aus. Der Bildungsbegriff ist in den letzten Jahrzehnten durch die Entwicklung der materiellen Kultur, durch Wachsen der Zivilisation seit dem Niedergang des deutschen Idealismus um die Mitte des 19. Jahrhunderts arg verflacht. Gebildet galt, wer über Wissen verfügte, Bildung, womit nicht immer innere Bereicherung verbunden war, war Eigentum einer bestimmten gesellschaftlichen Schicht. Nietzsche geißelt diese Oberflächenbildung und nennt Bildung Trug, wenn sie aus Tradition und Konvention beruht. Auch litten wir neben der einseitigen Ausbildung des Intellekts und neben dem Spezialisten' tum an platter Nützlichkeitseinstellung, an mangelnder Lebensnähe und Lebcnswärme; Besinnung auf höhere Werte wurde seltener. Das alte Bildungsideal scheint innerlich überwunden zu sein, die einseitige rationalistische Ausbildung kann sich nicht mehr behaupten. Neben dem Intellekt werden Gefühl, Wille, Körpergefühl betont. Tie Menschen sehnen sich nach Synthese. Bildung will nicht mehr allein Wissenschaftlichkeit bedeuten. Der Gemeinschaftsmensch wird erstrebt. Unterbewußte Kräfte werden wieder gewertet, verlorene Kulturwerte wiedergewonnen. Verständnis fürs Metaphysische erwacht. Tie Lebensganzheit wird gefühlt. Die Bildungsidee ist stark geisteswissenschaftlich fundiert. Ein neuer Humanismus bahnt sich an. Der Mensch will fest stehen auf dem Boden der Wirklichkeit und doch voller Ideale sein. — Bilden ist ein Schaffen, Gestalten auf ein Ziel hin, nach einer Form; organisches Wachsen oder Gestaltetwerden eines Ganzen, einer Form, die eigenem Wesen entspricht. Bildung ist Gestaltung des geschlossenen geistigen Seins, Ausprägung des inneren Wertes in die Wirklichkeit. Nach Harnack ist Bildung Wiedergewinnung der Naivität; nach Kerschen steiner Begeisterung für ewige, zeitlose Werte, verbunden mit gesundem Wirklich keilssinn. Bildung kann sein ein Prozeß oder Resultat des Prozesses. Aber immer ist Bildung eine unendliche Aufgabe und Fortsch reiten zur Totalität. Bildungs- und Kulturprobleme hängen eng zusammen. Das Bildungsproblem war besonders auf Höhepunkten der Kultur lebendig: in der Antike, der Renaissance, im deutschen Klassizismus. Der subjektive Geist muß mit dem objektiven Geist in Verbindung stehen. Wir wissen aber neuerdings, daß die Individualität vornehmlich nur an den Lehrgütern, Kulturgütern gebildet werden kann, die der.individuellen Seelenstruktur adäquat sind. Bei aller Bildung ist Selbständigkeit, Aktivität nötig. Der zu Bildende und der Bildner müssen den Bildungsvorgang erleben. Spranger kennt folgende Stufen des gesetzmäßigen Bildungsfortschritts: die grundlegende Allgemeinbildung, die der Erfassung des gemeinsamen Kulturkreises entspricht,' die Berufsbildung, das Suchen der eigenen Stelle im größeren Kreise; die vollendende Allgemeinbildung, der Berus wird in Beziehung zum Ganzen der Kultur gesehen. Und so ist die vollendende Allgemeinbildung die Synthesis gegenüber der Thesis der grund-