Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 12 (15.12.1926)
- Date
- 1926-12-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Jüdische Schulzeitung. Nummer 12 Prüfung auf seine Vollendung durch den Schüler selbst vorgenommcn werden kann, ja den Schüler mehr oder weniger zwingt, die Selbstprüfung vorzunchmen. Hierher gehören alle technischen und zeichnerisch-konstruktiven Arbeiten; weiterhin aber auch alle mathematischen, physikalischen, chemischen Arbeiten, sowie die Ucbersetzungs- , arbeiten ans fremden Sprachen. Sie sind daher die wahre Schule des Vollendungsstrebens im Zögling und mit ihr and) der Sorgfalt, Ausdauer, Ordnung, Genauigkeit, Arbeitsfreude nsw. Redner gibt dann zwei Beispiele von Gebieten, an denen er zeigt, wo dieser Bildungsprozeß, das Erlebnis des Vollendungswertcs, am reinsten zur Geltung kommt und wo nicht. Während die Physik in jedem Augenblick die Kontrolle ermöglicht, so ist etwa bei der Geschichte das Gegenteil der Fall. Das wirkliche geschichtliche Verstehen vom Schüler erarbeiten zu lassen, ist eine Unmöglichkeit. Die Fehlerquellen, die in der Person und . der Sache liegen, sind zu zahlreich, und die Schwierigkeit, ja Unmöglichkeit, das „Erarbeitete". auf seine Wahrheit und Bündigkeit zu prüfen, liegt auf der Hand. Dasselbe gilt für die Gebiete der Staatsgeschichte, Kunstgeschichte, Religionsgeschichte, Literaturgeschichte und noch andere Teile. Damit soll nicht gesagt werden, daß die Erziehung zum rechten geschichtlichen Denken auf allen diesen Gebieten nicht nvttvendig sei. Aber wir verfehlen dieses Ziel gründlich, wenn wir die „Ueberblicksseuche" auf den eben genannten Gebieten weiter wüten lassen. Und das schlimmste ist, wenn sie durch ihren Stoff und ihr Zeitausmaß den anderen Bildungsgütern die Möglichkeit nehmen, den Zögling in harte geistige Zucht zu nehmen. Die geistige Zucht ist kein Kind des Enzyklopädismus, der in unseren Schulen herrscht. Sein Kind ist der Dilettantismus oder auch die Jnteressenlosigkeit. Daß der Kampf gegen diesen alles verschlingenden Rachen nicht zum Ziele führt, trotzdem ihn alle predigen, liegt daran, daß jeder seinen eigenen, sein Fachgebiet im \ stillen füttert, sei cs ans Begeisterung für die allnrächtige Bildnngskraft seines Bildnngsgutes, oder aus Bedürfnis für die Erhöhung des Sockels, auf dem seine pädagogische Persönlichkeit in der Siegesallee seiner Kollegen steht. — (Der Vortrag Kersrhensteiners entfesselte einen gewaltigen Beifallssturm. Die Versammelten erhaben sich begeistert von ihren Plätzen.) Professor Götz ging davon ans, daß die Erschütterung der Pädagogik älter sei, als die letzte große Erschütterung unseres Staatswesens. Die Demokratie bedeutet, richtig verstanden, für das Bildungswesen eine außerordentliche Steigerung, da der Bildungshunger der weitesten Schichten nach neuen Bildungsmöglichkeiten verlangt. Aus der anderen Seite aber dürfen auch die großen .Gefahren, die der plötzlich einsetzende Umschwung aller politischen Verhältnisse mit sich bringen mußte, nicht übersehen werden. Denn der gute Wille zur Bildung ist nach lange nicht selbst Bildung. ,Es droht die Gefahr der Oberflächlichkeit. . Ferner besteht die dringende Gefahr, daß durch den Wettbewerb aller Schichten und Parteien, um den Staat das gesamte Bildungswesen in die politischen Krisen und den Strudel der Parteipolitik mit ' hineingezogen lvird. Umgekehrt bestreben sich neue pädagogische Richtungen, an die Machthaber heranzukommen, ohne dabei zu bedenken. daß ihre Ideale dann in das Politische umgebogen imb durch das Zusammengehen mit dem Staate in Wirklichkeit gefährdet werden. Denn die Macht des Staates ist größer als die der Erzieher. Der demokratische Staat, der mehr Widerspruch duldet und daher auch erfährt als der . frühere, wird seinerseits noch stärker auf da-5 Bit' dungswesen cinzuwirken suchen, als es der alle Staat zu tun brauchte. Demgegenüber muß dahin gestrebt werden, daß der Staat wieder der zurückhaltende Organisator des Bildungswesens wird. Ebenso werden die Wünsche der Parteien, Einfluß zu gewinnen, auch weiterhin die Schularbeit beunruhigen. Parteipolitik aber darf in die Seelen der Kinder nicht hineingetragen werden, die nicht zn Partcimännern, sondern zu freien Menschen erzogen werden sollen. Die Stetigkeit der schulichen Entwicklung ist für die deutsche Bildung eine unbedingte Notwendigkeit. Dr. H a v e n st e i n wandte sich in seinem Thema gegen die übermäßige »rationale Bewußtheit im Unterricht. Er will erziehen zur Wahrheit, zum Guten und Schönen. Die Schüler sollen denken lernen, nicht deutsch denken lernen. Tie Deutschheit ko»n»nt von selbst. Es ist auch nicht möglich, das deutsche Wesen begrifflich festzulegen und daraus ein Erziehungsprogramm herzuleiten. Tie Hauptfaktore». der Bildung und Erhaltung des Volkstunrs sind gerneinsame Abstammung, gemeinsame Heimat, gleiche Sprache, gleiche Geschichte, gleiche Kultur. Ter deutsche Sprachunterricht, der von höchster nationaler Bederrtung ist (ein Volk ist eine Menge, die sicls versteht, die dieselbe Sprache spricht - mit der Muttersprache geht das Volkstum verloren), »nnß das Hauptgewicht nicht, auf das wissenschaftliche Verständnis, sondern auf die praktische Beherrschung der Muttersprache legen. Der Geschichtsunterricht rnuß das gemeinsame Erleben des Volkes »nöglichst stark nacherlebe»» lassen. Daher große Ereignisse und Persönlichkeiten der Hauptgegenstand. Dabei ist der sortreißende Bortrag des Lehrers besser als der Arbeitsunterricht. Auch die Kultur, vor allem Kunst, ist von höchster nationaler Bedeutung. Aber die Verstiegenheiten der Kultur — oder Deutschkunde gefährden ihren hohen Bildungswert. Professor Matschoß, der von den Auswirkungen der »nodcrnen Wirtschaft und Technik auf das deutsche Bildungsgut sprach, fand gerade darmn daS größte Interesse der Zuhörer, weil er Nichtpädagoge ist. Er will nicht etwa die Technik dem riesig geschwollenen Wissensstoff noch hinznfügen, aber die Schule soll versuchen, zn der Technik ein inneres Verhältnis zu finden. Sie birgt in sich große ErziehungStverte. In ihr kann nichts ein Mensch allein niachert, und sie erzieht daher zur Gemeinschaftsarbeit, aber auch zur kritischen Wertung uub Bescheidenheit. Durch die Erfasstcng des inneren Arbeits»vertes der Technik wird der Schule ein wertvolles Bildungsgut erschlossen. Die Keimkehrslie-er und -re Geschichte von -er Keimkehr aus -em Exil. (Ein kleines Probestück zu»n Kapitel der Arbeitsschule.) Von Bez.-Rabb. Dr. Berrmann, Heilbronn. Es ist nicht ganz leicht, jedes Lehrstück der Religionsgeschichte in fröhlicher Arbeit mit der Klasse auszubauen und zn einer»» Ganzen abzurunden. Manchmal kommt aber der Stoff der Mühe entgegen. So geht es bei der Erzählung von der Heimkehr aus dein Exil, bei der unS eine Reihe Psalinen prächtige Jllrrstrationen bieten. Jrn wesentlichen werden da folgende Gedanken herausgearbcitet: 1. Die Stellung des Cyrns zu den Juden: a) seine grundsätzliche Duldsamkeit und Menschlichkeit »mterjochten Völkern gegenüber;