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Jüdische Schulzeitung · 1926-12-15 · 12 (15.12.1926) · page 3

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Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
2 (1926)
Issue
12 (15.12.1926)
Date
1926-12-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nummer 12 Gottsuchen und Gottfinden in Not und Gluck! Oder, wie fv im 42. Psalm so schön heißt: „Meine Seele dürstet nach Gott. Wann werde ich hingelangen und Gottes Angesicht schauen? Meine Tränen werden meine Speise Tag und Nacht, als sie immerfort zu mir sagten: Wo ist dein Gott?! Was bist du gebeugt, meine Seele, und warum tobst du in mir? Harre auf Gott!" Vom pädagogischen Äongreh in Weimar. (Schluß.) Am 9. Oktober sprach Gcheimrat Professor Dr. Kerschenstciner über „Der pädagogische Begriff der geistigen Arbeit und seine A n s w i r k u n g ans das deutsche Bildungsgu 1". In Verbindung damit Professor Dr. Gotz, Leipzig, über: „Die politische Lage, nnd ihre Einwirkung auf das deutsche B ildu ngsgut"; Studienrat Dr. Havenstein, Berlin, über: „Das deutsche Volkstum und seine Auswirkung auf das deutsche Bildung sg u t" und Professor Dr. Malschoß, Technische Hochschule Berlin, über: „Wirtschaft und Technik und ihre A n s w i r k u n g auf das d e u t s ch e B i l d u n g s g u 1". K e r sch e n st e i n e r führte aus: Bei dein Weg der Bildung handelt es sich um die Auseinandersetzung zwischen Subjekt und Objekt, um den Weg der Arbeit. Doch nur der Arbeit ist der Lohn der Bildung beschicden, die sich ganz und gar der Sache hingibt. Man hat an den Schulen der geistigen Arbeit mit Recht den höchsten Bildungswert zugesprochen. Das darf aber nicht bedeuten, daß die geistige Arbeit an technischen Dingen und sozialem Wollen nun anszuschließen wäre. Die geistige Arbeit kam: aber nur dann zur Bildung führen, wenn sie nicht in eine bunte Mannigfaltigkeit von Bildungsgütern sich verliert. In den neueren Schulen ist diese freie geistige Arbeit aufs äußerste gehemmt durch den Enzyklopädismus der Lehrpläne. Auch die Volksschule, besouders in den Großstädten, hat in ihren Lehrplänen diesen Enzyklopädismus übernommen. Hinzu kommt, daß hier oft die Tätigkeit der Arbeit mit der Tätigkeit des bloßen Spieles verwechselt wird. Man orientiert die Schularbeit vom spielenden Kinde aus. Redner' gibt dann eine ausführliche Definition der Begriffe Spiel, Sport, Beschäftigung, Arbeit. Spiel ist eine Betätigung, die um ihrer, selbst willen betrieben wird. Es will nicht eigentlich ein „Werk" aus sich heraussetzcn, jedenfalls höchst nebenbei. Es will nicht einen Zweck verwirklichen. Ja, das reine Kinderspiel, z. B. das Jllusionsspiel der zwei- bis dreijährigen Kinder, ist völlig zweckfrei; das Kind betätigt sich mit Holzstücken, Tuchresten, Papierschnitzeln, Steinen usw., ohne jede Absicht irgendeiner objektiven Gestaltung. Sport ist eine Betätigung, die um der Steigerung ihrer Leistungsfähigkeit willen betrieben wird. Auch er will kein Werk aus sich Herausstellen. Sein eigentlicher Zweck, sein Motiv, ist der Rekord, die Meisterschaft. Wo Sport aus anderen Motiven betrieben wird, ctnm aus hygienischen, da sollte man nicht von Sport, sondern von Leibesübungen sprechen. Sport wie Spiel kennen also keine Zwecke außerhalb der Betätigung selbst. Beiden Formen gegenüber stehen nun Beschäftigung und Arbeit. Beide sind als Betätigung nie ausschließlich Selbstzweck, sondern Mittel zu einem von dem bloßen Tun verschiedenen Zweck. Sie wollen ein Werk aus sich Herausstellen, ein Gedankengebilde objektivieren. Beschäftigung hat als Motiv nicht bloß das Sei:? Werk, sondern zugleich auch die Betätigung selbst. Sie steht zwischen Spiel und Arbeit und bildet den Uebergang vom elfteren zum letzteren. Es kommt der bloßen Beschäftigung nie auf restlose Vollendung des Werkes an. Sic hört auf, wenn die Lust am Tun aufhört, oder begnügt sich, wenn nur das Werk „fertig" ist, gleichviel in welcher Form es dasteht. Der Dilettantismus ist das echte Kind einer Enttvicklungsreihe des Tuns, die. aus dem Spiele herausgewachsen und bei der bloßen Beschäftigung stehen geblieben ist. Aber das Bildungsverfahren hat gerade die Aufgabe, diese natürliche Entwicklung bis zur Arbeit zu unterstützen. Arb ei:: ist jene Betätigung, die von den vier Formen, ganz allein auf das Werk eingestellt ist. Nur dann verdient die Betätigung den Namen Arbeit, wenn ihr Zweck Vollendung eines Werkes ist. Jedenfalls darf das Bildungsversahren keine andere Betätigung mit diesem Worte bezeichnen, und nie hat es eine ernste Schute gegeben, die Unvollendetes als Arbeit gelten ließ. Das Spiel setzt den Zweck um der Tätigkeit willen, die Arbeit setzt dagegen die Tätigkeit um des Zweckes und seiner vollen Verwirklichung willen. Weil dem so ist bei der Arbeitshaltung, darum ist die Arbeit so oft mit starker Selbstüberwindung und bewußter Anstrengung, die bisweilen bis znr Erschöpfung gehen kann, verbunden. Dazu führt die „Beschäftigung" nie. Alle jene Betätigungen haben einen Schulungswert, fördern geistige und körperliche Funktionen, aber sie haben keinen Aildnngswcrt. Funllionsschulnug nnd Wissensbesitz sind noch nicht Bildung; darunter verstehen wir ein in sich geschlossenes, in geistigen Werten verankertes Sein. Daß nur die Arbeit Bildung gibt, liegt daran, daß die Totalität des Individuums gegeben ist in dein jeweiligen System seiner Zwecke. Diese Zwecke aber wachsen heraus aus dem Grunde seines Wertsystems, und damit ist zugleich das Jnteressensystem bestimmt. Von diesen Werten, die unser Streben bestimmen, ist einer der Stärksten der Vollendungswert. Wer in heißem Ringen sein Werk bis zu der möglichen Vollendung gebracht hat, der wird als Folge dieses Erlebnisses den innerlichen Ruf nach Vollendung des Werkes immer wieder hören . nnd damit ist für den Prozeß der Bildung, für die Entwickelung d:r Totalität des geistigen Seins unendlich viel gewonnen. Indem er gezwungen ist, in die geistige Struktur der Mittel einzudringen, die der Vollendung des Werkes dienen, erlebt er wieder die geistigen Werte, denen diese Güter entsprungen sind. Vollendung ist selbst, wie Rickert in seiner „Allgemeinen Grundlegung der Philosophie"' mit Recht betont, ein höchster formaler Wert. Ein jeder von uns hat ihn erlebt, der nach heißem Ringen sein Werk bis zur letzten jeweils objektiv möglichen Bündigkeit gebracht hat. Daß unsere Bildungsanstalten bei jeder Arbeit, die sie vom Schüler jeweils billigerweife verlangen können, unablässig ihr Augenmerk darauf richten sollen, im Schüler das Erlebnis des Vollendungswertes möglich zu machen, ist eine der Grundregeln alles Vildungsverfah-- rens. Denn nicht immer, und je unreifer der Zögling, um so weniger, ist jede Ausdauer und Sorgfalt im Schüler vorhanden, welche die Voll-Endung verlangt. Wird aber der Vollendungswert mehr und mehr erlebt, so macht er von selbst seine bildende Kraft geltend. Natürlich hängt die Möglichkeit dieses Erlebnisses auch noch von anderer: Voraussetzungen ab. Zum allmählichen, immer tieferen Erleben der Vollendung des Werkes find gewisse Arbeiten besonders tauglich. Es sind jene Arbeiten, deren Werk der Selbst- Jüdische Schulzeitung

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