Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 12 (15.12.1926)
- Date
- 1926-12-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 in den Lehrplan des Religions - Unterrichts der Volksschule. Irgendwo hörte ich vor mehreren Jahren einmal einen Bortrag des bekannten Prof. Dr. Julius Goldstein über das Thema: „Die Schönheiten der Bibel". Das. an sich glänzende Referat klang in die Mahnung aus, die Bibel und ihre Schönheiten dem Hause doch zugänglicher 51t machen. Als einfachen und sicher leicht beschreitbaren Weg empfahl Goldstein, bei irgendwelchen Familienereiguissen statt des üblichen Gedichtchens das Kind doch einen schönen Vortrag zur Feier des Tages erlernen zu lassen. Ich griff die Idee frendigst auf und habe wiederholt Kindern, die mit solchen Wünschen sich oft au ihren Lehrer wenden, einen Psalm gegeben, der dann anläßlich der Silberhochzeit der Eltern oder zum 70. Geburtstage des Großvaters mehr Anklang fand, als das oft wenig oder nichts sagende Gedichtchen. Ich glaube Psalm 23: „Der Herr ist mein Hirt, mir wird nichts mangeln!" oder: „Ich hebe meine Angen auf zu den Bergen, von wannen wird mir Hilfe kommen... Er lasse deinen Fuß nicht gleiten, nicht schlummere dein Hüter!" sind wahrlich keine ungeeigneten Dichtungen und Herzenswünsche im Munde eines Kindes, das Vater und Mutter oder den Großeltern an ihren Ehrentagen eine . Freude machen will. Jedenfalls war mir diese Anregung auch Veranlassung, den Psalmen im Unterricht selbst mehr Aufmerksamkeit zu schenken, als es bisher geschehen war. Im Volksschulunterrichte — es braucht, wie wir gleich hören werden, nicht nur der Religionsunterricht zu sein — sollten die Psalmen in dreifacher Form erscheinen: einmal im Ueberseßungsunterricht, daun als Grundidee einer biblischen oder nachbiblischcn Zeitperiode und endlich als religiöses Gedicht. lieber das Auftreten der Psalmen im Gcbetüberseßuugsuuterricht brauche ich weiter nichts ausznführen. Das Kind der Oberstufe must sie eben in der Ursprache kennen lernen, und auf Methodisches wollte ich in meinem Vortrage nicht eingehen. Soll der Psalm den Grundgedanken einer biblischen oder nachbiblischen Zeitperiode widerspiegelu, so kann er bei mannigfaltigen Gelegenheiten znr Anwendung kommen. So sollte auf der Unterstufe bei der Behandlung der Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft stets Psalm 126 erlernt werden: „Als Gott die Heimkehrenden Zions heimführte, war's uns wie Träumenden. Da stillte sich mit Lachen unser Mund und unsere Zunge mit Jubel!" Nichts anderes kann doch gewaltiger und erhabener die Stimmung des heimziehenden Volkes wiedergeben, als dieses Wort des Sängers. Ich verweise in diesem Znsammenhange auf das neue Lehrbuch der jüdischen Geschichte von Dr. H. Fuchs, das wiederholt diesem von mir angedcuteten Prinzip stattgibt. So heistt es nach der Schilderung der macht- und glanzvollen Regierung Jochauan Hyrkaus: „Zu seiner Zeit sang man Psalm 149: Hallelujah! „Singt Gott ein neues Lied, in der frommen Gemeinde sein Lob! Israel, freu' dich mit deinem Schöpfer, mit Harfen und Tamburin singt ihm!" .... . Oder, wenn ich die stcrchtbaren Verfolgungen des Mittelalters behandelt habe, und das Kind erkannt hat, daß die Judenheit diese Schreckeuszeit nur durch den Bei- . stand Gottes hat überdauern können, dann must es auch Psalm 124 erlernen. Er gibt diesem Gedanken Raum, als wäre er eigens für das grausame Mittelalter gedichtet worden: Nummer 12 „Wäre nicht Gott mit uns gewesen, mag Israel wohl sagen — - Wäre nicht Gott mit uns gewesen, als Menschen wider uns ausstanden. Dann hätten sie uns lebendig verschlungen in ihrem lodernden Hast; Dann hätt' uns das Wasser fortgespült, der Strom hält' uns überschwemmt. Dann wären über unser Leben die wütenden Wasser geflutet. — Gelobt sei Gott, der uns nicht gab ihren Zähnen zur Beute! Die Falle zerbrach. — und wir sind gerettet! Ein Vöglein entschlüpft so der Falle der Jäger! Unser Heil ist im Namen des Herrn, der Himmel, und Erde geschaffen!" Endlich erscheine der Psalm als religiöses Gedicht. Als solches darf er getrost im Leseunterricht der Oberstnfe ganz unabhängig von der Religionsstunde geboten werden. Ich sprach weiter oben von Gesichtspunkten oder Unterrichtsproblemen, nach denen wir in unserem Bezirke unterrichten. Wenn da z. B. ein solches Lesepröblem lautet: „Treue Liebe bis zum Grabe schwör' ich dir, mein Vaterland", und es mir erlaubt ist, geeignete Dichtungen und Lesestücke nicht nur aus dem Lesebuche, sondern aus der gesamten Literatur heranzuziehen, warum sollte ich nicht auch den 137. Psalm dann lesen nnd lernen lassen, der in wundervollen Worten die glühende Vaterlandsliebe unserer Ahnen widerhallen läßt: „An den Strömen Babels, da saßen wir und weinten. Wenn wir Zions gedachten. An die Weiden dort hängten wir unsere Harfen . Wenn ich dein vergesse, Jerusalem, Verdorre meine Rechte! Es klebe meine Znnge mir am Gaumen, Wenn ich dein nicht gedenke, Wenn ich nicht Jerusalem hebe über meine höchste Freude." So habe ich u. a. bei dem Problem: In Nacht und Grau'n auf Gott vertrau! Psalm 23: „Der Herr ist mein Hirt", oder 121: „Ich hebe meine Augen zu den Bergen!" lernen lassen. Zn dem Problem: „Herbsteszeit, reife Zeit," wo selbstverständlich von der Vergänglichkeit gelesen wird, dürfen auch Psalm 90 mit seiner herrlichen Stelle: „Am Morgen wie Gras, das sprießt, am Morgen blüht es und sprießt, am Abend welkt es und dorrt!", oder Psalm 103 mit seiner unvergleichlichen Vergänglichkeitslehre: „Ter Mensch, wie Gras sind seine Tage, wie die Blume des Feldes blüht er. Wenn ein Wind über ihn hinfährt, so ist er nicht mehr, und es kennt ihn nicht mehr seine - Stätte" geboten, gelesen und .gelernt werden. Ich bin am Schlüsse meiner Ausführungen. Uns alle eint nnb treibt beirr Unterricht in der Religion die Liebe zu unserem Judentum, der unerschütterlicheGlauoean seine Sendung. Der Abfall vom Gottesglauben und der starke Jndifferentismus unserer Zeit erheischen vom Religionslehrer die Ansnannnng all seiner Knust und all seines Könnens, dann:'er das Ziel aller religiösen Erziehungsziele erreicht: Die Sammlung der Seele in Gott! In dcL Herz des Kindes die frohe Erkenntnis gesenkt zu haben, „daß Gott allein nur jenes echte persönliche Leben verleihen kann, das sich dem Vielerlei der Weltreize gegenüber unerschütterlich behauptet, und das verhindert, daß die höheren Seelenkräfte sich mit den niederen zu unreiner Mischung verbinden," sei der leuchtende Abschluß all' unseres Religionsunterrichts. Jüdische Schulzeitung.