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Jüdische Schulzeitung · 1926-11-15 · 11 (15.11.1926) · page 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
2 (1926)
Issue
11 (15.11.1926)
Date
1926-11-15
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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[Mummen! Jüdische Schulzeitung. .. .Seite 5 fallen; der innere Gehalt ist neu emporgetaucht. Die Religion will letzte Ziele, letzte Werte, letzte Wahrheiten bieten; niemand untertan sein: bettelt nicht um Anerkennung. Die Religion in stolzer Gestalt ist absolut, unmittelbar/ Gott ist 'Weltwertmacht oder Wertweltmacht. Religion als Bildungsgut ergänzt alle anderen. Das Heilige ist Letztes, alles andere ist Vorletztes; so auch das Gute, Wahre, Schöne. Religion muß immer mehr das persönlich praktische Verhalten zum Ewigen werden, immer mehr letzter Zweck. Das Ewige ist über alle Maßen wichtig als Hintergrund der ganzen Einwirkung aus die Gemüter. Das Jenseitige macht weltsrei und weltgebunden; gibt innerste Ruhe und ist zugleich Motor; gibt Ernst und Leichtigkeit im Leben; es ist tiefstes Ziel menschlicher Sehnsucht, Quell innerer Freiheit; gibt Schutz vor dem Gemeinen, Achtung der Menschenwürde auch im unwürdigsten Menschen. Alles das beruht aus Wertungen. Wertvolle Kreise der Jugendbewegung sehnen sich nach Religion. Die Schule muß nach diesem Bildungsgut greisen. An wenig Stoff muß viel Kraft entwickelt werden. Ära st ist besser als viel Stosf. Schließlich sprach Frau Ministerialrat Dr. Gertrud B ä u m e r über „Das neue Lebensgesühl und seine Einwirkung auf das deutsche Bildungsgut". Ihre Ausführungen gipfelten in folgendem: Von dem „Lebensgefühl" ist schwer zu sprechen, weil die Impulse in unserer Zeit durcheinandergehen. Dem Begriff wird viel Subjektives anhaften. Aber in dem Gefühl der Negation sind die seelischen Frontkämpfer sich einig; sie empfinden die starke Ueberladung mit Zivilisationsgütern, daß sie nicht zum eigentlichen Sein kommen. Das geht als gesunde Lebensreaktion durch alle Kreise; sic wollen die Seele schützen vor Verzettelung. Der Mensch soll nicht Mittel zum Zweck werden. Die heutige Jugend sucht neuen Humanismus, neue Art der Totalität, sucht nach irrational Lebendigem. Zweifellos ist Ueberschwang vorhanden, darum ist Selbstbesinnung nötig. Aber diese Welle verebbt jetzt nicht. Es handelt sich um eine Welle, die nach unklarem Ansschwung die Widerstände realistisch zu betrachten beginnt; die nun ihren Weg von neuem beginnt. Wir müssen den schweren Versuch machen, wie wir die „Maschine", unter der wir leiden, wieder zu unserem Knecht machen; wie wir das Menschentum wieder kräftigen. Beherrschung des Zivilisationsapparates und Schutz des inneren Menschen gleichzeitig. Die Jugendbewegung will neuen Humanismus, der die Massen ergriffen hat. Welche Konsequenzen ergaben sich aus diesem E.ntscheidnngskampf? Mit Romantik kommen wir nicht durch. Treue, Gewissenhaftigkeit, Ernst sind nötig. Keine Versrühung. Vereinfachung der Schule, keine Verwissenschaftlichung. Wir müssen Realismus lernen. Der Unterricht muß getragen sein von absoluter Ehrlichkeit der Arbeit. Die innerlich ungeheuer bewegte Jugend ist so zu bilden, daß sie ihre geschichtliche Ausgabe begreift; daß sie sieht, daß mit Romantik das Schicksal unserer Nation nicht gebessert ist. — Wo alles so lebendig ist, wollen wir nicht nur Grenzen festsetzen, sondern den Humanismus aufleben lassen, der nicht aristokratisch im alten Sinne ist, sondern der den Massen Hilst. (Schluß folgt.) --Goethe und die Juden". Rabbiner Dr. Auerbach, Göttingen. In der „Morgen-Reihe" (Philo-Verlag) ist eine kleine Schrift „Goethe und die Juden" erschienen. Die Literatur über Goethe ist wiederum vermehrt worden. Wie viel vor; dem, was über Goethe gedruckt worden ist, überflüssig ist, zeigt ein launiger und unterhaltsamer Aussatz von Emil Ludwig in der Literarischen Welt vom l. Oktober d. Js. Da werden uns Arbeiten über Goethe und die Reitkunst oder Goethe Akropolispalmen usw. genannt. Welch großer Aufwand an Mühe ist da schon nutzlos vertan worden. Auch der Gegenstand „Goethe und die Juden" läßt von vornherein dieselbe Befürchtung hegen und Bab erklärt gleich im ersten Satz, daß er „nicht ohne ein tiefes Unbehagen und ein sehr ernstes Zögern in die Erörterung dieses Themas eintcete". Doch ist die Untersuchung über „Goethe und die Juden" nicht der Laune eines Goethe-Philologen entsprungen, sondern dem bekannten Forscher und Schriftsteller vom geistigen Leben der Gegenwart ansgezwungen worden und dadurch fesselnd und bedeutungsvoll. Die Deutsch-Völkischen berufen sich in ihrem Kampf gegen ihre Mitbürger jüdischen Glaubens auf Goethe. Traurig ist es, daß recht viele im „Volke der Denker" es ihnen glauben, nicht zum wenigsten (oder hauptsächlich?) diejenigen, die mit dem Zeugnis der Reife versehen sind. Beweist dies nicht, daß unserem öffentlichen höheren Erziehungs- und Unterrichtswesen schwere Mängel anhaften? In Goethe einen Deutschvölkischen erblicken zu wollen, ist geradezu frevelhaft. Er hat natürlich in der Judengasse zu Frankfurt a. M. zum ersten Male Juden gesehen. Sie gefielen ihm infolge ihrer Geschäftigkeit und sonderbaren Sprache nicht. Sie reizten gelegentlich seine Lachmuskeln. Ihre Lebhaftigkeit behagte ihm nicht. Doch enthält seine Schilderung darüber kein gehässiges Wort. Nebenbei erfahren wir dort, warum sich Spuren von Abneigung gegen die Juden zeitlebens in seinem Wesen vorfanden. „Die alten Märchen wie Grausamkeit der Juden gegen die Chriftenkinder, die wir in Gottfrieds Chronik gräßlich abgebildet gesehen, schwebten düster vor dem jungen Gemüt". Er hat gelegentlich unfreundliche Aeußerungen über Juden hingeworfen. Sie sollten nicht auf die Goldwage gelegt' werden. Sie sind auch gar nicht immer ernst und böse gemeint. Sein Freund Knebel klagte ihm, daß ihm das Essen bei Herrn Starke nicht bekommen habe, infolge der albernen Unterhaltung, die ein Herr Einsiedel und sein Nachbar mit ihm geführt hätten. Goethe schrieb ihm darauf: „Dein schlecht verdautes Abendessen beklage ich. Es ist freilich schwer, sich in Geduld zu fassen, man muß aber bedenken, daß es nur eines Betteljuden bedarf, um einen Gott am Kreuze zu verhöhnen." Was für Wesens hat man aus dieser gänzlich belanglosen Stelle gemacht. Ueberdies ist es sehr zweifelhaft, ob es ein Jude gewesen ist, der durch sein Geschwätz Knebel Verdauungsbeschwerden bereitet hat. Goethe bediente sich in bezug auf die Juden häufig der Ausdrucksweise seiner Zeit, wie viele in der Kleinstadt noch heure vom Juden sprechen, wo sie den Kaufmann meinen. Sie klang hart oder verletzend, ohne es sein zu wollen. Den Geisteserzeugnissen der Juden brachte er größte Beachtung entgegen. Der Bibel verdankte er unendlich viel. Er war mit ihr wohl vertraut. „Die Psalmen und Propheten lehrten ihn die Sprache der Inbrunst". Der berühmte „Prolog im Himmel" im ersten Teile des Faust ist dem ersten Kapitel des Buches Hiob nachgebildet.' Es gab freilich Zeiten, da er mit dem alten auch das Neue Testament, mit dem Judentum auch das Christentum verwarf und bedauernd ausrief: „Wäre Homer unsere Bibel geblieben, welch eine ganz andere Gestalt würde die Menschheit dadurch gewonnen haben". Wie hoch er Spinoza verehrte, ist bekannt. Moses Mendelssohn nannte er „einen unserer würdigsten Männer". Das Verlangen der Aufklärung, die Juden von mittelalterlichem Druck zu befreien, unterstützte er zwar nicht, weit . er. ein Feind

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