Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 11 (15.11.1926)
- Date
- 1926-11-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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längst ucrgangcncr Tage zu tun hat; vielleicht besitzt die Gemeinde alte Urkunden, alte Geräte, die aus früheren Zeiten des jüdischen Gemcindelebeus berichten. (Schlich folgt.) Dom pädagogischen Liougretz in Weimar. Vom 7. bis 9. Oktober tagte in Weimar der vom deutschen Ausschuft für Erziehung und Unterricht veranstaltete „pädagogische Kongreß". Prof. Dr. Litt- Leipzig referierte über das Thema „Die gegenwärtige pädagogische Lage unb ihre Forderungen". Redner führte folgendes aus: Der Pädagoge muß die Zeit erkennen. Seit der Reichsschul konferenz haben sich verschiedene Gruppen herausgearbeitet, die Ideen sind kontrolliert durch die pädagogische Praxis. Eine Bestandsaufnahme kann gewagt werden. Die gegenwärtige Lage der Pädagogik charakterisiert sich als ein Absinken einer durch die Erschütterungen der Zeit emporgetriebenen Welle von pädagogischem Enthusiasmus und pädagogischem Eroberungsdrang. Eine Besinnung ist notwendig. Die Pädagogik glaubte eine Neugcstalterin des menschlichen Daseins zu werden: Man verlangte Autonomie der Pädagogik, pädagogische Diktatur, es entstand Expensionsdrang der Pädagogik. In diesen Bestrebungen lag geschichtliche Notwendigkeit. Dieser Machtanspruch der Pädagogik kann nötig, kann sogar gut sein. Die Pädagogik ist jedoch zu dieser Vorherrschaft nicht berufen und nicht befähigt. Aus einer pädagogischen Idee kann z. B. kein Staat, keine Religion entstehen. Die Pädagogik kann andere Lebenskräfte nicht normieren. Wenn sie glaubt, Herrscherin zu sein, macht sie verstohlen Anleihen. Die Pädagogik muß sich mit anderen Potenzen auscinandersctzen, aber nicht Alleinherrscherin sein wollen. Dadurch wird sic abhängig. Die Pädagogik war einem Allmachtsschwindel verfallen. Aus ihrer Autonomie leitet sie einen universalen Herrschaftsanspruch ab und wird Dienerin derjenigen Kultnrmächte, die sie zu püdagogisieren glaubt. Ein Führeranspruch des Pädagogen entsteht, kann aber nicht ernstlich sestgehalten werden. Pädagoge als Führer kann Anmaßung bedeuten^ Dies wird besonders dann deutlich, wenn man sich erinnert, daß viele nicht Pädagogen werden aus Berufung, sondern aus anderen Rücksichten. Erziehertum und falsch verstandenes Führertum schließen sich aus. Die Selbstbegrenzung, die gegenwärtig im Gange ist, wird in Wahrheit zur Selbstbefreiung des echt pädagogischen Geistes. Freilich wird diese Selbstbegrenznng nur dann den positiven Ertrag der letzten Epoche in sich aufnehmen können, wenn sie nicht zu einer Abkapselung wird. Aus den Uebecschwang folgt erneute Konsolidierung, die nicht Rückfall werden soll. Andere Mächte haben ihre Autonomie wie die Pädagogik. So wollte die Pädagogik einen neuen Staat bilden, der Staat soll pädagogisiert werden. In der Theorie kann die Rechtsordnung des Staates mit pädagogischen Motiven erfüllt werden; aber in der Wirklichkeit drängen sich politische Motive ein, man gehorcht dem politischen Instinkt. Hinter der pädagogisierten Politik steht politisierte Pädagogik. Pädagogik muß sich ans ihren reinen Silur zurückziehen, muß sich entpolitisieren. Pädagogik darf nicht Staatsschulmeister sein wollen; Pädagogik darf aber auch nicht der Politik unterworfen sein. So kann Pädagogik auf die Wirtschaft einwirken wollen, und sie gerät in Knechtschaft. Pädagogik wollte die Wissenschaft erlösen; neue Wissenschaft sollte entstehen, die Gestalterin des Lebens sei. Aber die Pädagogik inspirierte die Wissenschaft nicht, sondern die Wissenschaft hat die Pädagogik überflutet. Sogar die Mädchenbildung wird verwissenschaftlicht. So kann auch die Kunst, die Religion, die Sittlichkeit durch Wissenschaft infiziert werden. Die „autonome" Pädagogik ist eine Sklavin geworden. Wechselseitige Auseinandersetzung ist nötig. Dafür kann aber keine allgemeine Formel geschaffen werden. — Weiter eine andere Grenzbewegung: Wir müssen der Erziehung Grenzen setzen, indem wir fragen, was wir an Effekt unfercr Arbeit erwarten dürfen. Das Notwendige muß geschehen, und die Bildungsgänge müssen so gestaltet werden, daß auch der Durchschnittspädagoge etwas erreicht. Das ist nicht immer beachtet worden. Das Handwerkliche, das Elementare (im guten Sinne ausgesaßt) wird oft vernachlässigt zugunsten hoher Ideale, siehe Rechnen, Vokabelternen, Grammatik nsw. Freilich darf nichts bloß technisch sein, sonst ist das Pädagogische entflohen. Z. B. ist auch der Schrerbttntcrricht nicht bloße Technik, sondern er läßt auch Kulturerfahrung machen. Eine nur technische Seite des Deutschunterrichts.gibt es nicht. Die Sprache ist Grundferment des geistigen Lebens, wodurch das Kind mit dem Geiste des Volkes verbunden wird. Das handwerkliche Tun soll nicht der technischen Entseelung verfallen. Sehr häufig sei die Klage: Sinn und Neigung zu fester Arbeit sei nicht mehr da, kein liebevolles Abgeben mehr mit dem Kleinen. Das sei in allen Schulen so, auch in der Hochschule. Es handelt sich hier aber nicht um das Schulkonto der erzieherischen Mächte, sondern um den Geist der Zeit. Die Pädagogik darf aber dies Abwegige nicht fördern. Endlich darf der Unterricht neben der Erziehung nicht vergessen werden. Ost wird es als ein Vorwurf aufgefaßt, wenn 'die Schule als Uuterrichtsanstalt bezeichnet wird. Die Antithese Unterricht-Erziehung gibt es nicht. Die sittliche Forderung darf die sachliche Forderung nicht ansheben. Für viele Durchschnittspädagogen ist nur der Unterricht das Gebiet, wo sie erziehen können, wo sie wertvollen Einfluß haben. Also müssen wir eine Rehabilitierung des Unterrichts fordern. Der Sinn der Pädagogik wird damit nicht gekürzt. Der Begriff „Schulmeister" steht schlecht in Kurs, auch diesen Begriff gilt es zu rehabilitieren. Wo der Genius nicht da ist, kann die behördliche Verordnung nichts schaffen. Das Empörstreben in Unterricht und Erziehung läßt die Oberflächlichkeit erwachsen, die unteren Stationen werden übersehen, Verfrühungen treten ein. Man will den Ausblick der Höhe ohne die Mühseligkeiten der Tiefe. Besinnung, Begrenzung, Ruhe! Die verantwortungsvollsten Pädagogen wollen das. Aber der Zeit fehlt doch selbst die Ruhe, darum ist bewegtes Leben der Schule nötig, so sagen andere. Wir sollen jedoch nicht für Unruhe in der Schule sorgen, das geschieht schon von selbst. Die Schule ist insofern eine konservierende Macht, als sie wertvolle Güter im Strudel des Lebens erhalten muß. Dem organisierten Bildungswesen muß Arbeitspause gelassen werden. Wir müssen zur Erdenwirklichkeit zurück. Prof. Dr. Nie bergall, Marburg, sprach über „das religiöse Problem der Gegenwart und seine Auswirkung aus das deutsche Bildungsgut". Seine Gedantengänge waren folgende: Religion will nicht von der Pädagogik mißbraucht werden, sie stellt sich aber der pädagogischen Ausgabe zur Verfügung als Vildungsgut. Wie verhält sich Religion zur Kultur? Die Kultur hat die Religion problematisch gemacht; aber die Religion hat sich gerächt, indem sie die Kultur problematisch gemacht hat. Die Kultur hat die Religion in Krisis gebracht; aber es gereichte.der Religion zun- Segen, die Religion hat sich aus ihr i eigenes Weser besonnen. Die Form ist zum Opfer ge-