Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 11 (15.11.1926)
- Date
- 1926-11-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Jüdische Schulzeitung. Nummer n streichen. Die Rücksicht auf Vater und Mutter erfordert, allerdings eine taktvolle Behandlung solcher und ähnlicher Vorschriften; sie;; müssen aber durch schonungs- und verständnisvolles Eingehen auf die schwierigen sozialen Verhältnisse unserer Zeit selbst dem Kinde des indifferentesten Elternpaares geboten werden. Einfach und einleuchtend bestimmt ein anderer jüdischer Religionslehrcr — Wolsgang Wessely — in seinem Leitfaden beim Religionsunterricht der israel. Jugend die Aufgabe desselben: „Durch den Religionsunterricht soll religiöse Erkenntnis gefördert, ein gläubiger Sinn geweckt, das religiöse Gefühl angeregt, das moralische Urteil geschärft, der sittliche Wille bestimmt und befestigt werden. Ferner muß mit dieser Gesinnung eine feste und dauernde Anhänglichkeitan das Judentum, an dessen Lehre und Geschichte Hand in Hand gehen, und die Ueberzeugung von Israels geschichtlicher Sendung und seiner heiligen Aufgabe in seiner und der Menschheit Mitte." Das ist ettvas lang gefaßt, kommt aber dem Ideal recht nahe. Ganz zeitgemäß und in kurze, kxrnhaste Form gefaßt ist das Ziel, welches die Frankfurter jüdische Lehrerschaft dem von ihr herausgegebenen Lehrplan vorausschickt: „Der israelitische Religionsunterricht verfolgt das Ziel, die jüdische Jugend auf Grund des Verständnisses der jüdischen Lehre zu religiös-sittlichen Persönlichkeiten zu erziehen und zur Teilnahme am Leben der jüdischen Gemeinde zu befähigen." >. Meine Damen und Herren! Ich glaube, daß wir dieses Ziel des Religionsunterrichts auch einem Lehrplan voranfchicken dürfen, der unseren rheinisch-westfäl. Verhältnissen Rechnung tragen soll. Vielleicht daß wir sagen: „Der israelitische Religionsunterricht verfolgt das Ziel, die jüdische Jugend auf Grund des Verständnisses der jüdischen Lehre, aber mit Rücksicht auf die schwierigen sozialen Verhältnisse zu u. s. f." Demnach gilt es, in den Lehrplan zunächst Stoffe aufzunehmen, die dem Kinde Verständnis der jüdischen Lehre vermitteln. Das tun mehr oder weniger sämtliche Zweige des Religionsunterrichts. Zu religiös-sittlichen Persönlichkeiten werden die Heranwachsenden Geschlechter durch das Vorbild und Beispiel sittlich hochstehender Personen aus der Bibel und der nachbiblischen Geschichte, ferner aber auch durch Vermittlung religiös-sittlicher Pflichten, die dem gesamten religiösen Stoffe entnommen und dem Kinde immer wieder zum Erleben gebracht werden müssen. Die Befähigung, zur Teilnahme am Leben der jüdischen Gemeinde endlich erreichen wir insbesondere durch die Kenntnisse in der hebräischen Sprache, Kenntnis der Liturgie, aber auch durch die religiösen Anschauungsstoffe in Haus und Synagoge. Gerade diese'Anschauungsstofse, die der Beobachtung und der sich daraus ergebenden .Hingabe und Liebe dienen, sind in unserem heutigen Religionsunterricht deshalb von fundamentaler Bedeutung, weil das Elternhaus selbst dem religiösen Leben viel zu gleichgültig gegenübersteht, und die Religionsschnle es in dieser Hinsicht nach Möglichkeit ersehen muß. Ich will darum, wenn ich nunmehr auf Einzelheiten in einigen Fächern des religiösen Unter richts und auf die' mir zuteil gewordene Erfahrung näher eingehe, bei diesen Anschauungsstoffen zunächst verweilen. Für die wichtigste Anschauung des religiösen Lebens halte ich den Besuch des Gotteshauses und die Miterfüllnng der mannigfaltigen religiösen Gebräuche, soweit sie im Bereiche des Möglichen liegen und den sozialen Verhältnissen sich anpassen lassen. Der Lehrer setze seine ganze Persönlichkeit dafür ein, daß wenigstens der Freitagabendgot-tesdienst, von den Volksschülern aber auch der Sabbatmorgengvttesdienft besucht wird. In meiner Gemeinde bekommen auch die Schüler der höheren.Schulen eine Stunde am Säbbatmorgen zum Besuche des Gottesdienstes frei. Alles.Schildern und Ausmalen religiöser Bräuche wie das eines Sederabcnds oder des Anzündens der Lichtlein am Weihefeste wird nichts helfen, wenn dem Kinde nicht Gelegenheit gegeben ist, den Brauch auch selbst zu üben. So bin ich stolz darauf, daß trop mannigfachen Jndifserentismus keiner meiner Schüler und keine meiner Schülerinnen ohne Scderabcnd ist. Kann sich der Vater selbst nicht entschließen, Seder zu geben, so findet auf meine Veranlassung das Kind Gelegenheit bei Bekannten und, wenn es sein muß, bei mir selbst. Was an Gegenständen des Kultus in Gottes- Hans und Familie gebraucht wird und vorhanden ist, wird den Kindern bei jeder sich bietenden Gelegenheit auch noch im Unterrichte der Oberstufe zur Anschauung gebracht: so das Schvsar, der Feststranß, eine Megillod, eine Sederschüssel und decgl. mehr. Zum religiösen Anschauungsunterricht gehören aber auch neben den anschaulichen Fül>rungen der Schüler in die Synagoge und zu den Bräuclien, solche zum Friedhof, besonders auch, wo er vorhanden ist, zum „alten guten Ort", zu Wohlfahrtseinrichturgen, künstlerischen Darbietungen und zu allem Quellenlnaterial — Urkunden, Schutzbriefen, alten Inschriften, Familiennamen und Beinamen — kurz zu allem, was in der Gemeinde an Anschauungsstosfen sich bietet. Ein nicht zu unterschätzender Faktor zum rechten Erleben der religiösen Erscheinungsformen und auch der Religion an sich ist das, was ich „Gelegenheitsunterricht" nennen möchte. Ich habe damit reichlich gute Erfahrungen gemacht und mich schon lange dazu entschlossen, demselben je nach Notwendigkeit 15 Minuten von einer Religionsstundc zu widmen. Abgesehen davon, daß ich damit dem Acbeitsunterrichtsprinzip mehr wie gerecht werde, habe ich meine Schüler der Oberstufe zu einem recht scharfen Beobachten des religiösen Lebens herangezogen. Alles was ihnen fremdartig, neuartig, unverständlich erscheint, wo es ihnen auch immer begegnet, und soweit es selbstverständlich religiös verwertbare Gedanken in sich trägt, dürfen sie zu einer Frage formulieren, die dann in möglichst freier 'Aussprache mit der ganzen Klasse besprochen wird. Man kann tatsächlich nicht im Verlaufe des Unterrichts auf alle Kleinigkeiten des rcl. Lebens eingehen. Weil doch aber oft gerade diese Kleinigkeiten für die Uebung des religiösen Kultus nicht bedeutungslos sind, habe ich die Kinder an ihre Beobachtung gewöhnt. Ich stelle sehr oft Beobachtungsaufgaben: Achtet kommenden Samstag auf das Thoravorlesen! Beobachtet am 9. Aw genau die Synagoge! u. dergl. m. Die. Beobachtungsaufgaben treten allmählich zurück und es setzt eine Beobachtung aus eigenem Antriebe ein. So hörte ich fragen: Warum sind heute zwei Thorarollen ausgehoben? Warum wurde der Herr N. heute (eine Religionsstunde ist am Samstag) zweimal hintereinander anfgerusen? (war kein Lewi da). Warnm wenden Sie sich beim letzten Vers des Lcho dandi zur Tür? Warum wurde am letzten Feiertag der Thoraschrank mehrmals geöffnet? Aber nicht nur das gottesdienstliche, auch das tägliche Leben bringt solche Gelegenheitsunterrichtsstoffe. So erhielten vor einigen Monaten eine Reihe von Familien ein in hebr. Sprache gedrucktes Büchlein: „Die Ankunft des zweiten Messias". Ein Missionsbuch war es, das von einer Missionsgesellschast in Chicago verschickt wurde. Was war natürlicher, als daß die Kinder es mit zur Schule brachten, wo es dann willkommene Gelegenheit