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Jüdische Schulzeitung · 1926-10-15 · 10 (15.10.1926) · page 6

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Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
2 (1926)
Issue
10 (15.10.1926)
Date
1926-10-15
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Jüdische Schulzeitung. Nummer 10 Sport und Spiel, sofern sic den psychischen und physischen Gegebenheiten angemessen und geistig-seelisch verankert sind. Den: Kind bis zu 12 Jahren gewährt das Bewegungsspiel die natürliche Betätigung, ohne Anforderungen zu stellen, die seine enüvickelungsmäßig bedingte, egoistische Einstellung nicht erfüllen kann. Mit 12 Jahren ist der Verstand des Kindes soweit entwickelt, daß es sozialen Einsichten zugänglich, und damit reif ist zu Parteispielen. Ihr erzieherischer Wert liegt in der wechselseitigen Verpflichtung des Einzelnen und der Gemeinschaft, in der Gelegenheit zur Selbsterziehung, in dem Eigenwert des Spieles als natürlichem Quell der Freude und der Kraft. Anregung und Belebung gewähren den Kindern Wanderungen, und diese gewinnen pädagogisch höheren Wert, wenn eigene Führung der Schüler ihr Selbstbewußtsein und Vertrauen und ihr Vertrauen zu den Erziehern weckt und hebt. Dem gleichen Zweck der Selbstcrziehung und der Erziehung zur Arbeit für andere dienen z. B. in Ahlem ein Kausmannsladen in der Anstalt, von Schülern geleitet und überwacht, für den Einkauf der Schüler eingerichtet, zur. Verwendung des Erlöses im allgemeinen Schülerinteresse bestimmt. Der Wille zur Sclbsterziehung hat dort auch die Begründung des Schülervereins veranlaßt, der sich die Förderung der Anstaltsziele zur Aufgabe macht durch Erziehung seiner Mitglieder zu arbeitsfrcudigen, aufrechten, an Körper und Geist gestählten Menschen. Die Bedingungen des Vereins entspringen einer sittlich geschulten öffentlichen Meinung und rechtfertigen die freie Aeußerung und tätige Teilnahme der Schüler bei organisatorischen Fragen wie'bei festlichen Anlässen. Erwähnt sei noch der Unterricht im Schwimmen, Samariter-und Feuerwehrdicnst, der zur Hilfe in Not und Gefahr befähigen soll, um damit die Ausführungen abzuschließen, die das Arbeitsprinzip in der Erziehung im Dienste der Heranbildung eines gesunden, geistig regen und tüchtigen Geschlechtes zum Segen für die jüdische Gemeinschaft wie des deutschen Vaterlandes aufzuweisen und zu propagieren bestimmt sind. '■i-- " ) .- Ansprachen beim Jugendgottesbiensi. Von Rabbiner Dr. Gottschalk. 8. Frömmigkeit. Liebe Kinder, - es ist euch bekannt, daß früher von den Juden Tieropfer dargebracht wurden. An Stelle dieser Opfer nun ist schon seit langer Zeit das Gebet getreten. Und doch kann man behaupten, daß grade der Satz aus den Opfervorschriften, den wir eben vernommen haben, sehr schön auch auf unser Beten paßt. Ich meine das Wort: ,-Jhr sollt mir nichts Fehlerhaftes darbringen.^ Liebe Kinder," stellt euch vor, wir gingen miteinander nach dem Gotteshaus. Natürlich sind wir vor dem Anfang da. Aber zu unserer Verwunderung sind erst wenige Plätze besetzt, und auch eine Stunde nach dem Anfang kommen immer noch Beter. Wie — fragen wir uns — wenn wir ins Theater gehn, ist die Zahl der'Zuspätkommenden doch so gering, . und es handelt sich dann höchstens um wenige Minuten. Und wenn wir eine Reise machen, wird es noch seltner Vorkommen, daß jemand die Zeit der Abfahrt versäumt. Aber zum Gottesdienst kommt man ganz nach Belieben, ,fragt nicht darnach, was man versäumt und ob man den anderen stört oder nicht! Muß man hier nicht schon ausrusen: „Ihr sollt mir nichts Fehlerhaftes darbringen". — Denn ist solch ein Gebet nicht fehlerhaft? Gleicht es nicht dem Opsertier von einst, das Gott eben deshalb nicht angenoh-m war, weil es Fehler hatte? Nun seid ihr aber im Gotteshaus und habt euren Pla; eingenommen. Habt ihr aber auch nicht das Gebetbuch vergessen? Ich muß danach fragen, denn ich habe schon Leu:? gesehn, die sich im Gotteshaus plötzlich daran erinnerten, daß sie ihr Gebetbuch zu Haus gelassen haben. ' Aber dafür sind sie nun hoffentlich desto andächtiger?. Als ich jung war, liebe Kinder, und mit meinem Bare: das Gottestaus besuchte, habe ich mir stets vorgenommm. recht andächtig zu sein. Aber nicht immer war das möglich. Hinter mir oder neben mir saßen Leute, die, statt p beten, sich laut miteinander unterhielten. Ohne es zu wollen, mußte nran alles mit anhören. Und sie sprachen über Dinge, die wirklich nicht ins Gotteshaus gehören, z. B. von dem, was in der Zeitung stand. Aber auch das fiel mir au'': so mancher nahin eine Haltung ein, die siä für ein Gotteshaus nicht paßte. Ja, mancher stand plötzlich auf, drehte sich um und starrte die hinter ihm Sitzen den an! Und wieder dachte ich: wenn diese Menschen vor einem Vorgesetzten stehn, wenn sie in einem Konzert oder einer Gesellschaft sind, dann nehmen sie eine schöne und ruhige Haltung ein, dann wollen sie zeigen, daß sie zu den Gebildeten gehören. Hier im Gotteshaus glauben sie, bas nicht nötig zu haben. Muß man da nicht wieder ausrufen: „Ihr sollt mir nichts Fehlerhaftes'darbringen! Feh' lerhaft ist euer Betragen vor Gott! Doch nun komme ich zu dem Wichtigsten. Ihr seid ja nicht immer im Gotteshaus, ja den kleinsten Teil eurer Lebens nur. Sonst seid ihr im Haus, auf der Straße, in der Schule und später im Beruf. Und auch da gilt es, an unfern Satz zu denken. Betet ihr beispielsweise im Haus, — glaubt ihr, es ist andächtig, wenn ihr einige Seiten aus dem Gebetbuch ganz schnell durchfliegt, ohne an den Inhalt überhaupt nur zu denken? Der Talmud sagt: „Ein Gebet ohne Andacht ist wie ein Körper ohne Seele" und „besser wenig mit Andacht als viel ohne Andacht". Aber, liebe Kinder, das Gebet oder die Feier des Sab' baths und der Feste — sie sollen ja auch nur a n r eg er. ein gottgefälliges oder, wie man sagt, frommes Leben zu führen. Aber leider wird kein Wort von den Menschen ft falsch gebraucht wie dieses Wort „fromm". Manche, ft viele, glauben, sie verdienen diesen Namen schon, wenn sn sich eifrig um den Tempel, das Beten und die Feste kümmern. Sonst aber glauben sie tun zu können, was s:c wollen. Ihr Leben, so denken sie, braucht kein fromm!! zu sein. Scht, das ist ebenso, wie wenn jemand andauernd zu mir sagt: „Ich bin dein Freund, und ich liebe dich/ Mir aber doch nicht hilft, wenn ich in Not bin. Ein solcher Mensch ist nichts anderes als ein Heuchler. Und Heuchler sind darum auch alle die, die im Tempel, beim Beten und an den Feicrtagcn sich fromm st e l l e n, sonst aber schleck:: Menschen find, lügen und betrügen und niemandem helfen! Für sie gilt wieder da sWort unserer Bibel: „Ihr sollt mi: nichts Fehlerhaftes darbringen!" Fehlerhaft ist ihr Her^ fehlerhaft ist ihr Leben, fehlerhaft ihre Frömmigkeit. Und scharf werden solche Menschen in unserem 50. Psalm getadelt: „Zum Frevler aber spricht Gott: was redest dr immer von meinen Gebeten? . . . Wenn du einen Dich siehst, so gefällt es dir bei ihm . . . Deinen Mund ösfncß du zum Unheil und deine Zunge zettelt Betrug an!" - Wie man aber beides vereinigen kann — frommes Veten und .frommes Leben, das zeigt auch ein Gedicht Jakch Löwenbergs: „Des Vaters Gebetbuch". Dort heißt cs: „Ich sah, wie Du im Morgengrauen Fo erwandertest, tagaus, tagein. Wie müde Du nach Haufe kehrtest Spät abends bei der Sterne Schein ...

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