Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 10 (15.10.1926)
- Date
- 1926-10-15
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2825247-2825294-2825304--0118-2825697- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nummer 10 Jüdische Schulzeitung. __ >_ Seite 5 Z! ohne daß doch der nationale Wille, d. i. der Wille, das Werl der Väter fortzufi'chren und zu erhallen, erlischt. Co verstehen >vir weiter, warum die Menschheit als Ganzes nicht gradlinig aussteigt, sondern unter harten Kämpfen, mit Rückschlägen, auf Umwegen sich hinaufpslanzen muß. Wir merken, daß wir als Väter und als Vertreter der Väter unsere Erziehungskunst und -traft tinznstellen haben auf einen ganz neuen Komplex unerwarteter Probleme, auf die ich heute nur in aller Bescheidenheit hindcuten wollte, um das Interesse insbesondere der jüngeren jüdischen Lehrergeneration für die junge Wissenschaft der Psychoanalyse zu gewinnen. Wenn ich nun schließe, darf ich noch einem schon .eingangs berührten Gedanken finen neuen Ausdruck geben: Aus dem Gegensatz und der Rivalität erwächst Fortschritt, denn der Streit ist der Vater der Dinge. Die Katastrophe jedoch erwächst bei allem Gegensatz der Generationen erst aus dem Unverständnis und dem Mißverständnis. Nur dort wird der Gegensatz zum Unglück, wo der Vater den Sohn, der Sohn den Vater nicht kennt. Darum, vor allem andern, laßt uns unsere Seelen unfern Söhnen öffnen, durch Offenheit und Wahrhaftigkeit uns ihr Vertrauen gewinnen, damit sie ihre Seelen uns offenbaren. Aber laßt uns auch, soweit wir Lehrer sind, all das wissenschaftliche Rüstzeug anlegen, das uns ermöglicht, unsere Schüler, denn sie sind jaauch unsere Kinder, selbst da zu verstehen, wo sie selbst sich nicht verstehen; Kümmernisse der Seele zu lindern, Verstrickungen zu lösen, der Heranwachsenden wie der erwachsenen Jugend Stütze, Hort, Freund zu sein. Wenn dann einst Elia kommt, um die Gemüter der Väter den Söhnen, die Gemüter der Söhne den Vätern zuzuwenden, — wir haben ihm getreulich vorgearbeitet und empfangen ihn freudigen Rufes: „Wir grüßen Dich, wir, Deine Wegbereiter!" Das Arbettsprinzip in -er Erziehung. (Auszug aus einem Vortrag auf der Tagung des Vereins der Leiter und Leiterinnen jüdischer Erziehungsanstalten Deutschlands.) Von Direktor Silberberg-Ahlem. Die Anwendbarkeit des Arbeitsprinzips in der Erziehung hat ihre Gründe erstens in der sittlichen Notwendigkeit der Erziehung überhaupt, d. h. in der Bildung des guten Willens im besonderen, zweitens in der Erreichbarkeit dieses Zweckes durch Arbeit mit anderen und für andere. Was die Kulturgeschichte als Früchte der Arbeit aufweist, die die M e n s ch h e i t, durch Not gezwungen, oder in Einsicht und Ausdauer vollbracht, das bestimmt auch für den Einzelnen die Arbeit zum vorzüglichsten Erziehungsmittel. Auf eine Zeit der Ueberwertung der intellektuellen Bildung, die praktisch kaum mehr als Kenntnisvermittlung war, folgt die Besinnung auf die kindliche Eigenart und ihre Entwicklung: Ein gesundes Kind hat das Bedürfnis nach körperlicher Betätigung; dieser Tätigkeitsdrang verlangt nach Führung; verantwortungsbewußte Erziehung wählt aus der Fülle der möglichen körperlichen Betätigungen jeweilig die kulturell bedeutsame, die pädagogisch wertvolle und die kindgcmäße Arbeit aus. Es ist einleuchtend, daß der Ackerbau in diesem Sinne hervorragende Kulturarbeit ist, und weil der Gartenbau als seine höchste Entwicklungsstufe menschliche Leistungsfähigkeit am reinsten erkennen läßt, weil er leicht durchführbar und in seinen Teilausgaben jedem Alter anzupassen ist, dabei die ganze Fülle geistiger und ethischer Anregungen zur Geltung bringt, deshalb ist der Schulgartenbau höchstwertiges Erziehungsmittel. Die Anlage des Schulgartens soll Gemüse-, Obst- und Blumenbau umfassen. Er hat Anschauungsmaterial für den Unterricht zu liefern, macht vertraut mit Arznei- und Giftpflanzen, gibt Gelegenheit, Witterungskunde zu treiben und Vögel und Bienen zu beobachten und zu pflegen. Zu erwähnen bleiben die soziale Bedeut tung der gemeinsamen Arbeit, die gesundheitfördernde Wirkung der körperlichen Betätigung im Freien, schließlich die volkswirtschaftlich erwünschte Verbreitung des landwirtschaftlichen Interesses, zumal im Dienste der für den Juden so wichtigen Berufsumschichtung, Vorteile, die die Einführung landwirtschaftlicher Tätigkeit teils gewährt, teils erhoffen läßt. Nächst dem Schulgartenbau ist der Handfertigkeitsunterricht das wesentlichste Gebiet ° zur Anwendung des Arbeitsprinzips. Diesen Standpunkt haben die bedeutendsten Pädagogen der Vergangenheit vertreten (Komenius, Locke, Rousseau, Salzmann, Pestalozzi), für ihn treten führende Männer der Gegenwart ein (Rein, v. Schenkendorsf, Gaudig, Kerschensteiner, Simon) und ihnen verdanken wir die Entstehung von zahlreichen Ausbildungsstätten als Vorbereitung des allgemein neu aufzunehmenden Werkunterrichtes. Wie das Werkzeug aus primitiven Anfängen zu höchster Zweckmäßigkeit entwickelt wurde, so ist es notwendig, die ungeübte Hand durch frühzeitigen andauernden Gebrauch des Werkzeuges zu möglichst vollkommener Muskelbeherrschnng zu führen. Die Methodik des Handsertigkeitsuntcrrichtes geht aus von dem kindlichen Beschästigungstrieb (Fröbel) und verlangt die Anpassung der Aufgaben an die Entwickelung des Kindes' dazu gehört, daß der Unterricht dem Kinde interessant bleibt, auch wo die Gewinnung von Grundfertigkeiten mühsam ist. Die Herstellung gebrauchsfertiger Gegenstände, die geometrisch genau, geschmackvoll und schön sind, gebe hem Kinde die Ueberzeugung von dem Wert und der Wichtigkeit seiner Leistung. Der Unterricht erfolgt in Gruppen, grundsätzlich nach dem Alter, gegebenenfalls nach der Eignung der Schüler gebildet. Die Vorstufe (6—8 Jahre) formt in Plasteline und Ton und schreitet fort zu Arbeiten in Naturholz, um den Gebrauch von Hammer, Nagel, Messer und Zange einzuüben. Kinder von 9—12 Jahren lernen an Papparbeüen geschmackvolles Material sauber und zuverlässig zu ühönen Formen verarbeiten und finden Unterweisung in buchbinderischen Arbeiten, die ihrerseits auch den Anstaltsbibliotheken zugute kommen. Auf die Papparbeit folgt die Hobelbankarbeit, die mit ihren wachsenden Anforderungen an die Konzentration und Geschicklichkeit der Schüler deren Freude an der Ueberwindung des Material- Widerstandes, d. h. an der eigenen Leistung steigert. Gleichwertig der Holzarbeit ist die Metalltechnik mit ihren größeren Schwierigkeiten, die noch ergänzt wird durch die Verarbeitung von Glas zu physikalischen Apparaten und anderen Lehrmitteln. Der praktische Wert der Schülerarbeit für die Anstalt gewährt den Kindern eine Genugtuung, die nur geeignet ist, den Handfertigkeitsunterricht den Kindern auch lieb zu machen, da er ihnen bedeutsam ist durch die Belehrung über den Wert der Arbeit, des Fleißes und der Willenskraft, durch die Einsicht in das Können anderer, durch die Erkenntnis der Würde jeder ehrlichen Arbeit. Was von dem Wert der genannten Handarbeit gilt, gilt in gleichem Maße von den weiblichen hauswirtschastlichen Arbeiten, wie sie in Erziehungsanstalten für weibliche Zöglinge zu pflegen sind. Der Notwendigkeit gründlicher körperlicher Schulung und damit dem Arbeitsgedanken dienen vorzüglich Turnen,