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Jüdische Schulzeitung · 1926-10-15 · 10 (15.10.1926) · page 4

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Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
2 (1926)
Issue
10 (15.10.1926)
Date
1926-10-15
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 mancher hinzusetzen, „habe auch Söhne, und hoffe doch stark, daß sie mich nicht als Rivalen in punkto 3, 2 oder gar 1 oder in allen dreien ansehen." Wir selbst sind schließlich alle Erzieher fremder Kinder und wissen, daß auch bei ihnen solche Dinge nur sehr selten wahrzunehmcn sind. Zugegeben! Aber sehen wir uns doch einmal iu unserer Zeit, in unserer Familie um. Schon die elementare Macht der Jugendbewegung ist nichts anderes, als der leidenschaftliche Kampf der jungen Generation in und mittels jeder Einzelperson gegen die Lebensanschauungen und Lebensformen der in jedem einzelnen Vater vertretenen alten Generation; d. h. jeder einzelne Jugendliche muß gegen 'jeden einzelnen Vater stehen! Und welcher Vater, welche Mutter hat -niemals das drei- oder vierjährige Söhnchen sagen hören: Vater, (oder Papa), wenn du mal gestorben bist, dann heirate ich die Mutter! Oder wenn noch präziser nach einem kleinen Konflikt zwischen Vater und Söhnchen das Söhnchen unter Tränen lächelnd fragt: Papa, soll ich dich mal totstechen? Dann heirate ich die Mama! Wir sind geneigt, zu sagen: Das Kind scherzt; aber Kinder nehmen auch Scherz, d. i. Spiel, ernst; genau so ernst, wie wir Erwachsenen — das Spiel des Lebens. Man wende auch nicht ein, daß sich aus solchen kindlichen Gclcgenheitsäußerungen keine psychologischen Schlüsse ziehen lassen. Das Gegenteil ist der Fall. Nur in der frühen Kindheit äußert der Mensch seine Gedanken und Empfindungen unverfälscht. Je länger und gründlicher seine Umgebung, die „Gesellschaft", ihn erzieht, desto besser lernt er, seine Gedanken zu verbergen, wo ihr Ausdruck ihm voraussichtlich den Gegendruck der Außenwelt einbringt; er lernt im Laufe der Jahre sogar, sie bis zur völligen Vergessenheit jeweils in dem Maße zurückzudrängcn, als sie seiner allmählich wachsenden Erkenntnis der sozialen Notwendigkeiten (seinem „sittlichen Bewußtsein^) widersprechen. Wem das nicht gelingt, den nennen wir einen Verbrecher. So ist also, was das Kind, auch spielerisch, äußert, für den Psychologen das reinste, am wenigsten verfälschte Material zur Beurteilung der Menschcnseele überhaupt. Aber ebenso sicher wird jeder normale Sohn, einmal zum Manne geworden, irgendwelche jemals gegen den Vater gerichteten Mordabsichten entschieden dementieren, von etwa auf die Mutter gerichteten Wünschen gar nicht zu reden! — Und ein Zweites, Späteres, dessen wir uns alle noch erinnern, wenn wir nicht besonders lammfromm, also wenig männlich waren. Wie wir irgend einmal in Jugend oder Kindheit etwas, was uns der Vater befohlen hatte, nicht jäten; aus Trotz, wie wir zu sagen pflegen. Trotz aber, sehr verschieden vom Eigensinn, ist stets mit einem deutlichen Haßgcfühl verbunden und besteht darin, daß wir einen von uns selbst als berechtigt anerkannten Befehl entgegen unserer besseren Einsicht nicht ausführen, nicht ausführen können, weil unbewußte Regungen uns veranlassen, die Stärke unseres Willens-mit der des Willens des Befehlenden, unseres Vaters etwa, zu messen. Welch .deutliches Trimnphgcfühl erfüllt den Trotzigen dann, wenn sein aus dunklen Tiefen quellender Wille gesiegt hat — auch, ja besonders wenn er unrecht hatte. Das sind nun freilich unheimliche Tiefen der Menschensccle, an denen selbst die Wissenschaft lange teilnahmslos vorüberging, wahrscheinlich weil jeder für sich und von sich und vor sich selbst allerhand peinliche. Dinge zu verbergen hatte. Erst seit der Jahrhundertwende etwa blüht eine Wissenschaft auf, die diese verborgenen Tiefen der Seele zu erforschen versucht. Am Anfang als Verrücktheit oder Nummer 10 Narrheit verhöhnt, heute noch immer stark angefeindet, j gewinnt sie doch von Jahr zu Jahr so stark an Boden und Erfolgen, daß heute kein Arzt, kein Jurist, vor allen; endlich kein Erzieher mehr achtlos an ihr vorübergehen sollte. Es ist die von Sigmund Freud, dem jetzt 70jährigen Wiener Forscher, begründete Wissenschaft der Psychoanalyse, mit der sich zu beschäftigen erfreulicherweise auch der letzte jüdische Lehrertag in Köln forderte. Diese Wissenschaft ist gewissermaßen eine Vertiefung der uns Lehrern wenigstens aus der Seminarzeit bekannten Psychologie. Mährend 'diese sich mit Vorgängen bewußten Seelenlebens beschäftigt, mit Wahrnehmung, Anschauung, Vorstellung und Urteil, Fühlen und Wollen usw., versucht die Psychoanalyse die uns selbst verborgenen Kräfte und entschwundenen Inhalte 'unserer Seelen zu ergründen und zu Heil- und Erziehungszwecken ins Bewußtsein zu ziehen. Sie hat gezeigt, daß als unangenehm erkannte Vorstellungen und Wünsche aus unserem Bewußtsein verdrängt werden, ohne aus unserer Seele völlig zu verschwinden, oder gar dauernd unwirksam gemacht zu werden; daß, wo das Bewußtsein nicht wach genug ist, diese verdrängten Vorstellungen sich im Versprechen und Verschreiben, in Träumen, in scheinbar unbegründeter Reizbarkeit, ja sogar in Form von nervösen Erkrankungen bemerkbar machen; daß es daraus ankomme — und das interessiert uns als Väter wie als Lehrer — die verdrängten Vorstellungen zu erkennen, wieder ins Bewußtsein zu bringen und die bisher an ihre Verdrängung gebundenen Kräfte für den Menschen und die Menschheit nutzbar zu machen. * Die Psychoanalyse nun hat den sogenannten Oedipuskomplex, d. . h. all das Unbewußte, was mit dem Verhältnis von Vater und Sohn zusammenhängt, geradezu als ein Zentralproblem des menschlichen Einzellebens, wie der Entwicklung menschlicher Kultur erkannt. Doch gibt sie uns nicht nur die Gewißheit der tragischen Gegnerschaft, sondern auch die der Liebe zwischen Vater und Sohn. Diese Liebe, die vergangenen Geschlechtern als die einzige natürliche Grundlage des Verhältnisses zwischen Vater und Sohn galt, ob sie gleich vieles, was zwischen ihnen vorging, schlechterdings unerklärt ließ, verliert nach unfern neu gewonnenen Erkenntnissen ihre Monopolstellung, aber sie bleibt wichtigste natürliche und sittliche Grundlage. Das ließe sich, wenn es uns nicht zu weit führte, auch aus den meisten von uns besprochenen Einzelfällen leicht Nachweisen. Noch mehr: Sie ist die tiefste, reinste, keuscheste Empfindung, die im Manne lebt — meist eine Liebe ohne Worte und Gesten. Auch in Zeiten des Konfliktes erlischt sie nicht. Hänfig ist cs gerade sie, die im Sohne den Wunsch weckt, des tiesstgeliebten Vaters bewunderter Willenskraft die eigene — messend — entgegenzustellen. Wüßten doch die Väter alle, wieviel der offenen Auflehnung ihrer Söhne aus bewundernder Liebe geboren ist. Sie wären oft gerührter durch des Sohnes Ungehorsam als von seiner „tadelloser" Erziehung entsprungenen Folgsamkeit. Aber selbst da noch, wo sich durch Mißgunst des Schicksals die Gegnerschaft zum Hasse auszuwachsen droht, hält das starke Band der Liebe den Davonstrebenden. Gerade dieses Doppelwesen nun verbürgt uns den Bestand und die besondere Art der Entwickelung der menschlichen Kultur, die in jeder neuen Kulturperiode, ja in jeder Generation die Resultante sein wird zwischen den beiden Komponenten: Andersseinwollen und Aehnlichseinmüssen. So lösen sich Materialismus und Idealismus, Klassizismus und Modernismus,- Rationalismus und mystische Sehnsucht im Leben der Nationen ab. Jüdische Schulzeitung.

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