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Jüdische Schulzeitung · 1926-10-15 · 10 (15.10.1926) · page 3

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Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
2 (1926)
Issue
10 (15.10.1926)
Date
1926-10-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
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T Nummer 10 Jüdische Schutzeitung. _ Seite 3 um seine eigene Persönlichkeit in ihr stärker als bisher zur Geltung zu bringen. Der Sohn unterwirft und opfert sich dem Willen des Vaters durchaus nicht ohne anfängliches, wenigstens innerliches Widerstreben („Mein Vater, ist cs möglich, so gehe dieser Kelch von mir; doch nicht wie ich will, sondern wie Du willst." — „Eli, Eli, lama asabtl-arn!"). Wiedercrstanden, wird er eben auf Grund seiner schließlichcn Fügsamkeit der Statthalter Gattes, mindestens im Bewußtsein seiner Gläubigen seine eigene Persönlichkeit in den Vordergrund stellend, und vereitelt so gehorchend das letzte Ziel des väterlichen Willens. — Mag diese kurze Andeutung genügen — aus Mangel an Zeit und Raum und fonftigen naheliegenden Gründen. Im großen und ganzen sst über die Vielseitigkeit und Tiefe der Oedipusaussage von Vater und Sohn und über Sophokles als ihren Klärer und Erklärer erst die allerneueste Zeit hinausgelangt. Nur Schiller der rebellierenden Jugend, Schiller, der sich den Karl Moor eigens erschafft, um alles Bestehende als unmoralisch, den unmoralischen Anarchisten aber als den einzigen Edelmann seines Kreises erscheinen zu lassen: Schiller läßt uns im -,Don Karlos" nochmals einen grandiosen Kampf zwischen Jugend und Alter nach erleben, der alle Motive auszeigt: den Kampf um die Frau, die freilich wenigstens nicht des Jungen Mutter ist; den Kampf um die Weltanschauung, den Kampf um den Platz im Leben. Alle äußeren Beziehungen sind umgekehrt, wie bei Oedipus: Es raubt der Vater dem Sohn die Braut, der Vater mordet den Sohn, und zwar ist diese Tat subjektiv ein Notwehrakt gegen den Sohn,.dem er die Frau genommen, dem er jegliche weltanschauliche Selbständigkeit, jede Betätigung seines jugendlichen Tatendranges versagt. Nachdem er so seines Sohnes Jugend gcnwrdet, erblickt sein böses Gewissen im Sohn den Vatermörder, den bisher nur die Unausführbarkcit der Tat vor den letzten Konsequenzen geschützt l)at. Philipp hat nicht ganz unrecht, wenn er sagt: „Der Knabe Karl sängt an, mir fürchterlich zu werden; er meidet meine Gegenwart — sein Blut ist heiß, warum der Blick so kalt." In der Tat kämpft Karl einen schweren Kampf. „Rodcrich," sagt er zu Posa, „wenn ich den Vater je in ihm verlernte, was würde mir der König sein!" Ein deutlicher Hinweis, wie Carlos bei wachem Bewußtsein die aus den Tiefen der Seele aufsteigenden Wünsche, den Inhaber alles ihm Begehrenswerten auf Erden irgendwie beiseite zu schaffen, immer wieder verurteilt und sie als unausdenkbar verwirft; wie sie aber immer wieder ihm kommen, ihn bedrängen, ihn zu überwältigen drohen. Außerordentlich, beachtenswert ist dann die Szene, in der nach dem Tode Posas ein Aufstand in Madrid losbricht, weil das Volk vermutet, der Tote sei Carlos. Schließlich bricht der König mit den Worten zusammen: „Vor dem blühenden, dem jungen König werft euch nieder — ich bin nichts mehr, ein ohnmächtiger Greis!" Aber, o Münder! — Karl bleibt ruhig; er ^verzichtet auf die weitere Austragung des persönlichen Kampfes, ja er söhnt sich mit dem Verlust der Braut aus; es bleibt nur die Austragung des Kampfes der Weltanschauungen, man möchte sagen: der sachliche Gegensatz. Woher dieser plötzliche Umschwung? In dem Augenblick nämlich, u. dem sein Vater und König gleichsam als tot fortgetragm wird, haben sich für Karl gewisse starke triebhafte Wünsche seines ihm selbst unverständlichen Innern erfüll der ohnmächtige Greis ist nicht mehr der Rival des Jünglings; der lediglich durch seine Diener geschützte König ist nicht mehr ihr Herr, ist nur noch ihr Knecht, ihr Aushängeschild: Philipp ist unterleg en und ^Kar.^. hat gesiegt. Daß Philipp seinen Sohn der Inquisition ausliefert, ist uns eine Bestätigung, kein Gegenbeweis. Der besiegte Sohn wäre ihm ja ein lieber Sohn gewesen; der Sieger Sohn mußte sterben, damit die nahezu vernichtete Vaterpersönlichkeit wieder sie selbst wurde. — Ohnmächtig wie Philipp vor Carlos lag 400 Jahre früher Heinrich lV. vor seinem Sohn Heinrich V. Einen glücklicheren Ausgang nimmt 200 Jahre später die Kronprinzeuzeir Friedrichs des Großen, der viel einfacher siegt, indem er den Tob seines Vaters abwartet. Aber keine der so zahlreichen Kronprinzentragödien ist uns so klar, so den Jahrhunderten vorauseilend geschildert 'worden, wie die des Carlos. Wahrscheinlich ist Schiller selber der von mir vorher gekennzeichnete Augenblick gar nicht als der entscheidende zum Bewußtsein gekommen; aber das ist eben das Wesen des Genies, daß spätere Zeiten in seinen Werken mehr und anderes finden, als was es bewußt gewollt und geschaffen hat. Mit Recht nennt Hebbel das Genie „das Bewußtsein der Welt." Schiller ist es besonders hier, insofern er instinktiv vorausnimmt und sachgemäß verwertet, was der „Welt" erst viel später bewußt und wissenschaftliche Erkenntnis wird. Uns aber frappiert es, zu sehen, wie ein ganz tiefer Dichter unserer Zeit, Franz Werfel, der schon früher, im Gedicht, mit dem Problem Väter und Söhne er nennt es Vater und Sohn — gerungen hat, ausgerüstet mit allen Kenntnissen und Erkenntnissen moderner Psychologie, auch nicht über Schillers innere Losung des ewigen Konfliktes hinauskommt; nämlich in seinem neuesten Werk: „Nicht der Mörder, der Ermordete ist schuldig." Der verwahrloste Sohn eines zu gutherzigen Schießbudenbesitzers ermordet seinen Vater; weil man die inneren Beziehungen der beiden nicht kennt, scheinbar ohne Grund. Der aus dem Widerspruch gegen den tyrannischen Vater zum Anarchisten gewordene Generalssohn, im Begriffe, den Vater zu ermorden, begnügt sich damit, den Vater als ängstlichen, wehrlosen, den Kampf mit dem Sohn aafgebenden, folgsamen, um Gnade flehenden Greis vor üch zu 'sehen. Dieser gewaltige Triumph schlägt ins Gegenteil um. Der Sohn, der, ohne den Vater körperlich gemordet zu haben, dessen Persönlichkeit zum Zusammenbruch gebracht hat, ist entsetzt ob seines Sieges über den, den er im Grunde seines Wesens geliebt und bewundert, ebenso wie äußerlich gehaßt und bekämpft hat. Der Sieg enthält, wie bei Carlos, den fatalen Beigeschmack einer Enttäuschung. Erwähnen wir noch unter den vielen, die sich dichterisch mit unserem Problem beschäftigt haben, Iwan Turgeniew, der dafür den schtagwortartigen Namen „Väter und Sohne" gefunden, im übrigen nur mehr spielerisch und schematisch die Gegensätze abgewandelt hat zwischen einer in überlebter Romantik wandelnden Vätergeneration und ihren geliebten, bewunderten, nach. Kräften geforderten, aber realistischen und rationalistischen Söhnen. Ein Streit, in dem, genau genommen, die Väter recht behalten. Erwähnen wir endlich noch als zweiten den genialen Russen Destojewski, der unser Thema mehrfach behandelt hat, am bedeutendsten in den „Brüdern Karamasoff". Die Tatsache also steht in Geschichte, Mythos, Literatur fest, ist zu allen Zeiten belegt, seit Noah und Ham, seit Laios und Oedipus: zwischen Vätern und Söhnen ist Kampf, zwischen den einzelnen Personen wie zwischen ihren Generationen. Die meisten Leser werden mir lebhaft widersprechen. „Ich selbst", wird jeder von ihnen sagen, „habe doch einen Vater gehabt und weder Haß noch Groll gegen ihn empfunden." „Ich selbst", wird *■; f ■[!•;.‘4i Ä .. i:‘ ' K WWW -- " ^--

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