Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 10 (15.10.1926)
- Date
- 1926-10-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite bald darauf sein Gegenstück — Absalom. Bei ihm handelt es sich nicht wie in den beiden letzten Fällen um gegensätzliche A n s ch an u n g e n; hier will Herrschsucht und cm übertriebener Kultus der eigenen Persönlichkeit die Beseitigung des Vaters als des natürlichen Feindes, der der Entwicklung, Auswirkung und Machtentfaltung der Sohncspersönlichkeit allein durch sein Vorhandensein entgegenwirkt. Obwohl der Vater David dem Sohne Absalom von jeher besonders gütig, nachsichtig, ja nachgiebig gegenübersteht, will der Sohn den Vater beseitigen; denn nur dann ist der Thron, der ja nach David dem Salomo bestimmt ist, wirklich sein; nämlich des Absalon. So zeigt uns schon die Bibel die «ewige Gegensätzlichkeit zwischen Vater und Sohn in dreierlei Form: als sexuelle Rivalität, als weltanschauliche Gegnerschaft, als Haß desAuf st redenden gegen den Inhaber der Macht. Immer ist der Angreifende äußerlich der Sohn — auch im Falle Jonathans'; denn Saul wirst erst dann den Speer nach ihm, nachdem Jonathan aktiv verhütet hat, daß David getötet wird. Ueber die Freundschaft Jonathans zu David hat Saul bis dahin niemals ein Wort verloren. Er verlangt aber — von seinem Standpunkt aus durchaus mit Recht —, daß Jonathan seine persönlichen Sympathien den Interessen der Dynastie unterordne, indessen Jonathan offenbar das Gegenteil tut, insofern er seine sittliche Persönlichkeit dem bisher - unangefochtenen Materialismus der Sippe voranstellt. Der Angriff geht also äußerlich vom Sohne aus! Wenn wir von weiteren Beispielen aus der Bibel absehen, so geschieht das nicht aus Mangel an Stoff — denken wir an Eli und seine Söhne, an Samuel und die seinen, an Gideon und?lbimelech, an David und Adonijah, an Therach und seinen Sohn Abram —, sondern weil wir uns aus Mangel an Zeit mit den prägnantesten Fällen begnügen,' um ähnliche Fälle in Mythos und Geschichte der Völker zu finden und zu deuten. Auch, hier können wir aus der Fülle der Fälle nur wenige herausgrcifen. Sir weisen auf die Sage von Chronos hin, der seine Kinder frißt, und schließlich von seinem geretteten Sohne Zeus besiegt, entmannt und abgcsetzt wird; weiter auf die bekannte Sage von Cyrus und seinem Großvater Kambyses. Ausführlicher befassen wir uns nur mit zwei Begebenheiten. Da ist die schöne Sage von Dädalos und Ikaros: Dädalos, der älteste der Tausendkünstler, «fertigt für sich und seinen Sohn Ikaros je ein Paar Flügel aus durch Wachs zusammengehaltencn Vogelfedcrn. Der Sohn mißachtet die Warnung des Vaters, der Sonne ja nicht zu nahe zu kommen, überfliegt den Vater nach Kräften, kommt der Sonne.dadurch doch zu nahe und geht, da das weichgcwordene Wachs die Federn nicht mehr bindet, 'zugrunde. Ist nicht diese Geschichte geradezu ein Warnungsrus der Väter an ihre Söhne: „Ihr, die Ihr Euch unsere Arbeit und produktive Kraft nutzbar macht, macht Euch doch auch unsere Lebenserfahrung zunutze; haltet unsere Selbstbescheidung nicht für ' Aengstlichkeit, unsere Lcbensregeln nicht für Spießigkeit!" Aber die Söhne wollen eben nicht das Leben-der Väter leben, sondern ihr eigenes; wollen hinauf zur Sonne, auf den Fittichen des Vaters, aber über ihn hinaus! — Ist dieser Fall verhältnismäßig harmlos, so spielt sich doch in seiner örtlichen und zeitlichen Nähe der schrecklichste Fall des Gegensatzes von Vater und Sohn ab, den die Menschheit kennt, der Fall Oedipus. König Laios von Theben läßt seinen Sohn Oedipus aussetzen, da das Orakel von Delphi ihm sagen läßt, sein S^hn werde ihn töten und die Mutter heiraten. Oedipus wird vom König von Korinth erzogen-und erführt als Jüngling, daß' er nicht des Königs leiblicher- Sohn ist. Das von ihm be- Nummer 10 s fragte Orakel antivortet, er solle sein Vaterland meiden, j da . er sonst seinen Vater erschlagen, seine Mutter ehelichen werde. Aus Furcht, solche Verbrechen etwa gegen seine geliebten Pslegeelterir begehen zu können, entflieht er nach seiner ihm unbekannten wirklichen Heimat Theben, dem Un- « heil gerade entgegen; erschlägt schon auf dem Wege-seinen ihm ebenfalls unbekannten Vater, weil dessen Wagen .ihn ' in einem Hohlwege ungebührlich auszuweichen zwingt, im dadurch entstandenen Streite; rettet seine Heimat vom Wüten der Sphinx, wird schließlich König von Theben und Ehemann seiner Mutter! Nicht umsonst ist Oedipus der bemitleidetste unter den Helden der griechischen Tragödie geworden. Zeigt doch seine Geschichte — wahrscheinlich will sie es zeigen — reiner und vollkommener als irgendeine andere alle Züge des ewigen Kampfes zwischen Vater und Sohn. Da ist die sexuelle Rivalitäi: bis zur äußersten Konsequenz gelangt: der Eroberung der Mutter durch den Sohn. Die Gegnerschaft der Weltanschauungen läßt Vater und Sohn im Hohlweg Zusammentreffen: den Vater, der seinen Sohn verstieß, um sich zu retten, mit dem Sohn, der aus der vermeintlichen Heimat floh, um nicht seinen Pflegeeltern Uebles zufügen zu müssen; der: Vater, der in dem einsamen Wanderer ein Nichts sieht, jedenfalls jemanden, dessen Leben nicht einmal wert ist, den rasenden Lauf der königlichen Rosse auszuhalten, mit dem Sohne, der seine Menschenwürde auch da wahren will, wo ihr die Zufallswürde königlichen Geblütes nicht nachhilft. Endlich der dritte Gegensatz: der Konflikt zwischen dem Platzhalter und dem i nach einem Platze in der Welt Suchenden, führt zur Besetzung des väterlichen Amtes durch den Sohn. Aber ganz - neue Momente treten uns noch entgegen: Altes geschieht, obgleich alle alles tun, es zu verhindern; denn alle Verbrechen geschehen unbewußt. Also unabwendbares Verhängnis der Menschheit im Erlebnis des Oedipus symbolisiert! Und noch ein zweites, stärkeres und trostreiches Symbol: Alles kann nur geschehen, weil sich, die gleichen Blutesj sind, nicht mehr kennen. Niemals hätte ein Oedipus wachen j Sinnes und bewußt Vatermord und Blutschande begangen! Jncmerhin scheint Oedipus seiner nicht ganz sicher ge- ' wesen zu sein, sonst wäre er doch seinem Pflegevater nicht entflohen; und besonders was den Inzest anbetrisft, so scheint noch die Zeit^ des Sophokles, wenngleich sie ihn schon energisch ablehnte, ihn nicht als etwas der menschlichen Natur ursprünglich durchaus Widersprechendes angesehen zu haben. Läßt doch Sophokles in seinem „König Oedipus" die Königin Jokaste ihren ahnungsvoll träumenden und sich ängstigenden Sohn und Gatten also beruhigen: „Und Du erschrick nicht vor der Mutter Brautgemach. Wohl viele schon der Menschen sahn in Träumen sich — der Mutter zugelagert." Diese Worte aber bedeuten zugleich einen genialen Hinweis des Dichters aus die Tatsache, daß, ganz allgemein gesprochen, gewisse Neigungen, Wünsche, Gedanken einer Zeit, eines Geschlechts in viel späteren Geschlechtern wicderkehren. Sofern dann das inzwischen stärker entwickelte soziale und sittliche Bewußtsein der späteren Zeit sie, als der „Gesellschaft" feindlich, bewußt verwirft oder gar verabscheut, flüchten sie sich in die Tiefen der Seele, von wo sie nur austauchen, wenn die Hemmungen des wachen Urteils irgendwie versagen; also etwa im Traum, in der Erregung, im Zustand besonderer Willenserschlaffung oder auch im Falle mangelnder Kenntnis von Personen und Verhältnissen. Besonders reizvoll wirkt sich der natürliche Gegensatz zwischen Vater und Sohn ein Jahrtausend später im Neuen Testament aus. Der Vater-Gott opfert den Sohn, um die Menschheit zu erlösen, d. h. seinem Wesen änzunähern, also Jüdische Schulzeitung.