Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 9 (15.9.1926)
- Date
- 1926-09-15
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nummer 9 Treten zu den moralischen Notständen der Jugendlichen noch seelische Notstände hinzu, dann werden die Anforderungen an die Erzieher, noch größer; sie müssen nach Hilfskräften Ausschau halten, dem Seelenarzte. Es ist eine unumgängliche Pflicht, den Psychiater bei der Erziehung mit 'heranzuziehen. Mit der praktischen Pädagogik allein kann man bei den besagten Erziehnngsproblemen nicht zufrieden sein; die Erforschung des Seelenlebens der Jugendlichen oder Kinder muß die Grundlage sein. Wir sehen es ja zu oft, daß schon bei vorübergehenden Abweichungen von der Norm sonst routinierte Pädagogen nichts anzufangen wissen, während der psychologische Fachmann diese Hemmnisse überwindet. Der Heilpädagoge ist hier am Platze. Aber auch er muß tiefgründige Kenntnisse von der Psychopathologie des Kindes und des Jugendlichen besitzen, wenn er erziehend und heilend auf die asozialen und sonstigen Psychopathen einwirken will. Psychopathen sind doch Menschen mit krankhaften Seelenzuständen, sind Menschen, bei denen die Entwicklung nicht den Prinzipien der Progression und Evolution folgt; sie sind seelisch abnorm. Die Heilpädagogik, die die Psychopathenfürsorge als wichtigste Aufgabe betrachtet, ist wohl befähigt, auf erziehlichem Wege zu heilen, die Psychopathen der Arbeit zuzusühren und sie erwerbsfähig zu machen. ' Die Psychopathen bedürfen also im wesentlichen einer pädagogischen Behandlung, bei der zwei Momente zusammenwirken müssen: Veränderung der Umwelt (Milienändernng) und Beschäftigung (Betätignngstheraphie). Eine vollständige Loslösnng aus den bisherigen Verhältnissen und radikale Aendernng der Lebenslage sind also die Bedingungen, die zur Heilung führen können. Wenn es gelingt, den Psychopathen — ähnlich wie bei den Asozialen — in ihren Gedanken eine andere, .erwünschte Richtung zu geben, den oft irregeleiteten Tätigkeitstrieb in schassender Weise auszuwerten, angenehme, ethisch fördernde Gefühle zu wecken, ist man auf dem Wege zum erreichbaren Ziele. Das aber läßt sich nur in entsprechend organisierten Anstalten durchführen. Die Fürsorge für Psychopathen kann nur Anstaltsfürsorge sein. Die schon erreichten Erfolge sind nur der gemeinsamen Arbeit von Arzt und Pädagogen zu danken. Eigentlich wäre es Pflicht des Staates, intensive Psychopathenfürsorge zu treiben; versäumt er diese Pflicht, so trägt er mit Schuld daran, wenn die haltlosen, entgleisten Psychopathen kriminell werden und dann die öffentliche Ordnung stark gefährden. : Nur ein kleiner Teil kann als unverbesserlich erklärt werden. Dieser aber muß „verwahrt" werden, wozu ja das hoffentlich bald wirkbare „Verwahrungsgesetz" die Handhabe bieten wird. Die geheilten Psychopathen sollen von einer besondern „Berufsberatung" in Berufsgebiete überführt werden, die ihren Neigungen und Fähigkeiten entsprechen. Unsere moderne Zeit hat die Augen geschärft, den Verftmib geklärt und das Gemüt gelockert, so daß wir in Asozialen und Psychopathen nicht mehr nur die Kriminellen sehen, die bestraft werden müssen, sondern die Erziehungs- Seite 7 armen, denen erziehend geholfen und die gerettet werden können. Ein jüdischer KmtturjUm. . Die Bedelltung des Films als Ausklärnngs' und Werbemittel ist unbestritten. Daher gibt es auch wohl keine wissenschaftliche Disziplin oder irgendwie geartete Bestrebung, die sich seiner für ihre Zwecke noch nicht bedient hätte. Als spezifisch jüdischer Film ist bisher wohl nur der Palästina-Film des „Keren Hajcssod" bekannt geworden. Jetzt ist ein neuer jüdischer Film entstanden, der das Arbeitsgebiet der „Zentralwohlfahrts stelle der deutschen Juden" in Wort und Bild darstellt. „Ein Freitagabend" nennt sich das Lichtspiel, zu dem die Z. W. St. das offizielle Berlin — das nichtjüdische so gut wie das jüdische — am 1. August in die „Alhambra" am Kursürstendamm eingeladen hatte, nachdem der Film schon vorher einer Sachverständigen-Konferenz des Bildspiclbnndes deutscher Städte vorgesührt worden war. — Der Freitagabend gibt das Rahmenspiel ab' für die Vorführung der vielseitigen Tätigkeit der Z. W. St. in der Verwaltungsstelle wie in ihren zahlreichen Anstalten in Berlin, in dessen Umgebung und im weiten Reiche. — Ein jüdischer Kaufmann aus Crone — er sieht sonderbarerweise wie ein Melamed aus einem ostgalizischen Nest aus — hat sich infolge des politischen Umschwungs nach Berlin begeben, um sich hier eine neue Existenz zu schaffen, kommt als „Schabbosgast" in eine Familie.und erregt in dein hilfsbereiten Hausvater die Frage, wie dem Manne wohl zu helfen sei. Eine besuchsweise anwesende Dame, die ehrenamtlich in der Z. W. St. tätig ist, lenkt seine Aufmerksamkeit auf diese Einrichtung, und nun rollt sich vor dem Zuschauer ein Bild nach dem anderen von der jüdischen Kinder-, Alters- und Krankenfürsorge ab. Auch der Eingeweihte sieht mit Staunen und Stolz, was die halbe Million deutscher Juden im Dienste der leidenden Menschheit leistet. Darum ist dieser Film nicht nur ein Werbemittel für die Kassen der Z. W. St., sondern auch ein wirkungsvolles Aufklärungsmittel über die praktische Ethik des Judentums. Und wir dürfen annehmen, daß der Film überall da, wo er gezeigt wird, seinen Eindruck nicht verfehlen wird. Nun braucht sich die Z. W. St. aber auch nicht zu scheuen, einzugestehen, daß sie schwer zu kämpfen hat und vor dringenden Aufgaben steht, deren Lösung sie aus Mangel an den notwendigsten Mitteln nicht in die Hand nehmen kann. Es würde nun m. E. den Ernst des Schauspiels nur vertiefen und den Zweck der Vorführung nur fördern, wenn ben Zuschauerin nicht nur Gelegenheit geboten würde, sich zu freuen mit den Glücklichen, denen geholfen werden konnte, sondern auch einen Blick zu werfen in das vielfältige Elend, das nach Hilfe schreit, ohne daß ihm abgeholfen werden kann. St. Bei Ser Schrislleilinig eiligegmgene Bücher. O'NOLk HDD- Ein -ji^N-Buch für die Hand der Lehrenden und Lernenden. Von Nathan Adler, Frankfurt a. M. I. Kaufsmann. Nabb. Dr. Daniel Fink, rrOltf 7126 ntflirft 120 Selbstverlag des Verfassers (Berlin, Günzelstr. 44). Jüdische Schulzeitung. Kollegen, werbt für die Verbreitung der „Jüdischen Zchulzeitung"! probcnummern in beschränkter Zahl stehen bei der Zchristleitung zur versügung.