Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 9 (15.9.1926)
- Date
- 1926-09-15
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Jüdische Schulzeitung Nummer y | Während natürlicherweise das Kind in die Familie von der Geburt bis zur vollen Entwickelung hineinwächst und dadurch mit allen Fasern der Seele in der Familie verankert ist, wird cs beim Ersatz, der Anstalt, in neues, nicht mitgeborenes Erdreich verpflanzt, wo es die Wurzeln erst wieder frisch einwachsen lassen muß, sich also in die neue Umwelt cinsühlen, einleben muß. Das ist selbstverständlich mit seelischen Schmerzen, mit vielen Zuckungen des Gemüts verbunden Durch die Steigerung der Benutzung des Ersatzmittels kann man — leider — ans die Verminderung das Familienzusammenhanges schließen. Daher ist die erschrckkende Zunahme der Asozialen und Psychopathen zu erklären. Das Ersatzmittel für die eigene Familie muß nicht 'Immer die Anstalt sein; es kann eine „fremde Familie" an die Stelle der eigenen treten; aber die Spuren der Umpflanzung sind auch in diesem Falle stark wahrnehmbar (wenn nicht gerade die Umpfropfung im Süuglingsalter geschieht). Wo sind denn solche Familien vorhanden, namentlich bei uns Juden, in denen ein verpflanztes (asozial empfindendes) Kind mit der notwendigen hingebenden Liebe und dem Verständnis für die Absonderheit ausgenommen und eingehüllt wird! Wir wissen doch, daß die „Familie" als solche langsam schwindet. Meiner Ansicht nach ist aber die Anstalt besser geeignet als manche Familie, die Zucht für die Zukunft arbeiten zu lassen, d. h. beim Kinde oder Jugendlichen (Zögling) zu erreichen, daß er sich selbst finde, daß er freiwillig sittlichen Grundsätzen sich unterwirft; dadurch ist gesagt, daß in der Anstalt intellektuelle Wertungen von Gut und Böse besser ausgebildet werden können, die für das Handeln dem Jugendlichen den Ausschlag geben. Ein Asozialer ist ein der Familie Entwurzelter; dadurch haltlos und heimatlos. Sie zeigen, sich als Bettler, Landstreicher, Dirnen usw., sie werden es aus den jugendlich Verwahrlosten, wenn keine soziale Verantwortlichkeit vorhanden ist, dies zu verhindern. Man sollte die Asozialen nicht.von vornherein erziehlich ausgeben; die Forderung nach verständnisvoller erziehlicher Behandlung auch der Verwahrlosten ist eine soziale Notwendigkeit, schon um zu verhüten, daß die jugendlich Verwahrlosten auf die Bahn der Asozialen und Verbrecher x hinabgleiten. Die Forderung der Ausdehnung der Fürsorgeerziehung über das fürsorgeerzieherische Alter hinaus ist ja eigentlich nichts anderes als eine erziehliche Erfassung der Asozialen. In den entscheidenden Jahren der Entwickelung muß man auch den Asozialen Heim und Heimat, Liebe und zielbewußte Führung bieten; dann können die asozialen Neigungen noch zurückgedämmt, vielleicht noch umgebogen werden, so daß auch die asozial Veranlagten in gewissem Sinne doch noch zu nützlichen Gemeinschaftsbürgern werden können. In bcu Erziehungsanstalten kann das bewirkt und erreicht werden, wenn sie zu „Heimen" werden, in denen alle tätigen Erzieher und Erzieherinnen gründliche pädagogische Vorbildung genossen haben, sich psychologisch differenziert ans die zu Erziehenden (Verwahrlosten und Asozialen) einzustcllen vermögen; wenn die verschiedenen Elemente der zu Erziehenden genau gesondert und unter einheitlicher und eindeutiger Führung stehen. . Ich würde es für unrichtig halten, verwahrloste Kinder mit unverdorbenen, normal empfindenden Waisenkindern zusammen in einem Heime zu halten. Die Folgen einer solchen Vermischung liegen ja auf der Hand. Weil aber diese Art von Kindern einer besonders liebevollen Behandlung und Einwirkung bedürfen, müssen die Erzieher und Erzieherinnen neben der pädagogischen Tüchtigkeit noch besonders warm empfindende Mitgefühle, Herzensneigung zu dieser Liebesarbeit mitbringen. Menschen, die nur einen Posten bekleiden wollen, gehören in diese Erziehungsarbeit nicht hinein. Im Mittelpunkte der Erziehung und Pflege, der M« Wartung und Behandlung muß die „Mutter des Hauses", die Frau des Leiters, stehen. Leiter und Gattin sollen die Hauseltern sein, dann wird der Charakter des Heimes, die Familienähnlichkeit, gewährleistet. ' Ebenso falsch, wie gefährlich ist es weiter, verwahrloste asozial empsindende Kinder mit verwahrlosten und asozi« alen Jugendlichen zusammenzubringcn. Diese haben schon tiefe Einblicke in den Sumpf des Lebens getan; sehr schwer ist es, diesen Jugendlichen kindliche und wirklich jugendliche Empfindungen zu vermitteln, reine Gedanken einzu« flößen, die Vergangenheit ihnen abzutöten. Die Kinder würden durch diese Jugendlichen mit fatschen Ausblicken in die Zukunft infiziert werden, die Kindlichkeit, die ja auch sie z. T. schon verloren haben, würde ihnen gar nicht mehr wiederkommen. Sie sähen in den mit ihnen zusammenlebenden Jugendlichen gewissermaßen „Helden", denen sie nacheifern. Nacheifern aber sollen sie nur ihren Erziehern. Ist Liebe Verbindungsglied zwischen Erzieher und dem Kind, dann hängt das verwahrloste Kind an ihm, es rank', sich an ihm hoch; die Kinder werten ihre Erzieher dann besonders stark positiv; dann erst haben auch Befehle, Ge« und Verbote, Ermahnungen, Verwarnungen, ja Drohungen und Strafen, also alle Erziehungsmaßnahmen, den größten erzieherischen Wert. . Kinder haben doch noch nicht die Fähigkeit, die Er« ziehnngsmaßnahmen einzusehen, positiv zu werden; das Gebot usw. wird nur positiv gewertet, wenn der Zögliyg den Gebietenden positiv wertet, also um der Person willen. Darum: die verwahrlosten Kinder für sich, die verwahrlosten oder asozialen Jugendlichen für sich. Bei diesen muß dann noch neben dem rein persönlichen Einwirken, dem Nahekommen, dem verständnisvollen Suchen des Erziehers die heilende und rettende Arbeit stehen. Die Asozialen sind gesellschaftlich abnorm nur, weil sie der Gesellschaftsarbeit fliehen; darum muß ihnen die Arbeit zur richtigen Erkenntnis gebracht, der Segen der Arbeit zuteil werden. Bei den asozialen Jugendlichen ist die Behandlung so einzustellen, daß neben fester Disziplin eine Welle des Vertrauens geschaffen werden muß, die den Jugendlichen das Gefühl gibt, doch noch als Mensch der Hoffnung geweint, zu werden; das Vertrauen zu ihrersteigenden Einsicht oder schon die von ihnen gehegte Vermutung, daß ihnen kommende soziale Einsicht und soziale Einfühlung nicht abgesprochen wird, bringt sie ihren Erziehern näher, bereite: die Atmosphäre der Hinneigung vor. Also wiederum ist ersichtlich, daß den Erziehern dieser Art Jugend tiefere Menschenbehandlung eigen sein muß Wo die Asozialen fühlen, daß ihnen diese menschliche Teilnahme nicht entgegengebracht wird, ist ihnen das Heim ein Gefängnis, und die triebhaften Instinkte sinnen nach Ausbruch. Darum war es schon früher ein glückliches Empfinden, vom Begriff „Zwangserziehung" abzugehen und den tiefen Sinn verratenden Begriff „Fürsorgeerziehung" zu wählen