Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 8 (15.8.1926)
- Date
- 1926-08-15
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite. 6 / _ Jüdische Schulzeitung.. . _.Nummer 8 Ansprache beim Iugen-gottes-ienst (gehabten an einem Versöhnungstage). Von Lehrer M. Steinhardt. Sei streng gegen dich, mild gegen andere. Al taamin b’azm’cho ad jaum mausscho, w’al todin ess chawercho ad schetagia limkaumau. „Vertraue nicht ans dich selbst bis zu deinem Todestage und richte deinen Nebenmenschen nicht eher, bevor du dich in seine Lage versetzt hast." . Einer der größten jüdischen Weisen des Altertums war der gelehrte Hillel. Zahlreich sind seine Aussprüche und weise Lehren, die erstreben, uns zu wahrhaft guten Menschen zu erziehen und deren Befolgung uns darum nur zum Segen gereichen kann. Zwei dieser Aussprüche sind besonders geeignet, am Versöhnungstage von uns betrachtet zu werden, und mit ihnen wollen wir uns in dieser Stunde der Andacht eingehender beschäftigen. Sie lauten: Vertraue nicht auf dich selbst bis zu deinem Todestage, und richte deinen Nebenmenschen nicht eher, bevor du dich in seine Lage versetzt hast! Al taamin b'azm'cdo ad jaum maussodo; vertraue nicht auf dich selbst bis zu deinen: Todestage. Den Anlaß zur Sünde gibt gar leicht die Ueberschätznng der eigenen Kraft, die Selbstüberhebung. „Ich fühle mich stark," spricht so mancher; „mir kann es nicht geschehen, daß ich strauchle". Gar mancher Jüngling hat so gedacht ltnb gesprochen, als er aus dem Elternhanse in die Ferne zog. Und seine Absicht war gut, sein Wille rein. Und er traute auf seine Vorsätze, mischte sich in das Leben und Treiben, in den Strudel der Großstadt, lebte über seine Verhältnisse, geriet auf die Bahn des Lasters, machte Schulden, vergriff sich an dem Gute anderer, und eines Tages stand er da, ein Verbrecher, beschimpft und entehrt, von allen verachtet und gemieden. Seine Absicht war rein und gut gewesen; aber er hatte zu sehr auf sich selbst vertraut, hatte darum vergessen, auch in kleinen Dingen streng auf sich zu achten und war darum in Unglück und Verderben gestürzt. Traue nicht übermäßig auf dich; achte vielmehr gar genau auf dich und dein Tun. Sei st r e n g gegen dich selbst/— das ist es, was der weise Hillel uns lehren will. Und traue auch nicht übermäßig auf deinen Reichtum und dein Glück. Da gibt es andere, denen das Glück von der Wiege an stets gelächclt hat, die das Leben nur von seinen sorglosen und heiteren Seiten kennen gelernt haben. Und darüber vergessen sie Arbeit und Pflicht, indem sie meinen, so wie es gestern war und heute ist, so müsse es auch morgen sein. Aber über Nacht schwindet plötzlich Reichtum und Glück, und der Morgen sieht sie trostlos und verzweifelt. Traue nicht übermäßig auf dich sfelbst: Niemand ist vor seinem Tode glücklich zu preisen! Ihr kennt die so lehrreiche Erzählung von jenem mächtigen morgenländischen König, der sich für den glücklichsten aller Sterblichen hielt und der es einem Wcltweisen nicht verzeihen konnte, daß er nicht auch ihn als den Glücklichsten anerkennen wollte. „Warten wir erst das Ende ab," sprach dieser, „niemand ist vor seinem Tode glücklich zu preisen." Und siehe da, Unglück auf Unglück brach über den bisher so mächtigen König herein, und als er, seines Landes beraubt, als der Unterlegene im Kampfe von dem Sieger zum Tode verurteilt, den Scheiterhaufen besteigen sollte, um lebendig verbrannt zu werden, da gedachte der Unglückliche der Worte jenes Weisen, da sah er ein, wie recht dieser gehabt hatte. Darum: Al taamin b'azm'cko ad jaum mauss'cbo. vertraue nicht auf dich selbst bis zu deinem Todestage! Baue nicht auf Reichtum und Glück; baue nicht auf deinen Willen und deine Kraft;sei achtsam gegen dich; achte aus dein Tun und Lassen; sei streng gegen dich selbst! Sei streng gegen dich selbst, aber mild gegen andere, und das empfiehlt uns Hillel mit den Worten: AI todin ess chawercho aö schettagia limkaumau; richte deinen Nebenmenschen nicht eher, bevor du dich in seine Lage versetzt hast. Die meisten Menschen machen es umgekehrt: Je nachsichtiger sie gegen sich sind, desto strenger sind sie gegen andere. Da wird alles, oft das Geringfügigste, getadelt und verurteilt; da sieht man, wie das deutsche Sprichwort sagt, den Splitter im Auge des anderen, während man den Balken im eigenen Auge übersieht. Nicht so soll es sein: Streng sollt ihr gegen euch sein! Euch selbst kennt ihr, euer eigenes Handeln könnt ihr beurteilen. Den Fremden kennt ihr weit weniger, wißt nicht, was ihn zu seinem Tun getrieben hat. Beurteilt ihn darum nicht zu streng; versetzt euch einmal in seine Lage. Seht, ein armes Kind kommt seines Weges; es hungert: seine Eltern konnten rhm kein Frühstück geben. Dort sieht es einen Korb mit frischen Backwaren stehen. Gar verlockend stehen sie da, unbewacht. Und ach: der Hnnger tut so weh! Da überkommt es die Versuchung; länger kann es nicht mehr widerstehen: Es benutzt einen ihm günstig scheinenden Augenblick, da es sich unbeobachtet glaubt, und stiehlt, um seinen Hunger zu stille::. Pfui, der Dieb! werdet ihr sagen. Gewiß ist es Diebstahl, und gewiß soll der Mensch eher sich dem Tode preisgeben, als den Pfad der Tugend und des Rechts verlassen und unehrlich werden. Ihr aber, ihr Gesättigten, ihr von euren Eltern gehegten und gepflegten, vielleicht gar verwöhnten und verhätschelten Kinder, sollt nicht lieblos urteilen, sollt nicht verurteilen, bis ihr euch in die Lage des anderen versetzt habt. Könnt ihr für euch einstehen, wenn der Hunger an euch ge::agt und euch in gleicher Weise gepeinigt hätte, daß ihr anders gehandelt hättet, als jenes unglückliche Kind? So sehr ihr auch auf euch achten sollt, damit ihr selbst der Versuchung und Sünde nicht erliegt, so streng ihr gegen euch selbst sein sollt, so milde sollt ihr gegen die anderen sein, wenn ihr seht, daß Not und Verzweiflung sie zur Sünde verleitet hat. „Vertraue nicht auf dich selbst bis zu deinem Todestage, und richte deinen Nebenmenschen nicht eher, als bis du dich in seine Lage versetzt hast." Möge dieser Ansspruch des weisen Hillel euch Führer und Begleiter durchs Leben werden, auf daß euer Tun und Lassen bei Gott und Menschen Wohlgefallen finde! Literarisches. Prof. Dr. Rudolf Kittel, Gestalten und Gedanken in Israel. Geschichte eines Volkes in Charakterbildern. Quelle und Meyer, Leipzig. 524 S. Rudolf Kittel gibt eine Darstellung der Geschichte Israel; und seiner Religion. Er gruppiert den Stoff um die grossen Persönlichkeiten von Mose bis Juda Makkabi. Vieles in diesen historischen Bildern ist sicherlich Dichtung oder doch Hypotbeje; wir wissen ja alle, daß die Wirklichkeit be: der Fülle der Mog» lichkeiten alles Geschehens immer noch anders ausgesehen haben mag, als wir selbst aus scheinbar gesicherten Annahmen zu er* : schließen vermeinen. Aber jedenfalls spielt die Phantasie hier nicht frei, sondern gebunden und kontrolliert durch das reich: Wissen eines unabhängig nach Wahrheit strebenden Forscher, - von hohem Range. Sympathisch berührt die Art. wie hier na.:; einmal die Liebe zum Gegenstände und die tiefe Kenntnis der religiösen Eigenwerte des Judentums von allen verkleinerndem ' Urteilen subjektiver Tendenz absieht und die Sache selbst wirke?; läßt. Einige bezeichnende Sätze aus dem Nachworte des Dn f fassers setze ich zur Charakteristik des Geistes, in dem das BuL geschrieben ist, hierher: '?