Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 8 (15.8.1926)
- Date
- 1926-08-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4_Jüdische Schulzeitung._Nummer 8 bei Sodoms Untergang an eine Feuersbrunst oder bei Nabots Weinberg an die Liebe zum eigenen Hausgarten anknüpsen können. Aber, um beim letzten Beispiele zu bleiben, wenn die' Kinder die Geschichte vom Müller von Sanssouci kennen, der sich weigerte, die von seinen Vätern ererbte Mühle an Friedrich den Großen zu verkaufen, so mag das zum Ausgangspunkt dienen (vgl. Rosenberg. S. 125). Dann wird die Geschichte abschnittweise erzählt, Bibelwort nur, wenn es des Kindes Fassung entspricht, sonst kindgcmäße Umschreibung! Wie sehr Kinder zum Falsch- und Mißverstehen geneigt sind, dafür bietet Adolf Damaschke (Aus meinem Leben S. 48) einige köstliche Proben. Daß man aber auch nicht in kindliches Lallen verfallen soll und gar zu weichlich und „kinderwartefrauenmäßig" reden darf, davor sollte schon die Weisheit des alten Kästner schützen, die er vor 150 Jahren den Philanthropinisten entgegenhielt: „Dem Kinde bot die Hand zu meiner Zeit der'Mann — Da streckte sich das Kind und wuchs zu ihm hinan. Jetzt kauern hin zum lieben Kindelein Die pädagogischen Männelein." Soweit wie möglich, ist der biblische G r u n d t o n zu wahren. Um auf Gemüt und Gefühl des Kindes zu wirken, werden Situationen und Seelenzustände oft breiter ausgemalt, als es die Schrift tick. Man kommt dem kindlichen Verständnisse durch kleine frei erdichtete Züge zu Hilfe, z. B. bei Esau und Jakob sitzt Jakob zu Hause und lernt. Esan treibt sich herum, will nicht lernen. Beten ist ihm eine Last. Ehe David von Hause scheidet, um dann gegen Goliat zu kämpfen, wird gemächlich dargestellt, wce schrecklich es war, als der Krieg ausbrach, die Söhne des Hauses fortmußten, wie der Vater den David ansfordert, ein frommes Lied zur Harfe zu spielen. So frei man mit der Hineinarbcitung solcher Einzelheiten umgeht, so dürfen sie doch immer nur eine dienende Rolle spielen, niemals aber darf das Streben nach Veranschaulichung eine gewisse, die Stimmung gefährdende Komik in die Arbeit hineinbringen, wie es jener Lehrer bei der Sintflutgeschichte tat, der einige Häuser und Bäume an die Tafel malte und dann mit dem Wasser getränkten Schwamm über seine Gebilde fuhr: jetzt kommt die Flut! Dieses. Maßhalten zur Meldung des Komischen empfiehlt sich auch bei der Mimik, die gewiß der geforderten lebhaften Erzählung wohl ansteht. Der Lehrer mag bei dem Worte: „Wenn ihr von dem Baum esset", den Finger drohend erheben oder bei dem Ruf: „Da kommt der Träumer" seine Hand beschattend über die Augen legen, aber den umsinkenden Goliat zu markieren, das wirkt lächerlich; wie cs bei der szenischen Darstellung der Geschichten auch gilt, Takt zu bekunden, mußte der Lehrer erfahren, der bei Eliesers Brautwerbung einige Kinder zu Kamelen ernannte und dadurch die ganze Stunde um ihre segnende Weihe brachte. In freier beseelter Darstellung, die durch Auge, Miene und Geste unterstützt, in schlichter, einfacher, kurzsatziger Sprache, die fein zu betonen und sinnlich auszumalen weiß, werde erzählt. Hat man einen Teil der Geschichte dem Erleben der Schüler nahegcbracht, dann trete auf der Ausdruck s st u f e die Vertiefung in ihr Recht. Sie will dem .Kind Gelegenheit geben, sich über seine Eindrücke auszusprechcn, wie es Gottes Güte und Größe gespürt, in die Herzen der handelnden Personen gesehen, wie es die Freuden der Helden und ihren Gram mitempfunden hat, ihr Tun beurteilt und bewertet. Hat es aus dem Ton des Lehrers Anerkennung oder Verwerfung herausgefühlt, dann soll es jetzt sagen dürfen, warum hier gelobt oder getadelt werden muß, und es selbst im Leben handeln würde. Es ist grundfalsch, wenn manche neueren Didaktiker auf solche Betrachtung verzichten und den unmittelbaren Gestthlseindruck für genügend erklären. Gerade das Kind kann nach einer ausdrücklichen Herausarbeitung über Wert und Unwert einer Handlung nicht entbehren und während es Zergliederungsfragen nach dem Schema der alten Lernschnle ermüden, wünscht es geradezu sein Lob oder Tadel über Gutes oder Böses dartun und begründen zu können, z. B. Abrahams Friedfertigkeit. Wie wird Abraham zumute gewesen sein, als er den Streit merkte? Neulich, als du deinen Freund besuchen wolltest und du hörtest schon auf der Treppe laute Scheltworte, er stritt sich mit seinem Bruder, was hätte da wohl ein Abraham gedacht? Was hättest du gesagt, wenn du an Lots Stelle gewesen wärst? Wie hätte manch anderer gedacht? Ich bin der Acltere, mir gehört die Weide. Warum gibt denn Abraham die schöne Weide hin? Er liebt den Frieden mehr als die schöne Weide. Oder bei Eliesers Brautwerbung Gelegenheit geben, daß sich die Schüler aussprechen, was sie verlangen würden von einem, den sie sich zürn Freunde machen wollen, ob er reich, schön usw. sein soll. Die Zusammenfassung will die erarbeitenden Wahrheiten auf eine merksame Form bringen. Dazu eignen sich oft Bibel- und Gebetsprüche. Lentz schreibt in feiner immer noch lesenswerten Anleitung zur Behandlung der biblischen Geschichte S. 24: „Der Bibelspruch ist die elementarste, klarste, arrschaulichste Form, in welcher ein Kind seinen geistigen Erwerb znsammenfassen und zu bewahren weiß. Er wird, wo er in ihm lebendig ist, ebercsowohl der Strom, in welchen alle die kleinen Bächlein münden, als der Quell, aus dem das Neue rinnt". So dient der S p r u ch dazu, die empfangenen Eindrücke in einem Brennpunkt zu sammeln. Am besten ist es natürlich, wenn die Kinder den Spruch selber finden, etwa aus den bereits gelernten hebräischen Gebetworten oder Geschichten. Man übe die vermittelten Sprüche fest ein (Chorsprcchen!) und komme bei jeder sich bietenden Gelegenheit (organische Wiederholung!) auf sie zurück. Die Arbeitsschule will aber Tat schule sein. Nicht Wissen, sondern Leben will sie geben. Soll die biblische Geschichte Frucht bringen, so ist es nötig, daß ihr Inhalt direkt auf die Lebensverhältnisse des Kindes angewandt werde. Es muß fühlen: Hier hörst du, was Gott von dir fordert. Zum Sündenfall: Wenn zu dir dein Bruder sagt: Komm, geh mit mir, wir wollen ein Stück Kuchen aus der Speisekammer nehmen, was mußt du ihm dann sagen? Zum Turmbau: Da ist ein Junge, der hat einen reichen Vater, wie darf der nicht denken? Oder einer ist hübsch, stark (neulich im Turnen oder beim Ringen warst du besonders tüchtig!). Da sollst du nicht stolz sein aus deine Kraft und Gesundheit. Oder zu Abrahams Friedfertigkeit: Wenn du einen Federhalter bekommst und dein Bruder will ihn haben, oder es gibt etwas zu sehen und dein Kamerad will deinen Platz, dann sollst du dich nicht zanken, sondern wie Abraham sprechen. Oder bei Elternverehrung. Wie heute Gelegenheit, z. B. beim Tischdecken, beim Besorgungsgang sich nicht lange bitten lassen. Das Nach erzählen geschieht zunächst abschnittweise. Man ziehe vorerst nur die Kinder heran, die sich freiwillig dazu melden, lasse sie möglichst gewähren, in ihrer Sprache reden und auch hier und da einen schiefen Ausdruck durchgehen. Das fortwährende Unterbrechen von seiten des Lehrers raubt ihnen die Lust am Erzählen, macht sie schüchtern und unsicher, und benimmt ihnen den Mut, sich künftig wieder zum Nacherzählen zu melden.