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Jüdische Schulzeitung · 1926-07-15 · 7 (15.7.1926) · page 2

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Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
2 (1926)
Issue
7 (15.7.1926)
Date
1926-07-15
Page
– (sequence 2)
Language
German
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JüdischeSchulzeitung. Nummer 7 Seite 2 mäßig. Als Seelsorger der reiferen Jugend sorge er für freien Zusammenschluß zur religiösen Fortbildung, auch hier unter Wahrung der freien Selbsttätigkeit. Zu alledem gehört Begeisterung. Fehlt sie, bleibt der Lehrer ein elender Mietling, ein fabrikmäßig arbeitender Pensenknecht und Stosseinbläuer. Der wahre Religionslehrer muß mit dem Propheten sagen können: „Der Geist des lebendigen Gottes ruht aus mir." Vor allem aber verlangt die Arbeitsschule nicht nur Phantasiesülle und geistige Beweglichkeit vom Lehrer, die leicht und frei über sein Wissen schalten läßt, sondern auch eine genaue Kenntnis der Kindesseele, die die Fassungskraft und das geistige Wachstumsbedürfnis in allen Wendungen und Wandlungen der gemeinsamen Arbeit zu berücksichtigen weiß. (Vgl. Gaudig, Freie, geistige Schularbeit, S. 10.) Die Arbeitsschule verlangt vom Lehrer lebendige Religiosität. Seine Ansicht sage der Lehrer. In religiösen Dingen darf man nur geben wollen, was man erlebt hat. Das heißt, hier wahr sein. Und wo ein Schüler den Lehrer zwingt, in strittigen Fragen Farbe zu bekennen, da geschehe es fest, bestimmt, ehrlich. Zumal seine Rechtfertigung des Judentums sei durch und durch redlich. Immer denke der Lehrer an das Wort des Hiobbuches: „Wollt ihn Gott mit Lügen Helsen?" Für den Religionsunterricht bleibt, wie allerorten, um .talmudisch zu sprechen, die Wahrheit das Siegel Gottes. „Weißt du," erzählt Oscar Jäger in seinem prächtig frisch geschriebenen: „Aus der Praxis", „wann ich zum erstenmal die Majestät der Wahrheit empfunden habe? Als unser verewigter Lehrer N., ein Mann, vor dem selbst der Trotzigste von uns Vierzigen in ein Mauseloch kroch, obgleich er niemals anders als mit Worten strafte, vor uns dummen Jungen erklärte, der und der von uns hätte gestern mit der Uebersetzung Stelle so und so recht gehabt und er — es war der beste Philologe des Landes — hätte unrichtig übersetzt. Er war ein Sechziger, und wir waren dumme Jungen von fünfzehn Jahren, da fühlten wir, daß etwas über ihm und uns stand — die Wahrheit!" Gleich neben die Wahrheit muß aber die Arbeitsschule im Tugendkatalog des Lehrers die Geduld stellen. Nur wo diese waltet, wird sich der Lehrer in die Kinderwelt Hineinsinden und Hineinsühlen und sich die Zeit nehmen, liebreich aus die Meinungen und tastenden Versuche einzugchen und auf alles zu achten, was des Schülers Seele bewegt, um so auch die Schwachen und Unzulänglichen geschickt zur Mitarbeit heranzuziehen. Soll sich aber der Lehrer geduldig um das Seelenleben seiner Schüler kümmern, darf er kein nüchterner Pedant, kein trockener Buchgelehrter sein. Den Typus des Doktor Wagner, diesen seligen Reflex von Papier und Pergament, der nicht nur im Schlasrock - und Nachtmütze umherwandelt, verträgt die Arbeitsschule nicht. Man kann tüchtiges Buchwissen besitzen, ja sogar manche Einzelheit auf dem Gebiete der jüdischen Wissenschaft sestgestellt haben, und doch für den Religionsunterricht im Sinne und Geiste ' der Arbeitsschule völlig ungeeignet sein. Nicht nur in Büchern muß man lesen können, sondern auch in Seelen. Man muß sich auf jedes Kindes Wesen und Art verstehen. Auch Kinder sind Persönlichkeiten, keimende, werdende, wachsende, „denn der eine hat . die, der andere andere Gaben. Jeder braucht sie, und jeder ist auch nur auf eigene Weise gut und glücklich." Der rechte. Lehrer entspricht der Forderung, bei der gemeinsamen Arbeit j ed e s K i nd seiner Eigenartigeur i\ ü h e r a n z u z i e h en und das, was in ihm nach „Hab Achtung vor dem Menschenbild ' Und denke, daß, wie auch verborgen. Darin für irgendeinen Morgen Der Keim zu allem Höchsten schwillt." Fr. Hebbel. Wie der Künstler den Marmorblock prüft, ob sich aus ihm das geplante Gebilde in voller Reinheit herausmeißeln lasse, und so lange sucht nach geeignetem Stoffe, bis er das Rechte gefunden hat, so verlangt die Arbeitsschule vom Religionslehrer die Fähigkeit, unter den Lehrstücken weise und sorgfältig Auswahl zu halten, und nur aufzunehmen, was für die religiöse Erziehung wirklich wertvoll ist und sich organisch in das religiöse Wachstum des Schülers einsügt. Ist nun der rechte Stoff mit Künstlerblick gefunden, dann muß der Lehrer ihn mit Künstlersinn wirksam für die Schüler zubereiten, daß ec ihnen zur Betätigung ihrer Kräfte die rechte Entfaltungsmöglichkeit biete. Dazu gehört unverdrossener Fleiß und jene Selbstbeherrschung, die auch an Bekanntes und Vertrautes immer wieder herangeht, um es von Neuem für den didaktischen Gebrauch zu gestalten und zu formen — nach Bedarf der Schüler, deren Mitarbeit cs zu wecken gilt. Nicht minder verlangt die Arbeitsschule auch auf dem Gebiete der Zucht die Kunst des Individualisiere ns vom Lehrer. Mädchen wollen anders behandelt sein als Knaben, das siebenjährige Kind beansprucht andere Zuchtmittel als der Primaner; der Choleriker ist nicht so anzufassen wie der Pflegmatiker, und sanguinische und melancholische Naturen wollen auch in der Gemeinschaftsarbeit in ihrer Sonderart berücksichtigt sein. Dazu gehört fleißige Beschäftigung mit der Seelenkunde. Gewiß soll auch in der Arbeitsschule der Lehrer sein Ansehen wahren. Arbeitsgemeinschaft verlangt Führerschaft, aber nicht Zwangsherrschaft, die die freie Regsamkeit der Kinderseele unterdrückt. Zucht und Ordnung sind nicht Zwecke, sondern Mittel für den Unterricht, um Störungen sernzuhalten. So weit wie möglich walte die Liebe, und so weit wie nötig herrsche die Strenge. Takt und Umsicht verlangt die vorgeschlagene Selbstregierung der Schüler vom Lehrer, wie sie von Amerika her besonders durch Försters warme und geistvolle Fürsprache auch in Europa Boden gewann. Gewiß verträgt die Arbeitsschule am wenigsten jenen rauhen und rohen Kasernenhoston, der es mit dem Tyrannenwort hält: „Mögen sie hassen, wenn sie nur fürchten!" Vielmehr muß hier der Sinn der antiken Mytl)e begriffen werden, wie von Apollos Harsentönen gerührt, sich die Steine zur Stadtmauer zusainmenfügen, so müssen die Seelen durch die rechten Herzenstöne zu gemeinsamer Arbeit zusammengerufen werden. Die richtige Kunst des Besehlens, die feinsinnige Befolgung des Rates: „Lobe, wenn du kannst, tadle, wenn du mußt", und zwar letzteres mit Ritterlichkeit und Schonung des Ehrgefühls, müssen hier Lehrertugenden bilden, die sich die besten und anständigen Elemente der Klasse durch ihre seelische Kraft gleichsam zu Vorarbeitern zu gewinnen vermögen. Aber ehe mit der Selbstregierung begonnen werden kann, muß Gehorsam gelernt werden. Der Weg zur Freiheit führt auch in der Arbeitsschule drrrch Gehorchenkönnen. „Folgsam fühlt sich meine Seele am schönsten frei." Durch Gehorsam befreit sich der Mensch von der Tyrannei seiner eigenen Individualität. Die Selbftregieruug soll nicht den Gehorsam ersparen, sondern den frei-

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