Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 6 (15.6.1926)
- Date
- 1926-06-15
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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9t minner i; vnsnnterricht Anwendung in der Schülerfrage, in dem Klossengespräch über einen urkundlichen Text oder ein religiöses Problem, ftn arbeitsteiligen Unterricht, in der szenischen Darstellung biblischer beschichten (weniger in handsertigkcitlicher und zeichnerischer Tätigkeit) und in der religiösen Heimatkunde. Ein weiterer Schritt führt dann von dem möglichst selbständig erarbeiteten Wissen zur praktischen Lebcnsgestaltung: neben den Religionsunterricht tritt die Religionsübung. Das Uebungsfeld dafür ist die Klaffen- und Schulgemeinschaft, in der die Ergebnisse der religiösen Unterweisung Gestalt und Leben gewinnen sollen. Denn besser als allgemeine Morallehrcn sind für das Kind moralische Leistungen innerhalb seiner Arbeits¬ und Lcbenssphäre, wertvoller als die Belehrung über das Laubhüttcnfest — die natürlich auch nicht fehlen soll — ist eine Morgenfeier in der von Schülern und Lehrern gemeinsam erbauten Laubhütte. Die Religionslehrer der Knabenschule sind — wie auch die Lehrer der Profansächer — noch „auf dem Wege zur Arbeitsschule". Noch gilt es, sich selbst nmzustellen, noch in den nicht immer gleichartigen Klassen das Neue zu erproben und unseren Verhältnissen anzupassen. Wir erkennen an, das; viele Kräfte, die der frühere Unterricht brach liegen ließ, im arbeitsschulgemäßcn Religionsunterricht zu lnstbetonter Tätigkeit gelangen. Wir glauben auch, daß das Judentum, das weniger auf Wissen und Gefühl als vielmehr auf die sittliche Tat, die Heiligung des Lebens das Hauptgewicht legt, sich mit der Selbsttätigkeit, dem Hanptprinzip der Arbeitsschulpädagogik, vorzüglich in Einklang bringen läßt. — Aber wir wollen auch das Wertvolle des früheren Religionsunterrichts nicht undankbar herabsetzen. Wir besaßen an unserer Schule bewährte Religionslehrer, die durch ihre Persönlichkeit und ihr Lehrgeschick für ihre Zeit Mustergültiges geleistet haben. Sie beweisen uns, daß es nicht geraten ist, den Einfluß des Religionslehrers möglichst zurücktreten zu lassen, damit der Selbsttätigkeit des Schülers weitester Spielraum bleibe. Wenn es wahr ist, daß Religion weniger gelehrt als vielmehr durch die ansteckende Macht des Beispiels verbreitet werden kann, dann wollen wir den beseelten Vortrag, die reife Lebenserfahrung, die überlegene Leitung des von seiner heiligen Aufgabe erfüllten Religionslehrers nicht missen, zumal durch diese bei richtiger Anwendung die Kinder in ihrer Selbsttätigkeit keineswegs beschränkt, sondern letzten Endes angespornt und gefördert werden. Wir wollen auch bei voller Preisgabe der Kunstkatechese der Lehrerfrage ihre Berechtigung gewahrt wissen: um die Seelenkräste des Kindes zu wecken, um neue Erkenntnisse zu gewinnen, höhere Bewertungen und Willcnsantriebe zu vermitteln. Wir deuteten damit schon an, daß das Prinzip der Selbsitätigkeit des Schülers nicht ausreicht, um einen fruchtbaren Religionsunterricht zu gewährleisten. Wir halten cs mit dem Trengelöbnis unserer Ahnen: ri&’yj „wir wollen tun, und wir wollen hören". Mit der Aktivität mnß die Rezeptivität sich verbinden, neben das Prinzip der Arbeit tritt das Prinzip des Erlebens, d. h. „von etwas, sei es außer oder in uns in einer für unser Leben (unfern Lebcnsprozeß) irgendwie wichtigen Weise beeinflußt zu werden" (Gaudig). Wenn die Kinder von einer biblischen Erzählung, die der Lehrer idnen vorträgt (und wie sie die Erzählkunst der alten so wirkungsvoll auszugestalten wußtet, ergriffen v:r>, -Mza wird Ücbardi ein lebendiger Religionsunrerncra mö: w.indrr Zcoftegt als in dem freien Unrerrichrsgcsvräch einer lebhaft interessierten Klasse. „Die Seite Ü größten Ereignisse — das sind, nicht unsere lautesten, sondern unsere stillsten Stunden" (Nietzsche). Der von mehreren Lehrern an einer vielll.issijftn Schule gegebene Rellgiolinuntei licht muff in einhejlilchrm Geiste erteilt werden, um nicht die SchlUer zwei- oder gar vielspültig zu beeinflussen. „Treu und frei" war unsere Devise. Treu dem Geist des ethischen Monotheismus/ treu der Glaubensgemeinschaft, die ihr Wertvollstes uns anvertraut, treu den Aufgaben, die uns zur Herbeiführung des Gottesreiches ans Erden obliegen. Aber diese Treue macht uns nicht zu Sklaven des Buchstabens. Immerfort gilt es, im Wechsel der Zeit eine Synthese zu finden zwischen Religion und Wissenschaft, zwischen Religion und Leben. Fragen könnte man nur, ob dieser Ausgleich schon in der Schulzeit versucht werden soll. Unser Verstand wie unser Gewissen machen uns zur Pflicht, diese Auseinandersetzung nicht erst und nicht allein dem reiferen Lebensalter zu überlassen. Denn wir können nicht verhindern, daß noch im schulpflichtigen Alter der naive Bibelglaube verloren geht. Außer uns bilden so viele erwünschte und unerwünschte Miterzieher an unseren Religionsschülern, und dem Einfluß der Zeitung, der Ausklärungsliteratur und neuerdings des Radio ist unsere Großstadtjugend frühzeitig preisgegeben. Aber auch ' schon der naturwissenschaftliche Unterricht, die Wundererzählungen der Bibel und das Selbstdenken der Schüler führen zu Fragen, die der religiösen Entwicklung des Kindes gefährlich werden können, wenn der Lehrer in törichter Vogelstraußpolitik nicht dem .Kinde in seinen Denk- und Gewissenskrisen ein hilfsbereiter Freund und Berater sein und den Schüler etwa auf die Zeit der späteren Lebensreise vertrösten wollte. Aber diese Ueberleitung zu einem tieferen religionsgeschichtlichen Verständnis muß ohne Versrühung und mit großem Takt geschehen. Niemals darf man einreißen, ohne aufzubauen; niemals ist die Kritik Selbstzweck, sondern nur das Mittel, um einerseits das Verständnis des Schriftinhalts im einzelnen, anderseits um das Verständnis der Offenbarungs^ geschützte im ganzen zu fördern. Dabei geht kein religiöser' Wert verloren, sondern wird nun erst durch Befreiung von zeitgeschichtlicher Zutat in das rechte Licht gesetzt. Wir zeigen z. B., daß die Bibel ja selbst nicht als eine Quelle naturwissenschaftlicher Belehrung angesehen werden will. Darauf deutet das siebenmalige „Gott sah, daß es gut war" in der Schöpfungsgeschichte hin. Mag darum auch ein naturwissenschaftlich geschultes Zeitalter eine andere und besser fundierte Auffassung von der Weltentstehung besitzen: die in dem ersten Kapitel der Genesis enthaltenen religiösen Gedanken sind herrlich wie am ersten Tag und wert, unseren Schülern nach- und eindrucksvoll zu Gemüte geführt zu werden. Wir erreichen auf diese Weise, daß im Verhalten zu unseren Schülern die Wahrhaftigkeit herrscht, deren am wenigsten der Religionsunterricht entraten kann. Wir verhindern dadurch auch, daß unsere Schüler im späteren Leben mit Geringschätzung auf ihre ehemaligen Religionslehrer blicken, die — wie in solchen: Falle das übertreibende Urteil lautet — entweder lehrten, was sie selbst nicht glaubten, oder aber mit Scheuklappen durchs Leben gingen. Nach dem Gesagten dürfte erwiesen sein, daß die jüdische Knabenmittelschule, die während ihres hundertjährigen Bestehens dem Religionsunterricht allzeit den wichtigsten Platz in ihrem Lehrplan eingeräumt hat, nicht I nur aus Pietätsgründen erhalten zu werden verdient. Der Berliner jüdiicben Gemeinde har sie einen Stamm jüdischer Menschen erzogen, die mir zeitgemäßer deutscher Bildung Kenntnis der hebräischen Gebete und wichtiger Jüdische Schulzeitung.