Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 6 (15.6.1926)
- Date
- 1926-06-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 in der Religion unserer Väter unterweisen konnte, oder .wenn ich sie laut und deutlich hebräisch beten hörte und sie religiöse Pflichten ausüben sah. Nicht nur die jüdischen Objekte der Heilpädagogik in den eigens für sie eingerichteten Anstalten, sondern auch diejenigen, welche die sogenannten Sonderschulen (Hilfs-, Sehschwachen-, Schwerhörigen'-, Sprachheil-, Tuberkulosen-, Wald-, Taubstummen- und Blindenschulen) besuchen, bedürfen ebensosehr eines gesonderten Religionsunterrichtes. Wo die jüdischen Kinder dieser Schulen keinen Religionsunterricht erhalten, wie beispielsweise in Berlin (eine Ausnahme macht die städtische Taubstummenschule), sollte nach dem Muster des Berliner Schul- und Talmud-Torah-Vorstandes für die jüdischen Kinder der Sonderschulen geeigneter Religionsunterricht eingeführt werden. Nach einer Statistik, die ich Juni 1924 zusammenstellte, gibt es in Alt-Berlin allein über 120 jüdische Kinder, darunter 90 bis 100 Schwachsinnige, die die öffentlichen Sonderschulen besuchen. Für sie bestehen zwei Religionsunterrichtsstationen, eine für Schwerhörige und Sprachkranke, in den Räumen der 1. Schule für Schwerhörige, Pappel-Allee 41/42, und eine für Hilfsschüler und Sehschwache, in den Räumen der 1. Schule für Sehschwache, Georgen kirchplatz 18. - Es darf bei den jüdischen Sonderschulkindern nicht gerade der wichtigste Erziehungssaktor fehlen, nämlich der Religionsunterricht. Auch sie sollen das erhalten, wessen sie am allernotwendigsten bedürfen, nämlich Pflege des religiös-sittlichen Gefühls. Selbst die Schwachsinnigen, die immerhin bildungsfähige Ansätze aufweisen, tonnen vorzugsweise mit Hilfe des Religionsunterrichts, der freilich ihrer Eigenart angepaßt sein muß, zu Mitarbeitern in der Gemeinschaft, wenngleich untergeordneten Hilfskräften der öffentlichen, gesellschaftlichen Arbeit ausgebildet unb zu guten Juden gemacht werden. Für die Schwachsinnigen besonders ist der Religionsunterricht so ungeheuer bedeutungsvoll, da er in erster Reihe sittliche Begriffe vermittelt, die für das spätere, praktische Leben, im wahrsten Sinne des Wortes Stab und Stütze sein sollen. Möge ein jeder sich in seinem Kreise umtun, mit offenen Augen, hilfsbereitem Herzen die vor ihm sitzende Jugend unterrichten und erziehen und stets dessen eingedenk sein, wie fließend die Grenzen zwischen gesund und krank, zwischen normal und anormal sind. Aus Theorie und Praxis unseres Religionsunlerrichts. Von Dr. Adolf Löwenberg, Berlins. „Der reißt die Sonne vom Himmel, der nimmt dem Jahre den Frühling, welcher den Religionsunterricht aus der Schule verbannen oder ihn nur beschränken wollte." So urteilte ein wackerer Schulmann des 10. Jahrhunderts. (Trotzendvrs.) Sein Ausspruch ist heute noch so zeitgemäß wie vor vier Jahrhunderten. Wahre Menschenbildung erhält durch die religiöse Erziehung erst Wärme und Duft. Was hilft es, wenn wir unseren Zögling auf Erden heimisch machen, ihm aber nicht die Kraft- und Trostqnclle der Religion erschließen, die seinem Leben erst Arbeitsfreude und Opfersinn, Weihe und Sabbatsrieden gewährt! Und welche Zeit bedürfte dessen inehr als unsere friedlose Nachkriegszeit mit ihrem .Heer von materiellen, politischen und sozialen Nöten! Und wer könnte von dem Werte der Religion inehr durchdrungen sein als diejenige Glaubensgemeinschaft, die der Welt den ethischen Mono- *) Mit Erlaubnis des Verfassers der „Festschrift zur Feier des bundcrtiäbriacu Vintt'ku'ns d«»r Kunbenschule der lüdilckin Nummer 6 theismus geschenkt, die für. ihre religiöse Ueberzeugung ein Martyrium sondergleichen erduldet hat und zum Teil noch erleidet, und deren Sendung erst dann endet, wenn die Welt-der wahren Gotteserkenntnis voll ist, oder — aus der Redeweise der Bibel in die unsrige übersetzt — wenn Wahrheit, Gerechtigkeit und Menschen liebe die Erde erfüllt. Nicht nur werden wir uns allen Bestrebnngen widersetzen, die den Religionsunterricht aus der Schule verbannen wollen, wir werden auch Vor- .sorge treffen, daß die -religiösen Eindrücke zu den frühesten und nachhaltigsten gehören. Darum muß der Religionsunterricht das Herzstück im Organismus der Schule sein. Wo er nur ein Fach neben anderen Fächern oder gar unorganisch dem übrigen Unterricht angefügt ist, da mögen wohl Kenntnisse in der Religion vermittelt, da mögen auch einzelne religiöse Impulse geweckt werden, aber die Auswirkungen eines solchen Religionsunterrichts bleiben in ihrer Isolierung für die Charakterbildung wenig bedeutungsvoll, verschmelzen nicht mit dem Zentrum der werdenden Persönlichkeit, mit ihren Bedürfnissen und Zwecken. Erst wo der Religionsunterricht das Zentralfach ist, in dem sich die Strahlen von überallher sammeln, ordnen sich die Erkenntnisse und Fähigkeiten dieser Lebens und Weltanschauung unter, entwickelt sich eine Persönlichkeit aus einem Gusse.. Wir denken nicht daran, die Eigengesetzlichteil irgendeines Lehrfaches anzntasten, wohl aber möchten wir, daß alle Ergebnisse des Schullebens in kraftvoller und kraftbildender Konzentration sich im Dienste der höchsten Lebensaufgaben zusammenschließen. Religion umfaßt unserer Ansicht nach den ganzen Menschen. Darum verwerfen wir den religiösen Intellektualismus, der in der verstandesmäßigen Erarbeitung und Beherrschung eines Wissensstoffes sein Genüge findet' aber ebensowenig sehen wir in dem Gefühl das Organ der Religion, da ja schon mit dem „Gefühl schlechthinniger Abhängigkeit" ein Bewußtsein dessen, wovon man sich abhängig fühlt, verbunden ist. — Und am allerwenigsten kann im Judentum auf die praktische Seite beim religiösen Verhalten verzichtet werden. In der Harmonie von rationalen und irrationalen Momenten sehen wir mit Rudolf Otto ein Kriterium, woran die Ueberlegenheit einer Religion gemessen werden kann. — Darum begnügen wir uns nicht mit einer gedanklichen Verknüpfung der religiösen Vorstellungen, so selbstverständlich und nötig dies auch ist, und keineswegs auch mit der Erzeugung von Wert- und Krastgefühlen. Nicht als bloße Verstandes- und Gefühlssache sollen daher unsere. Schüler die Religion kennenlernen: „sie ist in deinem Munde und in deinem Herzen, um sie auszuttben." , Das veranlaßt uns, ein Wort über das Verhältnis unseres Religionsunterrichts zu der Arbeitsschulpädagogik zu sagen. Erst ganz zuletzt hat die Arbeitsschulpädagogik ihren Siegeszug auf den Religionsunterricht ausgedehnt. In der sogenannten „Lernschule" war das Kiud das Ob jekt und deshalb zu sehr passiv und rezeptiv. Der Unter richt nahm zumeist nur Gedächtnis, Verstand und Gefühl in Anspruch. Die „Arbeitsschule" sieht ein, daß das Kind am besten, begreift, was es ans eigenem Antriebe ge sucht und selbsttätig gefunden hat. Dazu ist die Selbst' tätigkeit des Schülers verbllnden mit Freude an der gelingenden Tätigkeit und an dem Ergebnis feines Schaf fens. Darum soll die früher dominierende Tätigkeit des Vortragenden und fragenden Lehrers abgelöft werden durch die Selbsttätigkeit des Schülers aus möglichst eigenem Antrieb aus selbstaewählten Bahnen zu sreiaewäblten Zie- Jüdische Schulzeitung.