Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 6 (15.6.1926)
- Date
- 1926-06-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nummer 6 j ' Jüdische Schulzeitung. Seite 3 dem Heilpädagogen und dem Normalschullehrer zu schlagen, Vorurteile beseitigen zu helfen und dem, der hören und sehen will, eine Ahnung dessen zu geben, was ungeheure Feinarbeit an Geist, Seele und Leib der Heilpädagoge zu vollbringen hat, wobei man noch obendrein stets bedenken sollte, wie fließend die Grenzen zwischen gesund und krank, zwischen normal und anormal sind. Ich würde meiner eingangs mir selbst gestellten Ausgabe nicht völlig gerecht werden, wenn ich außer der Buchbesprechung nicht den jüdi.schen Standpunkt in heilpädagogischen Dingen noch kurz präzisieren wollte. Prof. Dr. med. F. Schneersohn sagt am Schlüsse einer kleinen Broschüre von nur 8 Druckseiten über Ausgaben und Ziele heilpüdagogischer Kurse: „Die vitalsten Interessen des jüdischen Erziehungswesens und der Heranwachsenden Generation sind aufs engste mit der gedeihlichen Entwicklung der Heilpädagogik verbunden. Die seelische und geistige Not der jüdischen Jugend lassen die Lösung des heilpädagogischen Problems für Schule und Gesellschaft unaufschiebbar erscheinen." Wir sollten es nur offen und ehrlich aussprechen, daß solche Gedanken neu sind für das Judentum. Wie die Völker, in deren Mitte wir Juden seit zwei Jahrtausenden wohnen, erst verhältnismäßig spät sich mit der Lösung heilpädagogischer Probleme zu befassen begannen, die ganze Bewegung ist keine 200 Jahre alt, so haben wir Juden in früheren Jahrhunderten eine heilpädagogische Bewegung in unserm heutigen, modernen Sinne kaum gekannt. Damit soll aber keineswegs gesagt sein, daß das Judentum mit den Abnormen nichts anzufangen wußte. Jedenfalls kann wohl mit Fng und Recht behauptet werden, daß das Judentum zu allen Zeiten frei davon war, in den geistig und körperlich Anormalen, namentlich in den Epileptikern und Krüppeln, Wesen zu sehen, vor denen man geheimes Granen empfand, in den Gebrechlern Wesen zu sehen, die man sich mit übernatürlichen, göttlichen Kräften begabt dachte. Wie es ja heute noch Naturvölker, Primitive gibt, für welche der Besitz Abnormer von unschätzbarem Werte ist. In unserm Schrifttum sind cheresch, schote, katan stets zusammengenannt, wenn dokumentiert werden soll, daß der Taube (Taubstumme), Idiot und der unmündige Knabe (bis zum 11. Lebensjahr) nicht als Rechtspersonen gelten und für Ausübung religiöser Pflichten nicht zu verantworten seien. Soviel scheint unbedingt festzustehen, daß man sich vor ihnen nicht entsetzte, daß man sie viehmehr mit Liebe umgeben, daß man sie für erziehbar und für fähig gehalten hat, einen gewissen Bildungsgrad zu erreichen. Hierfür spricht ein Bericht aus dem Talmud (chagiga 3a), den ich der Kuriosität halber Mitteilen möchte. *) Nach diesem Bericht existierten zwei Taubstumme, nach einigen Töchter, nach andern Geschwisterkinder des Rabbi Jochanan ben Godgoda, die mit ihrem Lehrer regelmäßig ins Schulhaus gingen, ihm gegenübersäßen, die Köpfe schüttelten, die Lippen bewegten und von ihm alles lernten und auch alles Gelehrte kannten. Gewiß werden solche Fälle vereinzelt dastehen, aber sie sind ein sicherer Beweis dafür, wie menschlich das Judentum Gebrechlern gegenüber fühlte und handelte. Man denke nur an den Krüppel Mephiboseth, den Sohn Jonathans. 300 Jahre ist es her, seitdem wissenschaftlich allgemein seststeht, daß die Taubheit die Ursache der Stummheit ist, aber schon Maimonides hat vor zirka 700 Jahren geschrieben' „Im Hebräischen ist ein cheresch einer, der nicht hören kann. Unsere Gelehrten aber nennen den Stummen auch cheresch (d. h. den Taubstummen), weil die Taubheit die Ursache der Stummheit ist." (Anläßlich der Talmudstelle in der Abhandlung Theramolh.) *) Wie vortrefflich die Juden im Altertum und im Mittelalter auf die Belehrung und Unterweisung der Jugend Bedacht hatten, zeigt ja am deutlichsten die geistige Emporzucht, die Gcistesauslese. So etwas ist nur möglich, wenn die Bildung so allgemein ist, daß sie alle Teile und Schichten der Gemeinschaft umfaßt. Das ist ja auch der Sinn des unvergleichlichen Torah Spruchesii. B. Mos., K. 13, B. 8. Kinn ayr> -pb m;rn Du, du Vater, sollst es deinem Kinde beibringen, du Vater, sollst deines Sohnes Lehrer sein! So kann wohl ohne Selbstüberhebung behauptet werden, daß dem Judentum der Begriff Heilpädagogik niemals fremd gewesen ist, wenn man auch nicht dasselbe wie wir darunter verstehen konnte. Denken wir nur an den Schulchanr aruch, jeder lernte daraus, Analphabeten hat es da kaum gegeben. Solange jeder Vater imstande war, Erzieher und zugleich Lehrer seiner eigenen Kinder zu sein, hat er sich gewiß liebevoll und ganz besonders desjenigen seiner Kinder angenommen, das aus dem allgemeinen Rahmen des Normalen herausfiel und nicht eher geruht, bis auch dieses, wir würden heute sagen, Objekt der Hcilpüdagogik, von den Lehren unserer erhabenen Religion einen Hauch verspürt hat. Müßten wir solch einen Vater nicht auch Heilpädagogen nennen? — Das änderte/ sich leider mit der Zeit; denn nach und nach verlernten es die jüdischen Väter, Lehrer ihrer Kinder zu bleiben. Erst nach der Zeit der Juden-Emanzipation trat wieder ein Umschwung ein. Selbstverständlich mußte nun eine gewisse Zeit vergehen, ehe die jüdische Allgemeinheit sich mit den Fragen der .Heilpädagogik beschäftigen konnte. Auch mußte man vorerst wichtigerer Probleme Herr werden. Aber verhältnismäßig früh hat hier private Initiative den Weg gewiesen, und es waren die Tauben, die man zuerst heilpädagogisch behandelte. Markus Reich, geboren am 15. 4. 1844, gestorben am 23. 5. 1011, der Begründer der ersten und einzigen jüdischen Taubstummenanstalt in Deutschland, gebührt das hohe Verdienst, Bahnbrecher und Wegbereiter der jüdischen .Heilpädagogik gewesen zu sein. Die jüdische Taubstummenanstalt wurde im Jahre 1873 in Fürstenwalde a. d. Spree gegründet und bald darauf nach Berlin- Weißensee verlegt, wo sie noch heute blüht und gedeiht- 1884 gründete Markus Reich den Verein „Freunde der Taubstummen", der immer noch Träger dieser Anstalt ist. Nach dessen Muster entstanden ähnliche Vereine, die mit Hilfe anderer jüdischer Organisationen heilpädagogische Anstalten unterhalten. Wir haben in Steglitz bei Berlin eine jüdische Blindenanstalt, in Beelitz (Mark) die israelitische Erziehungsanstalt für geistig zurückgebliebene Kinder, die dem D. I. G. B. untersteht. Dieser Verband unterhält auch ein Dauerheim für jüdische Schwachsinnige in Berlin-Weißensee. Außerdem gibt es noch andere Heime, die heilpädagogischen Zwecken dienen, so das jüdische Heim für Taubstumme in Niederschönhausen und Heime für Psychopathen, z. B. Idstein, mit einer Abteilung für jüdische Psychopathen. Ein besonderes jüdisches Psychopathenheim gibt eS noch nicht. Warum besondere jüdische heilpädagogische Einrichtungen gleschaffen worden sind, bedarf wohl keines Be> weises. Als ich noch Taubstummenlehrer an der Weißenseer Anstalt war, hat es mich regelmäßig mit besonderem Stolz erfüllt, wenn ich die jüdischen taubstummen Kinder *) Zum erstenmal mitgeteilt von Taubstummenlehrer Italic, Holland, in den „Blättern für Taubstummenbildung", Jahrgang 1917.