Mannheim
Compact Memory

Jüdische Schulzeitung · 1926-06-15 · 6 (15.6.1926) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
2 (1926)
Issue
6 (15.6.1926)
Date
1926-06-15
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2825247-2825294-2825300--0079-2825654
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 2 Jüdische Schulzeitung. Nummer f> (£oue), seine eigene, persönliche Stellungnahme präzisiert, und wo er Neues bietet. Wir waren bisher gewöhnt, nach Strohmayer und Ziehen das Hauptcharakteristikum des Schwachsinns zu sehen „im Jntelligenzdefekte, d. h. einer Schwäche des Gedächtnisses, einer mangelhaften, assoziativen Verknüpfung der vorhandenen Vorstellungen, insbesondere in einer Schwäche der höchsten assoziativen Leistung, des Urteils" (Ziehen). Ebenso waren wir nach Strohmayer und Ziehen gewöhnt, unter Psychopathie Krankheitszustünde zu verstehen, „die keine vollentwickelten, wohlcharakterisierten Geistesstörungen sind, sondern gewissermaßen auf der Grenzscheide stehen zwischen dem Normalen und Krankheiten des Seelenlebens'-. Von Düring aber belehrt uns eines anderen. In der 6. Vorlesung, in welcher er den Schwachsinn behandelt, sagt er: „Weil die im Intellekt am ausgesprochensten Geschädigten vielleicht in der Minderheit sind — was übrigens fraglich ist — und weil sie früh am meisten auffallen — hat man zuerst den „Schwachsinn", bei dem eine ausgesprochene Schädigung des Intellekts am stärksten hervortritt, am eingehendsten studiert. Aber die R ückständigkeit der Intelligenz ist stets nur eine Teilerscheinung innerhalb der geistigen Anomalie. Das Wesentliche bei den Schwachsinnigen ist neben einer Verkümmerung der Intelligenz eine disharmonische Ausbildung der verschiedenen geistigen Fähigkeiten. Alle Schwachsinnigen sind gleichzeitig Psychopathen; denn Psychopathen sind Menschen mit abnormem Seelenleben — und das Seelenleben des Schwachsinnigen ist abnorm." Sv belehrt uns v. Düring eines anderen und zugleich eines Besseren. Weiter sagt er im Gegensatz zu den Autoritäten, die ich vorhin zitierte: „Die Schwachsinnigkeit bezieht sich oder kann sich beziehen, ebensowohl aus eine mangelhafte Ausbildung des Gefühlslebens, wie des Willeslebcns." Wie anders können sich nun Arzt, Pädagoge und Jurist einstellen, wenn jeder sich nach v. Düring vergegenwärtigen wollte, daß sehr viele Psychopathen nichts' anderes sind als „Schwachsinnige" im Gefühlsleben. Während es früher hieß: Psychopathen können auch schwachsinnig sein, aber nicht jeder Schwachsinnige ist darum Psychopath, müssen wir uns fortan als neu merken: „Alle Schwachsinnigen sind gleichzeitig Psychopathen." Das ist gegen früher ein ganz fundamentaler Unterschied. Aber es würde zu weit führen, wollte ich nun im besonderen darlegen, worin er begründet und welche große Bedeutung ihm zuzuerkenuen ist in bezng auf das Werturteil, das wir uns als Folge der neuartigen Einstellung von Dürings nunmehr über den Schwachsinnigen bilden müssen. Zweifelsohne ist v. Dürings Einstellung die psychologisch -richtigere. Das vorliegende Werk ist geradezu eine Fundgrube zu nennen, wenn es sich darum handelt, z. B. die Entwicklung und die Erkennung des Schwachsinns durch die verschiedenen Lebensalter hindurch zu verfolgen. Bekanntermaßen macht man selbst bei gebildeten Eltern häufig die Wahrnehmung, daß sie die Möglichkeit eines ihrer Kinder sei schwachsinnig, direkt als Beleidigung empfinden. Sogar Pädagogen täuschen sich oft. in der Beurteilung über das Normalsein. Jugendliche, von denen sie glauben, es fehle ihnen nur die strenge Hand, zeigen sich mitunter, meist ohne Jntelligenzprüfung, als hochgradig schwachsinnig oder gar als geisteskrank. Sollten es sich unsere jüdischen Eltern nicht tief ins Herz schreiben, was der. Verfasser auf S. 87 sagt? „Wenn ein Kind 7 Jahre die Dorfschule besucht hat, ohne lesen und schreiben zu können, so ist die Erklärung, es handle sich um einen durchaus normalen, aber schlechten Menschen, fast tragisch zu nennen." Aber auch in höheren Schulen laufen solche Unglücklichen mit, ohne daß ihr Schwachsinn bemerkt wird. Es sind Jugendliche mit der Form des aktiven Schwachsinns, erethische Debilität, die durch ihre Lebhaftigkeit täuschen." Darum möchte ich es als unerläßlich hinstellen, sich mit vorliegendem Buch zu beschäftigen und bitte jeden der Leserinnen und Leser dieser Zeitschrift, sich durch die so anschaulichen und selbst für den gebildeten Laien nicht schwer verständlichen Vorlesungen v. Dürings auskläcen und belehren zu lassen. Die Aufklärung und Belehrung würde eine durchgreifende sein; denn der Leser erhält * Aufschluß über Vererbung, Ursachen der Minderwertigkeit (Alkohol, Syphilis, Tuberkulose, Infektionskrankheiten. usw.), Schwachsinn (Jntelligenzprüfungen), Hysterie, Epilepsie, Jugendirresein, Psychopathie, Psychoanalyse, um nur das Wichtigste Herauszugreisen. Die 20. Vorlesung gibt dem Buche eine ganz besondere Note. Sie handelt über Religion in der Erziehung. Man wird dem hochverdienten Verfasser am besten gerecht, wenn man wörtlich zitiert: „Ich kann über diese Fragen (Sünde, Religion, Strafe) um so freier und unbefangener sprechen, als die besten Anstalten, die ich gesehen habe, konfessionelle Anstalten waren, und als ich die Grundlage der konfessionell geleiteten Erziehung für die Schaffung der zur Entwicklung des Individuums unerläßlichen Weltanschauung für unentbehrlich Halte." Uns als Juden berührt es doppelt sympathisch, wenn wir sehen, mit. welcher Unvoreingenommenheit er Erbsünde und Eigenverantwortlichkeit gegen einander abwägt und „Form" und „Inhalt" gegenüberstellt. „Man will in der Form den Kindern einen Schatz fürs Leben mitgeben, — und erlebt doch immer wieder, daß die-Form ohne Inhalt möglichst rasch, wenn die Jugend selbständig ist, weggeworfen wird. . . . Auch hier heißt es. die Persönlichkeit entscheidet," auf daß nicht bei der Fassung in die Form der lebendige Inhalt verloren gehe. Die Erkenntnis, die uns v. Düring durch seine 25 Vorlesungen vermittelt, daß die Uebergänge zur Abnormität oft kaum auffallen, und daß eigentlich im strengen, seelischen Sinne die Wenigsten als „völlig normal" an zusprechen sind, muß uns Lehrer aushorchen und Erziehungsfehler erkennen lassen, die viele von uns nicht gewohnt sind, als solche anzusehen. In der 10. Vorlesung heißt es: „Gerade die Mißerfolge unseres heutigen „Kulturübermittlungsbetriebes" — das soll ja nach Paulsen die Erziehung sein — bei den anormalen Kindern und besonders bei den Jugendlichen, beweisen, daß unser Weg auch für die Normalen ein falscher ist. Die Erfahrungen, die man bei den Anormalen sammelt, berechtigen zu dem Schlüsse, daß bei den sogenanntenNormalen eine ganze- Reihe von Fehlern, Ungezogenheiten, Disziplinlosigkeiten, Schwierigkeiten nichts' anderes sind als Fehler der Lehrer, die nicht wissen, daß diese Züge natürlich sind, und erst durch „Erziehen" groß gezogen werden! Jeder Lehrer sollte unbedingt einige Zeit an einer Schule oder in einer Anstalt für Anormale gewirkt haben; er würde dann später nicht, wie es heute der Fall i st, A n o r m a l e züchte n." *) Wenn schon nichts anderes den großen Wert dieses Buches dokumentieren kann, so ist es der letzte Satz des eben angeführten Zitates. Zusammenfassend möchte ich sagen: Lest von. Dürings Buch und vertieft euch darin - denn es öffnet euch die Augen für eine Welt, die die meisten von euch ja nur vom „Hören-Sagen" kennen. Wie sonst kein zweites ist es geeignet, die Brücke zwischen *) Von uns gesperrt.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.