Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 5 (15.5.1926)
- Date
- 1926-05-15
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nummer 5 Jüdische Schulzeitung. ... . . Seite 5 Zwei Wochen nach Peßach waren die Kinder zur Religionsstunde gekommen. Ich fragte sie, was sie bei mir lernen wollten, Eines sagte: Religion; ein anderes: beten. L ehr e rr Wer kann denn von euch schon ein Gebet sagen? Mehrere dürfen ein solches aufsagen. („Lieber Gott, mach' mich fromm . . .", sagte ein Kind.. „Mit Gott sang' an. . ein anderes.) Lehrer: Die anderen Kinder, mit denen ihr im übri-' gen Unterricht zusammen seid (wohlgemerkt: wir, sind in der badischen Simultanschule!) lernen doch auch beten; jedoch nicht bei mir. Warum denn nicht? Schüler: Das sind christliche Kinder! L.: Und ihr? „ - Sch.: Wir sind jüdische Kinder. L.: Im anderen Unterricht seid ihr doch alle, die christlichen und die jüdischen Kinder, beisammen und dabei sprecht ihr alle die gleiche Sprache. Wißt ihr, welchedas ist? Sch.: Die deutsche Sprache. L.: Ja, und in dieser Sprache dürft ihr auch beten. Doch bald lernt ihr dazu eine andere Sprache, in der euer Later oder Mutter oder Bruder betet. Kann mir eines von euch sagen, welche Sprache das ist? Sch.: Ja, cs ist die hebräische Sprache. L.: Euer Vater wird gewiß öfters zuhause hebräisch beten und singen. Manchmal geht er aber auch in ein großes Haus, um dort zusammen mit anderen Menschen zu beten. Ihr wißt sicherlich, wie dieses große Haus heißt! Sch.: Die Synagoge. L.: Gerade neulich, ehe ihr zur Schule kamt, seid!ihr dort mit Vater und Mutter gewesen und habt gehört, wie man dort gebetet hat. (Aussprechen lassen!) L.: Da hatten wir einen Feiertag. Wißt ihr seinen Namen? (Schüler sagt ihn; wenn nicht, dann der Lehrer.) L.: An diesem Peßach-Feste gab es nun daheim etwas Besonderes zu essen! Sch.: Mazzos. L.: Sagt mir, wie die Mazzos aussehen! Das dürft ihr nun auch zeichnen! — Wie kommt es nun, daß wir diese Mazzos an Peßach essen? Sch.: (sprechen sich darüber aus oder sprechen sich darüber glicht aus). L.: Das will ich euch, einmal erzählen: „Da waren die Juden (man kann auch Israeliten sagen) vor langer, langer Zeit in einem Lande, weit fort von hier. Sie durften dort wohnen;, mußten aber dafür Häuser, ja sogar eine ganze, große Stadt wie die unsrige und dann noch eine zweite erbauen. Weil aber der König noch immer mehr von ihnen gebaut haben wollte, so ließ er sie immer mehr plagen, sodaß die Juden zum lieben Gott beteten: Lieber Gott, hilf uns; führe uns aus diesem Lande heraus in ein anderes, wo es uns besser geht." „Und da war ein Mann, namens Moses. Der ging zum König und sagte ihm: wenn wir weiter so schwer arbeiten müssen, dann werden wir aus diesem Lande fortzichcn. Doch der König lachte ihn aus und sagte: „Ich lasse euch gar nicht fortzichen; ja, von jetzt an müßt ihr noch schwerer als bisher arbeiten." Da sagte ihm Moses: „Wenn du uns nicht fortzichen lassest, so beten wir immer mehr zum lieben Gott, und der wird uns dann helfen." Der König aber war ein böser Mann. Der meinte, es gäbe gar keinen lieben Gott, weil er ihn noch nicht gesehen hatte. Er lachte den Moses wiederum aus und schickte ihn Fort. Doch Moses und alle Israeliten beteten zum lieben Gott und dieser ließ den König und viele Leute schwer krank werden. Da ließ der König den Moses zu sich rufen tund sagte zu ihm: „Wenn du wieder betest, daß wir gesund werden, so will ich euch fortziehen lassen." Das tat Moses und die Israeliten. Dann sagte er zu ihnen noch: „Ihr müßt euch so schnell wie möglich für-die Reise vorderes ten und euch Brot backen. Nehmt den Teig. Backt aber kein dickes Brot wie sonst, sondern macht euch ganz dünne Scheiben, noch dünnere wie Kuchen, und backt sie ganz rasch." So machten es die Israeliten. Und dann zogen sie so schnell, als sic nur konnten, fort; denn man konnte nicht wissen, ob der König nicht wieder andere Gedanken haben werde und am nächsten Tag den Israeliten wieder den Auszug verbieten werde. Als sie nun weit fort waren, da stellten sich Moses und die Israeliten in einer Reihe auf und sprachen ein Gebet, weil ihnen der liebe Gott geholfen hatte. „Wir danken Dir, lieber Gott, dafür, daß Du uns von dem bösen König fortgeführt Haft." Weit Gott das getan hat, darum feiern wir jedes Jahr dieses Peßachfest und danken jedes Jahr von neuem dem lieben Gott dafür, daß er damals den Israeliten so sein („wunderbar" zu sagen, wäre hier perfehlt!) geholfen hat!" Schlußwort: Soweit meine Unterrichtsprobe, die die Zeitspanne einer Stunde sicherlich ausfüllt. Ueberflüssig, zu betonen, daß sich eine Besprechung dieser Erzählung in! den folgenden Stunden anschließen wird mit festem Einprägen einiger Sätzchen über den Hergang der Erzählung und mit stacker Betonung von Gottes Allmacht. Doch fei weiter hervorgchoben, daß sich von da aus der Kreis der Besprechung erweitert, indem sich eine Schilderung der Sederfeier anschließen kann; weiterhin folgen unterrichtliche Gespräche über den Kiddusch, den Schabbos in der Familie und in der Synagoge, über andere Feste, insbesondere das Sukkossest, das eine Fülle von unterrichtlichen Ansbeutungsmöglichkeiten gibt. Nicht vergessen soll dabei die manuelle Tätigkeit, besonders das Zeichnen, sein, das sich ungezwungen, den Unterricht belebend, in diesen Rahmen einsügen läßt. Damit glaube ich, gezeigt zu haben, daß meine Vorbemerkung, wonach diesem religiösen oder mit der Religion innig zusammenhängenden Stoffgebiet der Vorzug zu geben sei, Geltung hat. Der Vollständigkeit halber sei aber nochmals angefügt, daß das andere in Frage stehende Stoffgebiet dazwischen auch in den Unterricht eingeflochten werden soll. Dereinsberichle. Bereinigung israelitischer Lehrer und Lehrerinnen in Frankfurt a. M. (18 9. Sitzung.) Zunächst widmet der Vorsitzende, Dr. Höxter, dem rm hohen Alter Heimgegangenen Kollegen Jakob S ch e.r e r einen warmen Nachruf. Hierauf hält Rabbiner Dr. Seligmann einen Vortrag über „Letzte Probleme des Religionsunterrichts: Stoff oder Persönlichkeit?" Redner berührt eine Fülle grundlegender Probleme des Religionsunterrichts. Ausgehend von einem erlebten Meinungsstreit zweier hervorragender Pädagogen stellt er die Frage in den Mittelpunkt seiner Erörterungen: Haben wir dem Schüler objektive Religion oder subjektive Religiosität zu geben? Ist es wichtiger, den Zögling den religiösen StimmungsgehaU eines Psalms erleben zu laßen, oder ist die Religionsstunde als eine verlorene anzusehen, aus der Lehrer und Schüler nicht das befriedigende Bewußtsein mit nach Hause nehmen können, diesen positiven Stoff, diese Bereicherung an religiösem Wissen gegeben bzw. empfangen zu haben? Der Vortragende beantwortet die Frage dahin, daß religiöse Erweckung und Begeisterung nur Höhepunkte des Religionsunterrichts sein können, die der Stunde des Ergriffenseins bedürfen, aber weder der einzige Zweck noch der einzige Inhalt des Religionsunterrichts sein können und sein dürfen.' Denn Religion, auch in der Bedeutung subjektiver Religion, persönlicher Frömmigkeit, lei letzten Endes immer Erbe, immer Sache der Ueberlieferung. Das Kind lernt religiös empfinden, lernt beten, lernt Bewunderung, Ehrfurcht, Begeisterung nicht