Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 2 (15.2.1926)
- Date
- 1926-02-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 ‘ Jüdische Schulzeitung. Nummer ü ist, nicht immer eine Bürgschaft bietet gegen hierarchische Macht gelüste auch außerhalb der ihm zugewiesenen Sphäre. Nicht ahne .Grund läßt Goethe den Erzbischof, im Faust sprechen: „Die Kirche segnet den, der ihr zu Diensten fährt", und die furchtbaren Kämpfe, die seit einem Jahr" tausend in den verschiedensten Ländern Europas zwischen Kirche und Staatsgewalt geführt werden, sie sind ein allzuberedtes Zeugnis für die Nachteile und Gefahren, die dem Wohle der Gesamtheit von einem übermächtigen Priestertum drohen. Das Wort des Mephisto: „Die Kirche hat einen großen Magen, hat ganze Länder ausgefressen und doch noch nie sich übergessen", hatte eine 'gewisse Wahrheit vom grauen Altertum an durch das ganze Mittel" alter hindurch bis an die Schwelle der neuen Zeit. In Israel sollte das ganz anders sein. „Das Pricster- - tum ist's, das hohe, heilige, das zu dem Himmel uns - die Leiter baut". Dies Wort des Dichters, von mir in einer Variante wiedergegeben, besagt in Kürze, was im „Segen Moses" und an anderen Schriststellen von den israelitischen Priestern, neben dem Opserdienste, erwartet wurde. Sie sollten die Aristokratie des Geistes, Erhalter und Bewahrer der göttlichen Gebote, Lehrer und auch wohl Richter des Volkes sein, sollten über die Heiligkeit und Reinheit Israels wachen und ihre Hände segnend über die Häupter der Gemeinde ausbreiten. Und wenn nun dem israelitischen Priestertum Besitz, ' namentlich Grundbesitz, versagt wurde, so daß es nur auf die mäßigen Abgaben angewiesen war, die ihm vom Ertrage der Feldfrüchte und der Viehzucht, sowie von den Opferspenden, geliefert werden mußten, so trifft Jaeobus das Richtige, wenn er sagt: „Es gibt wohl überall in er Welt kein'radikaleres Mittel,'politische Machtusurpativn zu verhindern, als die gesetzliche Ausschließung vom Besitz, insbesondere vom Bodenbesitz, zumal in einem Staatswesen, das sich auf seiner Landwirtschaft aufbauen soll. Das Gewicht des geistigen Einflusses der Priesterschaft ans das Volk mag noch so groß sein: sie kann nicht zu vollem politischen Mißbrauch ihrer Macht kommen, da ihr durch das Gesetz, das ihr den Zugang zu den Gütern des - Landes versagt, die Mittel znr Führung politischen .Kampfes verschlossen sind". Ich habe in dem Gesagten einen kleinen Ausschnitt ans dein Godanken'gang Jaeobus, über diesen Punkt wiedergegeben, wobei ich bemerke, daß der Verfasser die mosaischen Gesetze und Einrichtungen fast immer für sich selbst sprechen läßt. Nur selten, wirft er einen vergleichen- . den Blick ans andere Länder, Völler, Zeiten und Menschen. Einige Angaben, darunter auch die allgeführten Zitate, sind beiläufig von mir eingefügt worden. Es will mir - scheinen, als habe Jacobus aus demselben Gesichtspunkte heraus so verfahren, wie ihn Moritz Lazarus bei Herausgabe seiner „Ethik des Judentums" kennzeichnet, indem er sagt, er habe Vergleiche mit der Sittenlehre der alten . Völker nur gelegentlich und flüchtig gestreift, da die rein objektive Darstellung für sich allein sprechen müsse. Apo- . logie und vollends Polemik sollten hier fernbleiben. „Baust ' du einen Altar, so darfst du kein Schwert („Eisen") darüber schwingen; hast bn dein Schwert geschwungen, so . ist er entweiht." (Exod. 20,22.) v Ich verstehe diesen Standpunkt. Anderseits aber " weiß ich aus Erfahrung, daß gerade bei der reisen jüdischen ' Jugend (mit» auch für diese ist Wohl Jaeobus' Blich gedacht) die -Achtung vor dem religiösen Gut, das wir nun schon Jahrtausende durch die Zeiten tragen, erheblich steigt, wenn die Betrachtung.mosaischer Gesetze und Einrichtungen unter dem Gesichtspunkt vergleichender Religionswissenschaft geschieht, so lange wenigstens, als gewisse Seiten protestantischer Theologie sich noch.immer darin gefallen, alles, was wir an köstlichen religiösen Kleinodien besitzen, als entlehnt oder schon vorher dagewesen zu bezeichnen. Rabb. Dr. May hat sich bei Herallsgabe seines trefflichen „Heiligkcitsbuches" ebenfalls von diesen Er-. Wägungen leiten lassen. Meines Erachtens, könnte es beispielsweise bei Jaeobus' warmen Ausführungen über das dritte Kapitel seines Buches „der Kult des einen Gottes" auf die jüdische Jugend ihres Eindrucks nicht verfehlen, wenn man ihr folgende, von mir hier nur skizzenhaft gegebene Gegen? - überstelluilg, wenn auch nur in einem Anhänge, darböce: . Hier das uralte Nilland mit seinem abgeschlossenen ' Kastenwesen, seinen Priestern des Schattenreichs, seiner , Religion 'des Todes, seinen* vergötterten Königen,, seinem Ra-, Osiris-, Amons- und Jsisdienste, seinen katzen^, Hunde-, Widder-, krokodil--, sperber- und ibisköpfigen Göttern und Göttinnen, seiner Verehrung des Apisstieres, das ~~ Urbild des goldenen Kalbes, seinen Göttervrozessionen, unter Vorantragung des Götterbildes, seiner Wahrsagerei und Zauberei -- und dort bei Israel der ragellde Sinai gipset, auf dem der ewige, unwandelbare, einig einzige Gott sein erhabenes Gesetz verkündet; hier der von den ■. ägyptischen Priestern geflissentlich geliährte Glaube an diedreitausendjährige Wanderung menschlicher Seelen ourch - unzählige Tierleiber hindurch, Mumienerhaltung, Gräberkillt und Totenopfer — und dort in Israel das an die Priester gerichtete Gebot, sich von allem Toten fernzu halten; im Nillande vielbewundertc, riesenhafte Königs- . gräber, hergerichtet in fahre-, ja jahrzehntelanger Fron arbeit -- in Israel aber stirbt der größte Sohn, den je eine israelitische Mutter geboren, einsam aus Nebos .Höhen, und niemand weiß sein Grab bis auf diesen Tag. Kein Toten- und Gräberkult konnte mit Moses Grabstätte ge-, trieben werden wie in Aegypten, kein Kult, wie ihn bis zum heutigen Tage die Tochterreligion des Judentums mit dem „Heiligen Grabe" treibt. — — — r Und nun noch ein Wort zum dritten Punkt: „Dic volkswirtschastlichen Fragen". „Wir kennen die alte griechische Sage von der-Sphinx. Sie lag am Wege zum glänzenden siebentorigen Theben/ ‘ Wer den Weg dorthin finden wollte, mußte das Rätsel lösen, das sie ihm aufgab. Wer die Antwort nicht fand.; . wurde zerschmettert." „So lag," wie der ehemalige Schulmann und nun- : mehrige verdienstvolle Bodenreformer Adolf.Damaschke -J. sagt, „die soziale Frage am Lebenspfade eines jeden . Volkes. Hellas antwortete mit seiner Kunst und seiner Philosophie; aber da es die Frage seines Sklavenweseus nub feines Helotentums nicht lösen konnte, ging es zugrunde. Rom antwortete mit Schwertherrschaft und Juristenklugheit; aber als die römischen Bürger und Bauern in* Lumpenproletariat sanken, dem für „Brot und Spiele" alles seil wurde, da war sein Todesurteil gesprochen. Und auch in unserer Zeitwende liegt die Sphinx: der sozialen Frage ans dem Lebensweg jeder Nation. Te.-> Volk, das die Antwort schuldig bleibt, geht zugrunde. Dem Volke, das sie findet, öffnet sich der Weg zum höchsten! Ziel." Jaeobus glaubt die Antwort gefunden zu haben in den weisen volkswirtschastlichen Gesetzen des Fünsbuches. und seine warmen Ansführungen decken sich mit denen deL - erwähnten Bodeureformers Damaschke, der den mosaischen : Satzungen über das Schemittah- und Jobeljahr, oder.; wie es Jaeobus nennt, das Schulbenstundungsjah? und? das Jahr, in dem unverschuldete Armut wieder zu ihrem j