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Jüdische Schulzeitung · 1926-01-15 · 1 (15.1.1926) · page 8

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Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
2 (1926)
Issue
1 (15.1.1926)
Date
1926-01-15
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 6 meinen heutigen Betrachtungen unter anderm Goethes „Wahlverwandtschaft" Pate gestanden ist. „Du sollst.picht.unorden." Liegt es denn normalerweise in der Na tu r des Menschen, das Lelnm eines Mitmenschen zu schädigen oder gar zu vernichten! Ich mußmeine Frage mit einem entschiedenen Nein beantworten. Die meisten Morde, die sich ereigneten, geschahen Im Affekt, also in einem geistigen Zustande des Täters, bei welchem eine volle freie Willensbestimmnug ausgeschlossen war, oder waren das Resultat psychopathischer Veranlagung. Ich stelle diese Behauptung auf, selbst auf die Gefahr hin, auf starken Widerstand 511 .stoßen. Bei den Naturvölkern mögen die Dinge anders liegen. Bei ihnen sind im grossen und ganzen die Begriffe der sozialen Verantwortung noch nicht entwickelt, und doch dürfte ein Mord — abgesehen von der Blutrache — an einem Gliede des gleichen Stammes zu den äußersten Seltenheiten gehören. Auch das Volk Israel in seiner Gesamtheit, kaum der ägyptischen Sklaverei entronnen, bedurfte in dieser Hinsicht der Ermahnung des liebevolleil, gnädigeil Schöpfers. Israel war ja noch Ojef wejogeah welv jore Elokirn. Unsere Kleinen haben nun in der Geschichtsstnude vvii der abscheiilichen Tat Kajins gehört. Bielleicht hat die gemütvolle Erzählung und Darstellnngstveise des Lehrers bei deni einen oder andern Kurde einen tiefen Eindruck hinterlassen. „Kajin hat eine schreckliche Tat begangen. Kajin war ein böser Mensch." "Aber stellen Sie einmal bei den Knaben im 3.—i). Schilljahre .ganz unvermittelt die Frage: Was würdest du getan Ijalvn, wenn dn Kajin gewesen wärest. Lasseil Sie die Antwort schriftlich erledigen und mit genauer Beobachtung der Schüler, damit keine Unehrlichkeiten möglich sind! „Du sollst nicht ehebrecheil." Die Sinne sind die Pforten zur Innenwelt und mit deren Empfindung keimt die Seele empor. Was aber rulsere Kinder -mit dem Begriff „ehebrechen" anfangen können, überlasse ich Ihrem gütigeil Urteil. Wohl haben die Schüler bei der Geschichte Josefs voll einer Begebenheit gehört, die auf den Begriff „ehebrechen" Hinweisen könnte. Bon einer inneren Vorstellung, von einer greifbaren Frucht im Blickfelde der Seele, fauu aber keine Rede sein, selbst da, tvo inan *bcu Anforderungen der sexuellen Aufklärung in der Schule gerecht zil werden suchte. „Schichwvh imi — Liege bei mir." Es ist ja nicht aiiSgeschlossen, daß manches 12-und 13jährige Kind in seiner Betrachtung der Wahrheit etwas näher kommen kanil. Bielleicht ist auch in manchen Schulen einzelnen Kiiabeil durch die llbersehnng Raschis eiiligermaßen Klärung geworden. Es find sicher bedeutende Köpfe, die da verlangen, daß beim Perltateilchnnterricht keine Stelle übergangen werde, Aber welche. Begriffsverivirrnng durch die nicht wahrheitsgetreue Obersetznng entstehen kann, darüber eine Neminiszeilz aus meiner Präparandeiizeit. Ich war damals etwas über 13 Jahre alt. Unter nnserm hochverehrteil Talmndlehrer Reb Hiilloh Wechsler s. A. übersetzten wir regelmäßig die Worte, deren Abbreviatur mit Taw-He bezeichnet wird, kilrzerhand „Bettnwwenden". Ich verband damit keine weitere Borstellnng; Taw-He war eben Bettnmweilden. Kurz vor dem 9. Äw lerilten wir niut im Chase Qdom, was alles all dieseni Fasttage verboten ist. Um nun meine Eltern vor religiösen Vergehen zu bewahren, schrieb ich denselben einige Tage vor dem Festtage, daß am 9. Aiv unter anderm mich Taw-He — Bettnrnwenden — verboten ist. Was mag mein Vater s. A., der ein reiches Maß von jüdischem Wissen besaß und in Mischnah und Talmud bewandert war, gedacht haben, als er den Hinweis ans jene Untersagungen feines 13jährigen Sohnes las. Nummer l Und mi t stellen Sie, unter strenger Wahrung uub Be achtung der Selbsttätigkeit nub Spontanität der Schüler, im 6. und 7. Schuljahre die Aufgabe: Was meint ihr mit. dent Mort „ehebrechen". Sie werden die Hände über dem Kopse zusammenschlagen, wenn Sie die babylonische Verwirrung vor Augen bekommen. Jetzt noch eine Begebenheit, die ivert ist, der psychologischen Betrachtungsweise und fachmännischen Beurteiluiig übergeben zu werdeii. Unter meinen Schülern war ein llljähriger Knabe, von dem ich wußte, daß fern Sinn besonders auf das Materielle gerichtet sei. Eines Tages fuhren wir zusammen nach Nürnberg. Auf dem Wege ziir Bahn forschte, ich ihil ans, wie hoch feine Barmittel seien, die er bei sich trug. Ich stellte ihm vor — dies nur, nni seine diesbezügliche Einstellung besser ergründen zu können —, das; er vielleicht lwch Kinderfahrkarte benutzen, auf jeden Fall aber durch Lösung einer Sonntagsfahrkarte eine entsprechende Preisermäßigung erzielen könne. ' Daniit war er selbstverständlich sofort eiikverstanden. Am Bahnhofe angelangt, verständigte ich mich in Abwesenheit des Jungen mit dent Schalterbamten, einen iveseutlich höheren Preis für die Fahrkarte zu fordern, als dies tatsächlich der Fall war. Der Knabe erbat eine Svnntagsfahl karte. Der Beamte nannte als Preis hierfür 3.6(1 <K. In Wirklichkeit kostet am Sonntag die Fahrt nach Nürnberg nur 2.60 JL Der Junge legte '1 <U vor und erhielt 1/10 j( zurück. Verwundert schaute er bald auf den Beamten, bald auf das wiedergegebene Golde Zögernd schob er sogar das vermeintlich zuviel dargebotene Einmarkstück.'dem Beamten zu. Als dieser aber nicht daraus reagierte, griff mein Bursche rasch nach dent daliegenden Gelbe und entfernte sich schleunigst vom Schalter. So oft aber dann später ausser Fahrt der Beamte, der, wie es auf Kleinbahnen der Fall ist, mich den Schaffnerdienst zu versehen hatte, die Wagenabtdlnng betrat, wandte der Junge sein Gesicbt dem Fenster zu, um von jenem' iiicht wieder erkannt zu werden. Andern TageS berichtete ich in der Schule von dem Vorfall, ohne jedoch zunächst den Schülern den wirklichen Preis der Fahrkarte zu nennen. Schließlich verlangte ich von meinen Schülern dm; schriftliche Darlegung darüber, wie sie unter gleichen 'Verhältnissen gehandelt hätteik. Und, siehe da, nur ein einziger Schüler erklärte klipp und klar, daß er das, scheinbar, zuviel erhaltene Oleft dem Beamten znrückgegeben hätte. . Ich habe diesen Fall deshalb ausführlicher geschildert, um eineil Einblick in die Seelenstimmung des Jungen zu geben. Ich bitte nun meine Kollegen, ähnliche Vorgänge und die auf meine obigen Ausführungen sich beziehenden' Beobachtungen bekannt zu geben. Daraiis könnte eil, Material gesammelt werden, das gewiß für die Seelenforschnng der Kinder und für die Tätigkeit in der Schule, von hohem Werte sein würde. Ansprachen beim Iugen-gottes-iensk. (Teilweise nach Cassel „Sabbathstunden".) Von Rabbiner Dr. Gottschalk, Berlin. 3. Dankbarkeit. Liebe Kinder, wir lasen heut, wie Jakob in seine Heimat zurückgekehrt und wir hörten von ihm das schone Wort: „Zn gering bin ich für all <bie Gnade und Treue, die du deinem Knechte erwiesen." Fragen wir uns mm, liebe Kinder, was veranlagte Jakob, p zu beten, so müssen wir antworten: seine Dankbarkeit. ... So laßt uns im Anschluß an Jakobs Gebet von der Dankbarkeit eilt tveniges sagen. Grade der Jugend, liebe Kinder, steht die Dankbarkeit Jüdische Schnlzertung.

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