Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 1 (15.1.1926)
- Date
- 1926-01-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nummer 1 Jüdische Schnlzeitung. .... .. ... schichte, Kains GeNnssensgnalen, darf natürlich nicht vernachlässigt .werden. Gewissen selbst ist als Wort fremd, aber leicht 511 erklären. Empfunden haben es alle oder fast alle. Auch hier w.erden voll selbst Beispiele gebracht. Sie übertreten sich sogar — etwas was im ll. und 4. Schuljahr bestimmt nicht mehr vorkommt. Ein anderes Beispiel: Der treue Knecht Elieser. ein. übrigens zum Illustrieren geeigneter Stoff, da der Begriff Brunnen den Stadtkindern^ wenigstens sonst fremd bliebe. Was läßt sich nicht an Anschlußstoffen bringen! Das Verhältnis znm Dienenden ist ein so wichtiges Kapitel heute, da wir Kinder anS allen Schichten der Bevölkerung in der Grundschule nufuehmen, mehr als früher. Wie oft hört man ans Kindermund das Wort: Nur das Dienstmädchen. Auch hier darf man tiatürlich wieder nicht tadeln. Man kann nur durch Beispiele — es gibt schöne Geschichten für diese und ähnliche Fälle in Försters Lebenskunde — durch vorsichtiges Heransfragen ans anderen Kindern ans dell rechten Weg leiten. Auch den: Dienstboten und gerade ihm gehört eilt Danke! ein Bitte! Wir überlegen, -wie wir ihnen Freude machen können. Ein Gruß von der Reise, ein selbstverständliches Mitgeben von allem, eine freiwillige Hilfeleistung — wieviel soziale Ueberbrücknng wäre geschaffen. Ich möchte da eine kleine Anekdote ans meinem 1. Schuljahr erzählen. Bei der Geschichte vom Verkauf Josefs läßt sich eine Klärung des Begriffs „Sklave" nicht umgehen. Ich brachte 'ihn 'in scharfen Gegensatz znm Begriff „Dienstbote". Zn einer entgehenden Besprechung war es noch nicht gekommen, da die Erzählung noch nicht beendet tvar. Auf' einmal ans dem Munde nreiner kleinett Ruth Caro ein sehr entrüstetes: Wie? Lebendige Menschen vcrkaufetl? Uitb gleich darauf: Ja, wo hatten die Menschen denn die ersten Sklaven her? Sie warm doch alle gleich! Spricht da nicht schon eilt starkes soziales Gefühl mit? Ich konnte wohl nichts anderes tun, als den.Kindern vom Recht des Stärkeren erzählen ohne dieses Wort selbst zu nennen. Bei Ruth blieb jedenfalls eilt Bedauern zurück. Doch nochmals zicr Abrahamsgeschichte. »Was für Allschlußstoffe lassen sich da nicht sonst noch findell! Z. B. in den Sagen der Inden: Abrahams Jugend. Dann denke ich an einen Gesprächsstoff lvie die Gastfrenildschaft. Abraham setzt beit Gästen das Beste vor. Da kommen wir auf den guten jüdischen Brauch der Gastfreundschaft -am Freitag- oder Festabeild. Und hier ist meiner Ansicht nach — es handelt sich ' ja nicht mehr um große, eindrucksvolle Handlung, sondern um Bestehendes, immer wieder Geschehendes — Platz für die Handfertigkeit. Wieviel Frellde iliacht cs deit Kindern, gemeinsaln oder einzeln einen Sabbathlenchter aus Ton herznstelleu, die Ehallah zu formen, einen Freitagabendtisch zu malen. Hier würde auch die Anwendnltg fertiger Bilder, der Oppenheimschen, Nutzen bringen. Wir besuchen auch einmal gemeinsam-die Synagoge. In gleicher Weise denke ich nur die Vorbereitung auf die Feste. Die gewaltigen Stoffe des Pessach-, Plirim- und Channkkahfestes ntiiffen sehr gekürzt werden, um so ausführlicher darf die Feier an sich behandelt sein. Der Sedertisch! Da ist ja eine Fülle für die manuelle Tätigkeit und ebenso beim Ehanukkahfest. Daß die Jnngeils des i. oder 2. Schuljahrs sich ein Trendelchen selbst machen, lnüßte selbstverständlich sein, die Mädchen machen eins aus Ton oder Kork nnb benutzen zum Spiel — wir spielen alle Jahre mindestens VA Stunden — ein paar gekaufte. Das ist Erleben! Die armen leeransgegangenen Pechvögel bekolnnlen natürlich einen Trostpreis. Zn Rausch hafchanoh haben lvir eine hübsche Umhüllung für den neuen Lnach gemalt oder ausgeschnitten und den Eltern geschenkt. Das Versöhnnngsfest in seinen tiefinnersten Zügen, seiner höchsten sittlichen Bedeutung vermag das Kind von 6 und 7 Jahren nicht zn fassen, aber warum sollen wir nicht auf seinen kleinen K inderstreit eingehen? Wenn da ein hartnäckiger Trotz köpf ans dem Gefühl heraus: Ich Hab' — mich selbst bekehrt sich ändert, so ist wohl für dies Alter das Ziel der relig. Belehrung erreicht. Ist es doch gerade einer der stärksten und besten Gedanken des ArbeitsnnierrichteS: Einer helfe dem anderen. Das Gefühl!der Gemeinsamkeit kann nicht oft genug betont werden. — Zum Lanbhüttensest basteln wir natürlich eine Laubhütte oder machen Ketten aus Papier, Eicheln usw. zum Auspntz der eigenen, — wir schmücken auch die Klasse — wir malen uttd formen den Feststranß. Sehr schön dächte ich mir auch gemeinsame Arbeit der Ober- und llnterklasfe an einer großen Laubhütte. Es läßt sich dnrchü'ihren. Daß wir die Snkkoh, die im Synagogenhof ansgeschlagen ist, besichtigen, bedarf gar keiner Erörterung. Das Lanbhüttensest ist Erntefest und fällt auch hier in unseren Ländern zur Ernte-, wenigstens zur Obsterntezeit. Wir machen plangemäß unseren Spaziergang durch die Felder. Wir hören öder erzählen wiederholungsweise das Märchen von der Kornähre, diese Mischung von Märchen- und Sagenhaftern, die, so oft ich sie auch brachte, stets nachhaltig gewirkt hat. Die Bedeutung, der Wert des Bootes tritt den Schülern hier fast noch klarer vor das Bewußtsein als in -den Josephsgeschichten. Wir sprechen vom Ueberfluß, vom Bettler, vorn Mitleid mit -den Tieren int Winter. Da wäre es im Anschluß an diese Geschichte vielleicht an der Zeit, den Segenssprnch über das Brot zn lernen oder doch wenigstens ausznlegen; von einem Zwang, das Hebräische in der Unterklasse betreffend, möchte ich abraten, es kommt ganz auf .Nassenfregnenz und Reife des. K^assendn-ch'chnitts an. Beim Ehanukkahlied liegt die Sache schon anders, da wollen die meisten gern mitsingen bei der häuslichen oder der Schulfeier. Gewöhnlich habe ich mir geholfen, indem ich den Text der ersten Strophe in deutschen Buchstaben anschrieb. Wert auf das Können lege ich nicht, denn es gibt sehr viele Kinder, die nur verstandesmäßig auswendig lernen können, und diesen fehlt hier als Stütze die Aufeinanderfolge der Tatsachen. Ich möchte auch im ersten Schuljahr, in dem die Schicker ja das hebräische Lesen noch nicht haben, vont klassenmäßigen Erlernen hebräischer Gebete sehr abraten. Man mag gelegentlich die, die schon vom Tischgebet oder Nachtgeoet etwas wissen, annaaen lassen; es spornt an, aber ein Zwang soll da in der Klasse noch nicht empfunden werden. Aber vom richtigen Beten sprechen wir doch. Für ein Nachtgebet sind wir wohl nach der Erzählung von Jnkob's Flucht und seinem Nebernachten in der Wüste in der geeigneten Stimmung und Einfühlung. Und das ist beim Religionsunterricht doch sehr wesentlich. Das tägliche Morgengebet in lder Klasse darf auch nicht zur abgedroscl-enen PH'-ase werden. Wir müssen wissen, daß wir mit dem lieben Gott sprechen, daß wir wirklich bitten- und danken. Einmal ein anderes als das übliche, von der Lehrerin gesprochen, oder ein kleiner Hinweis wie: Ihr betet mm alle: „Wie fröhlich bin ich anfgewacht", und da liegt zur gleichen Zeit unser Röschen im Bett und hat arge Schmerzen. Ich brauche gar nicht weiter zu sprechen. Die Kinder vollenden oder sie beten auch nur, aber mit größerer Echtheit. Ich erinnere mich eines wirklich andächtigen Kindes. bei dem mir in den erften Schuljahren anffiel, daß es sich beim Morgengebet stets in ausfälliger Weise dem Fenster zuwandte. Ich tastete vorsichtig, aber schon das wurde als Vorwurf — es handelte sich um ein äußerst empfindsames Kind —empfunden und bekam zur Antwort ein für mich beschämendes: Aber ich sehe ja grade nach dem Himmel und dem lieben Gott! Wenn ich mich nicht entschuldigt und einen Irrtum vorgeschoben hätte, hätte ich in den Augen des Kindes vermutlich verloren.— So etwa denke ich nur den Unterricht in Religion im ersten Schuljahr und auch fortgesetzt im zweiten. Man kann da