Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 1 (1925)
- Issue
- 3 (15.12.1925)
- Date
- 1925-12-15
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite (i Jüdische Schnlzeitung. Nununer schastlich auf ihrem Spezialgebiet hervorgetan haben, nicht einen höheren Titel geben soll. Dagegen haben sich die Jungen gewehrt, indem sie sagten, dann sind wir wieder nnr Gelehrte, Wissenschaftler. Nein, wir wollen Lehrer sein und unser vornehmstes Betätigungsfeld muß die Erziehung und das Kind sein. Die Anhänger der besonderen Religionslehrer Akadencien denken anders.- Ich verkenne nicht die Schwierigkeiten, aber ich glaube, daß in unserer Bernssidee als Lehrer und als Erzieher selbst die Kraft liegt, die Widerstände, die heute noch da sind, zu beseitigen, z. B. die besondere Schulung der Knltusbeaniten. Wir wollen auch im Religionsunterricht keine „Unterrichter", sondern „Erzieher". Das Heil auch des Religionsunterrichtes liegt nicht in der Stofsbeherrschung, sondern in der Erzieherpersönlichkeit, in der Pestalozzinatur. Wissen und Können. Bon A. Nuhbaum, Wiesbaden. „B o r u ch h a s ch e m s ch ehe rh e j o n n . . ." dürfen wir jüdischen Kantoren Deutschlands freudig ausrufen, denn nach langen Jahren ist uns endlich Gelegenheit gegeben, zur Oeffentlichkeit zu sprechen, wenn auch nur zu einenc kleinen Kreise. Freuen wir uns, daß es uns wieder möglich ist, wissenschaftlichen und praktischen Gedankenaustausch zu pflegen, was uns allen doch so not tut. Gibt es denn überhaupt eine kantorale Wissenschaft? wird so mancher fragen. Nun, nach der bisherigen Vorbildung der jüdischen Kantoren Deutschlands ist diese Frage vollkommen berechtigt. Wir haben uns in den Jüdischen Lehrerseminaren eine andere Lehranstalt für jüdische Kantoren gab es nicht - Allgemeinbildung und pädagogisches Wissen angeeignet, kurz das Rüstzeug für die Lehrpraxis erworben. Und was ist für unsere kantorale Ausbildung geschehen? Allenfalls wurde nns in praktischen Kursen kantvrales Können beigebracht, d. h. der Chasonnsunterricht beschränkte sich darauf, den mehr oder weniger musikalisch veranlagten oder vvrgebildeten Seminaristen die verschiedenen Nigunim des Jahresallenfalls -an Hand des „Kol rinnah utefillah" von Lewandowski beizubringen. In Seininargottesdiensten lvurden die so erworbenen Vortragskünste dann praktisch verwertet. Bon Stimmbildung war selbstverständlich keine Rede. So notdürftig ausgerüstet, wurden wir hinausgesandt, um nun als Kantoren zu wirken. Wer es mit seinem Berufe ernst nahm/ trieb von nun an Gesangs- und -Musikstudien, studierte eventuell auch die Werke unserer großen Ehasonusmeifter, wie Sulzer, Lewandowski, Naumbourg u. a., suchte also durch Fortbildung zu ergänzen, was die Vorbildung ihm vorenthalten hatte. Die meisten aber, die sogenannten „Auchkantoren", haben vielleicht außer dem „Javhet" und dem „Kol rinnah" nie ein Shnagogengesaugswerk zu Gesicht bekommen. Nun mag es eine Reihe von Kantoren geben, die durch Veranlagung, Fleiß und Kunstverständnis es zu einer kantoralen Kunst gebracht haben. Diese stellen vielleicht das Kontingent der Proniiuenten dar. Sehr klein dürfte jedoch der Kreis derjenigen Kantoren auch unter den prominenten - sein, die neben der kantoralen Kunst auch das kantorale Wissen beherrschen. Jeder Beruf erfordert einen speziellen Zweig des Wissens, der unsere .benötigt die kantorale Wissenschaft. Wer sein Amt als Vvrbeter ganz ausfüllen will, muß Bescheid wissen über Entstehung und Entwicklung der jüdischen Musik im allgemeinen und der Shuagogenmusik im besonderen, über unsere großen Ehasonusmeister und ihre Werke, sowie über vieles andere, was zn dieser Svezialwissenichaft gehört. Die zukünftige Kantorengeneration wird es ja in dieser Beziehung besser und leichter haben als wir Alten. Ihnen werden sich die Pforten der Akademie öffnen, in der ihnen all das Wissenswerte in systematischer Weis» übermittelt werden wird, was wir uns mühsam durch autodidattische Fortbildung erwerben mußten. Bezüglich der geplanten a k a d e m i s ch e n V 0 r b i l d n n g d e r K a n t 0 r e n drängen sich uns nun unwillkürlich die bren nenden Fragen auf: Woher sollen die geeigneten Akademie/ lehrer genommen werden? -- Aus welchen Quellen sollen die Studierenden schöpfen? - Welches Lehrbuch »oll ist deu Senlinarkursen benutzt werden? Vorläufig wir) mau sich wohl oder übel mit Autodidakten als Lehrern begnügen müssen, d. h. mit Kantoren, von denen nuri die Gewißheit hat, daß sie sich neben der Ausübung ihres Berufs eingehend und ausgiebig mit der einschlägigen Literatur des Ehasonns beschäftigen, daß sie Quellen studium belceibeu, so daß sie die Geschichte des Synagogen gesanges und seiue Eutwickeluug beherrsche!!, kurzum, daß sie imstande sind, deu jungen Menschen, die sich dem Kautoreuberuse widmen wollen, die Theorie des Ehaiours übermitteln und praktische Ehasouusübungen le!teu / fit können. Erst der .nächsten Generation bleibt es Vorbehalten, ordnungsmäßige Akademielehrer zu stellen. Und nun zur Ehasvnusliteratur. TieHauvtquelle für das kantorale Wissen bilden, wie für jedes jüdische Wissen, Bibel und Talmud. Letzteren zu studieren dürfte nicht fever Akademiebesucher imstande sein. Dagegen gibt es zahlreiche Werke, die auf Grund der betreffenden Talmuostelü'n Ausführliches über kantorale Wisseufchast enthalten uic die den fortgeschrittenen Akademikern zum Studium scbr zu empfehlen sind. Es seien nur Namen genannt wie Saalschütz, Delitzsch, Forkel, F. L. Cohen, Kaiser und Svarger, Paner, Winter und Wunsche, Znnz, Elboo n, Steinschneider, Duckes, Naumbourg, Singer, Birnbaum, Friedmann, Kirschner. Als eine wahre Fundgrube mr kantorales Wissen sei „The Jcwish Encyclovedia" empiohlen. Zunächst wäre es allerdings emvfehlenswert, einen Leitfaden des kantoralen Wissens für die akademischen Seminarkurst' zu schaffen, der etwa folgende Kavitet cnt halten soll: Die Geschichte der jüdischen Musik. Temvetmusik- und Musikgeräte. Tie Entstehung und Entwickelung des Shnagogengesanges. Die alten Tonarten. Die' .Steiger- Lehre. Die Liturgie. Miuhagim. Piutim usw. Vielleicht hat der eine oder der andere unserer Kollegen, der sich eingehend mit kantoralen Studien be»! schäftigt hat, das Material zu einem solchen .Handbuch, - das dem sortgesrhritteneu Akademiker als Wegweiser durch/ die Ehasonusliteratur dienen kann,' schon fertig liegen;!! doch wo wird sich ein-Verleger finden, der solch ein um. fang reiches Werk in einer verhältnismäßig kleinen Ans-/ läge Herstellen läßt? - Hier müßten die größeren jüdischen Organisationen, wie Landesverbände, Großloge n. a. ehi1! greisen und eine finanzielle Basis schaffen, ans der diel- Drucklegung eines solchen Buches möglich wäre; kommt^ doch letzten Eudes das ganze Unternehmen der jüoifcheull Gesamtheit zugute, indem sie dazu beiträgt, derr zukünftigem- Kantor mit ausgiebigem Fachwift'en anszurüsten.- WeunE so durch gediegene Ausbiloung nnd fleißiges FortbitdeuE gediegenes kantorales Wissen in unseren Bernsskreis ein - dringt, dann werden wir durch erhöhtes Können .unseres Gemeinden vollauf zusriedenstellen, nnd nns selbst wird^ unser Wissen höchste innere Befriedigung gewähren. >