Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 1 (1925)
- Issue
- 3 (15.12.1925)
- Date
- 1925-12-15
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2825247-2825307-2825310--0025-2825595- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Homer 1× ep/1025156
OCR text
Nummer 3 > Jüdische Schulzeitung. ab? Wie unheilvoll eine solche Akademie mit ihrer „gleich wertigen" aber nicht „gleichartigen" Bildung wirkt, das hat Herr -.Seminardirektor Dr. Carlebach-Köln gezeigt, der die Frage abwarf, ob etwa die Kenntnis eines Amvs nicht ebensoviel Bildungswert habe, wie die eines Homer? Darum handelt es sich aber gar nicht. Sondern es handelt sich um die fundamentale Frage: Soll der Religionslehrer ein. Gelehrter sein oder ein Lehrer, soll das Bildungsgut im Vordergrund stehen oder sein Wissen um das Kind, seine Erziehungseignung? Deshalb meinen die Andern, und zu denen gehöre auch ich, das; der zukünftige Religionslehrer nicht in erster Linieeine rcligionswissenschaftliche Ausbildung erhalten soll, sondern zunächst mit den übrigen Lehrern eine erziehungswissenschafttiche. Der Religionslehrer soll mit dem zukünftigen Volksschullehrer nicht nur gemeinsame All' gemeinbildung auf einer höheren Schule sich erwerben, sondern auch gemeinsame Ausbildung in Pädagogik und ihren .Hilfswissenschaften. Und zwar darum, weil der Religionsunterricht in erster Linie Erziehungsunterricht ist, weil es sich bei ihm nicht in der Hauptsache um'das objektive Erfassen der Religionswissenschaft, sondern um die genaue Kenntnis des Kindes, um die Kunst der Stofsgestaltuug handelt. In früheren Zeiten überwog in der Zielstellung die äußere Zwecksetzung, heute ist Urquell, Weg und Ziel der Bildnngsarbcit der Schüler. Auch der Religiouslehrer braucht kein Gelehrter zu sein. Er muß ein mit tiefer Empfänglichkeit und Ehrfurcht für objektive Werte erfüllter Mensch sein, getragen von dein PersöuUchkeitswert des Kindes. Der Religionslehrer muß freilich religiös feilt, muß soziale Gesinnung, Hingabe an die zukünftige Generation als Wertträger besitzen, muß Eigenschaften haben, die keine Bildung vermitteln kann. Aber diese Vorans'etzungen können geweckt werden. Die angeborene Erzieherbegabung kann geschult werden. Ein noch so gutes Auge wird in jahrelanger Dunkelheit blind. Erziehen ist kein .Handwerk: es genügt nicht, den Stoff zu wis'eu, den man lehren soll, auch nicht das einfachste Handwerkszeug, die Methode, zu kennen. Rein, der Lehrer muß einen tiefen Blick tun in die großen Geheimnisse der Menschenseele, in das Werden und Reisen der Menschen. Das gibt Ehrfurcht, die den Lehrer erst zum Erzieher erhebt. Der ganze große Plan der Menschencrziehuug muß dem Lehrerstudenten gegeben werden. Nicht aus der Enge soll das Werk der Erziehung geschehen, sondern aus dem Erlebnis der großen Meuschheitsfragen heraus. „Es liegt alles daran, daß der angehende' Religionslehrer mit der Pspche seiner Zöglinge sich befaßt. Nicht die Unterrichtstechnik ist das Wichtigste, sondern das Verständnis der jugendlichen Seelenentwicklung." „Alle Lehrerbildung ist eitel, wenn cs ihr nicht gelingt, pädagogische Gesinnung und Grundstimmnug anzubaueu." Unser Religionsunterricht wird um kein Jota besser, wenn der zukünftige Religionslehrer nicht zunächst in erster Linie, wie jeder Lehrer, pädagogisch ausgebildet ist. Er muß in das Kind hineinwachsen durch eingehendes Studium der Erziehungswissenschaften. Ter Erziehungsvorgang muß in den Uebungsschulen Tatsache werden. .Hier spiel! sich tagtäglich der Erzichungsvorgang ab. Die Uebuugsschule ist dem Lehrerstudenten Anschauungsgebiet und Forschungsgebiet. Da quellen ihm ununterbrochen die Probleme für sein Denken und sein Streben zu. . Die Erziehungsformen als Lebcnstat, der Aildungsvorgang als Leben erscheinen hier. Äer Lehrerstudent muß in ständigem .Umgang das Kind suchen, mit ihm. spielen, arbeiten, sein Kamerad sein und muß so in das Kind hineinwachsen. Sein wichtigstes Studium ist das Kind. Die besonderen Akademien oder Hochschulen für fc ligionslehrer würden den Religiouslehrer isolieren, ausschließen. Gerade die Seminarbildnug hat eine stckcbe Isolierung geschaffen. Wir wollten eine neue Form der selben suchen. Gerade für den Religionslehrer in die Weite des Blickes notwendig, die entsteht durch Berührung mit dem gesamten Lehrerstand, mit der übrigen sttldierenden,Jugend.' Das bedeutet eine ungemeine Bereicherung, das führt hinein ins volle Leben, dem auch der Religionsunterricht zu dienen hat. Es ist leicht, aber verhängnisvoll neue Einrichtungen zu schaffen, die ganz besonders ausschließliche Wege gehen. Nie werden wir die Fragen des Religionsunterrichts richtig befruchten können, wenn wir sie nur ans der Enge dieses Stoff-; gebietes betrachten gelernt haben. Ter Religionslehrer soll auch der Führer der schulentlassenen Jugend werden. Dieser Führer wird dir Lehrer nicht sein, wenn er noch so viel religiöses Wissen hat. Er wird nur dann Führer sein können, wenn er die Psychologie des Jugendlichen kennen gelernt hat. Nie werden wir das Kind richtig verstehen, wenn wir cs nur immer vom Standpunkt eines Faches aus zu erfassen suchen. Nein, wir wollen keinen Religionslehre!', dessen Bildung sich abseits von der der anderen Lehrer vollzieht, sollst ist der Religiolislehrer ein Lehrer zweiten oder dritten Grades. Man wende nicht ein, der Mathe matiklehrer sei ja auch ein Fachlehrer und darum nicht weniger als die anderen Lehrer. Ja gewiß, aber er hat feine Bildung nicht abseits erhalten, sondern aus der Universität, wie die übrigen Lehrer auch. Die Allgemein bildung mit den VolkSschullehrern ist gemeinsam. Darüber sind wir alle einig. Nun meine ich, es sollte auch die Fachansbildnng auf der Hochschule oder der pädagogischen Akademie mit den anderen Lehrern gemeinsam sein. . Nun ist es ganz klar, daß eine Stoffbeherrschung des Lehrgutes notwendig ist; denn ein 'eindrucksvolle? - Gestalten des Lehrstoffes im Sinne der Arbeitsschule; ist ohne Beherrschung des Bildungsgutes nicht möglich.' -Soweit sich der Religionslehrer eine solche nicht bis zur Reifeprüfung angeeignet hat, hat er sie sich eben neben feinem Pädagogitstudium oder nachher anzneignen. Die besonderen Einrichtungen für diese Studien sind in unseren Rabbinersemillaren bereits vorhanden. Es würde genügen, sie mit einigen Lehrkräften zu erweitern. Tie Frage der Lehrerbildung ist noch im Fluß. Aber Alle, die dazu das Wort genommen haben, fordern neben den Erziehungswissenschaften noch die Ausbildung in eineln besonderen Fach. Dieses Fach ist eben für den jüdischen Religions lehrer ans den Religionswissenschaften oder ans den orien -■ talischen Sprachen zu entnehmen. Wenn der Volksschul - lehrer als Fach sich Mathematik oder Physik nsw. wählt, wählt sich der Religionslehrer ein entsprechendes Wissensgebiet seines späteren Lehrstoffes. Hier lernt der Lehrer, wie auf dem Gebiet der Erziehungswissenschaften exakt wissenschaftlich arbeiten und forschen. Gewiß werden dann an den Lehrer, wie an jeden anderen Menschen, sväter Ausgaben und Fragen herantreten, die ein neues Wissen erfordern, die ihn nötigen, von neuem geistig zu arbeiten. ■ Aber dazu hat ja der Lehrerstudent wissenschaftlich arbeiten gelernt,, daß er sich leicht auch in-fremde Gebiete wissen-' schaftlich einarbeiten kann. Es ist unmöglich lmd un- : nötig, daß der Lehrer all die Unterrichtsstoffe während seiner Ausbildung studiert, die er später zn lehren hat. - Das ist ein überwundener Standpunkt. Bei den Anhängern besonderer ReligionSlehrer-Akademien' kehrt er wieder. Es ist letzthin die Frage erörtert worden, ob man den Lehrern an höheren Schulen, die sich wissen-!