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Jüdische Schulzeitung · 1925-11-15 · 2 (15.11.1925) · page 3

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Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
1 (1925)
Issue
2 (15.11.1925)
Date
1925-11-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nummer 2 Jüdische Schulzeitung. 2ei re muß uns tvillkommen sein, sei er geborener Deutscher oder Jude; und wer den guten Willen nicht hat, wer uusern Idealen widerstrebt, nur seiner Selbstsucht statt dem ganzen Volk^dien'en will, der muß, sei er als Deutscher oderals Jude, geboren, als möglicherFeind im Auge Gehalten unb nötigenfalls gemaßregelt werden. Es gibt hier keine „Sunde wider das Blut", nur eine Sünde wider den deutschen Geist, den man frei bejahen oder verneinen kann." Aber nicht immer äußert, er diesen Gedanken so einwandfrei. „Der anständige Jude aber, der bereit wäre, deutsch int Geiste zu werden — auch dazu liegt eine Möglichkeit im jüdischen Blut, denn Jeslts unb Spinoza umreit jüdischen Bluts — wird uns fern in verbitterter Abgeschlossenheit festgehalten." Welch seltfante Verirrung, Christus und Spinoza als Muster der Eignung für das Deutschtum herauszuziehen! Die Bedeutung von- Christus und Spinoza, wird damit nngerechterwcife verengt; dabei liegen zttm Glück Tausende von überzeugenderen Beispielen viel näher. Schärfste Zurückweisung jedoch verdient eine Stelle, die in ihrer verlebenden, ja beleidigenden' Form ans dem Rahmen der sonst (wenn es sich nicht tun Jüdisches handelt) so gerecht abwägenden Darstellttng heransfällt. „Seitdem Goethe ein Geschäft geworden.ist, sind -attsfallend viele jüdische Schriftsteller um seine Lebensbeschreibung bentüht, während die Deutschen sich zttrückgehaltett haben, wohl ans dem Gefühl, daß der eigentliche Kern in ihm mit) seinem Schaffen, seine Bedeutung für unser Volk, wohl zu fühlen, aber noch nicht ansznsprechen war." Die Begründung, weshalb die „Deutschen" sich zurückgehalten haben, ist vom leisen Hauch einer Komik umweht, wie sie deutlicher wird in jenem Ausspruch des Schriftstellers: „Ich würde ein klassisches Drama schreiben, ich habe bloß keine Zeit." Es ist eine Tatsache, die etwas Rührendes hat, daß der Berliner jüdische Kreis um Rahel — es war kaum ein Menschenalter, seit deutsche Bildung sich der Jndenschaft erschloß — von verständnisvollster Verehrung für Goethes Schaffen erfüllt war und für Verbreitung einer einsichtsvollen Würdigung seines Werkes sich betätigte. Goethe selbst, der wohl wußte, wie wenig Deutsche ihn verstanden, war jedenfalls viel dankbarer dafür als Hermann Schneider. --- Wenn man Schneiders unpassende Ansdrucksweise beibehalten will, so müßte man sagen: Die Inden haben Goethe erst zum „Geschäft" für andere gemacht. Gegenüber Leistungen von Persönlichkeiten wie Bielschewsky und Gnndols, Richard M. Meyer und Ludwig Geiger an materielle Motive des Schaffens zu denken, das bleibt unserm Autor Vorbehalten. Er charakterisiert streng abweisend englische Art — oft mit. Recht, — aber daß ein Engländer seiner Bildungsstufe — ich will das naheliegende Fremdwort meiden — über literarisches Schaffen im Dienste vaterländischer Kultur in dieser Weise urteilt, halte ich für unmöglich. Selbst ein antisemitisch gewordener Schriftsteller wie Ernst v. Wolzogen muß anerkennen, wie z. B. in Amerika die Inden deutscher Herkunft fast die einzigen sind, die ihr Interesse für deutsche Literatur werbend betätigen, und erinnern will ich nur an Theodor Fontanes Gedicht „An meinem Fünfundsiebztgsten" mit dom Schlüsse: „Jedem bin ich was gewesen, Alle haben sie mich gelesen, Alle kannten mich lange schon, Und das ist die Hauptsache . . . Kommen Sie, Cohn!" I ed e m — nämlich von den Juden, nicht vom märkischen Adel. Von demselben Range wie die besprochene Stelle ist eine Anmerkung, die einer ganz vorzüglichen Eharakterif-.ik Goethes als des deutschen Klassikers iS. 2I'Ji angefügt ist. Es ist da von dem Verhältnis Goethes zu. Frau von Stein die Hiebe: •. . . „wer nicht fühlt, daß er vor sich selbst gar nicht anderes als eine Ehe, in diesem Fall doch noch viel mehr als in dem Chriftianens, wollert konnte, der versteht Goethe, wie ihn ein Franzose oder ein Jude verp.'hen kann unb vielleicht muß. „Diese Enge der Etusühln-igsfähigkeit, die der ''Autor Inden >nto Franzof-'n zuschreibt tdie Zusammenstellung ist nicht beleidigend!) läßt ans eine Enge der.Anschauung oder doch des Wissens des Autors ans b? fern Gebiete schließen. Mar Eschelbachers An;faß „die Fr.n im Judentum" sin „Soziale Ethik im Judentum", Kansfnmnn, Frankfurt a. Main) dürfte ihn cin wenig orientieren. Bon. der Feinheit in den Beziehungen der (Geschlechter zneine tder nach Auffassung und Lebensgestaltnng im Judentum hat er anscheinend keine Ahnung. Soll man, um das Unsinnige der angeführten Behauptung anfznweisen, Deutsche jndi cher Abknnit nennen, die des Autors Ansicht über Goethe und Frau von Stein teilen und ch c i st l i ch e Deutsche — darunter sogar Frauen — die ihr widersprechen? — es erübrigt sich bei dieser Selbstverständlichkeit. Bon dem Gerechtigkeitssinn des Verfassers darf man erwarten, daß er in neuen Auflagen die wenigen Spuren von Entgleisungen tilgt. Damit wird ihm nur zngemntet, was auf dem geraden Wege feiner edlen Bestrebungen liegt. Wenn man — und nun gar in diesen bitteren Zeiten vaterlätidischer Not! — ansbauen will, wird man keine wertvolle Kraft znrückschenchen' und jene Bauleute nicht „in verbitterterAbgeschlossenheit" fernhe.lten, die nicht gewillt sind, ihre stolze Vergangenheit preiszng:ben, sich als Prügelknaben für anderer Fehler behandeln zu lassen oder unverdiente Schmähungen einznsteckeu. Um diesen Ausführungen einen versöhnlichen Schluß zu g'be'n und um nach jüdischer Art „mit ettvas Gutem" zu enden, sei eine Stelle des Buches hier zuletzt angeführt: „Unser Volkswesen, unsere Bolksknltnr ist im Werden, ans dem Chaos der angenblirklichen deutschen Zustände will sich das Nene gestalten und wird sich gestalten, ohne daß wir bewußt viel dazu beitragen müßten. Wenn wir' aber die Werke unserer Klassiker als Vorzeichnnngen zu einer künftigen deutschen Einheitsweltanschanung ansehen und den Weg überblicken, den die Verwirklichung, die Anpassung an Biele und an die Weltumstände, bisher gegangen ist, so eröffnet sich eine Möglichkeit, vielleicht da und dort durch richtiges Erkennen und freies Wollen den Vorgang zu fördern, nufer Ziel ist ja, alle menschlichen Verhältnisse nach Vernunft und Gerechtigkeit zu ordnen — da muß es möglich sein, mit Hilfe der Vernunft und Willensfreiheit sich zum Werkzeug der Vernunft und Gerechtigkeit schneller und besser geeignet zu machen, als wenn man blind den Dingen ihren Lauf läßt. Wir haben die Grnndzüge unserer klassischen Welteinstellung gesehen, den Zug zur Selbstvervollkommnnng und den zum sittlichen Dienst am Ganzen, den zur Hingabe an die Welt, wie sie ist, und den zur Jdealbildnng; die Aufgabe wäre, dies alles so zu nutzen, daß das Ziel, die Ordnung der menschlichen Verhältnisse nach Vernunft, immer im Auge behalten, einen Maßstab zur Selbsterzichung abgäbe, zur freien Uebnng bestimmter Seiten, zur freien Unterdrückung anderer im Dienst der Jdealverwirklichung; wir müßten lernen, uns zu vervollkommnen, um denr Volk und durch das Volk der Menschheit zu dienen — wo die Vervollkommnung nur dem Einzelnen dient oder gar entzweit, müßten wir ihr Einhalt tun; wir müßten lernen, unfern Wirklichkettssinn, in den Dienst nnserer idealen Ausgabe zu stellen, uns zu erhalten und zu stärken als Volk, damit wir in Wirklichkeit etwas durchsetzen können, unser Ideal lebensfähig umzu-

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