Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 1 (1925)
- Issue
- 1 (15.10.1925)
- Date
- 1925-10-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Jüdische Schnlzeitnug._ _ Nummer l muß er hinreichende Kenntnis besitzen, um mit ihrer Hilfe selbständig den Ban poetischer Stücke zu erkennen. Daß er die Bibel, im Urtext lesen könne, ist eine Selbst- Verständlichkeit. Besondere Vertrautheit soll er besitzen mit dem Pentateuch, dem größten Teile des prophetischen Schrifttums, den Psalmen, den Sprüchen Salomos, den fünf M'gilloth, und auch das Buch Hiob darf ihm kein Buch mit sieben Siegeln sein. Die Erklärungen unserer alten Kommentatoren, namentlich Raschis znm Pentateuch, muß er geläufig und mit Verständnis lesen können. Doch genügt es für if)ii nicht, den Schlüssel zum Verständnis der einzelnen Abschnitte des künftigen Religionslehrers zu besitzen. Er muß die Predigt eines Propheten als ein Ganzes erfassen, die einzelnen Teile den Leitgedanken nnterzuordnen wissen, er muß eine Vorstellung haben von der spätjüdischen Frömmigkeit, wie sie sich in den Psalmen und dem Buche Hiob äußert, er muß, auf die ganze Bibel gesehen, eine wissenschaftlich begründete Kenntnis von der politischen und vor allem von der religiösen Entwicklung Israels besitzen. Aber die Entwicklung der jüdischen Religion hat nicht mit dem Pentateuch und auch nicht mit der biblischen Zeit anfgehört. Sie hat ihren Niederschlag gefunden in Mischna und Gemara, in den Schaalausns'schnwaus des Mittelalters und in den Gesetzessammlungen von Maimonides an bis ans Joseph Karo und seine Kommentatoren. Bisher haben unsere Seminaristen in den meisten Fällen in der nachbiblischcn Geschichte Belehrung über diese Dinge bekommen. In einigen Seminaren waren auch dem Unterricht in Mischna und Gemara und im Schulchan arnch einige Wochenstunden gewidmet, und zwar wohl hauptsächlich in der Absicht, die Schüler mit dem Dinim bekannt zu machen, die für sie als künftige Kultusbeamte von Bedeutung waren. Dieses Ziel soll auch künftig nicht aus dem Auge gelassen werden; für den Religionslchrer aber scheint es mir wichtiger, daß er durch das Studium geeigneter Abschnitte des Talmud, des Mischne Tora, des Schulchan arnch ein Bild!gewinne von dem geistigen Inhalt des jüdischen Gesetzes, von der Methode seiner Erforschung und Weiterbildung, von dem heiligen Eifer, mit dem unsere Rabbinen sich um seine Ausgestaltung bemüht haben. Aber das Judentum ist niebloß Gesetz gewesen. Wie schon die Psalmen, das Buch Koheleth und Hiob widerhallen von Fragen nach dem Sinn der Welt, von Zweifeln an Gottes Gerechtigkeit und Güte, so hat das Forschen nach der Wahrheit. niemals in Israel anfgehört, und der Klärung seines Glaubcnsgchalts haben die Mühen der Besten in ihm gehört bis auf den heutigen Tag. Aber der künftige Lehrer soll sein Wissen von diesen Dingen nicht in erster Linie erwerben aus Schürer, Bousset und Weber, trotzdem das Studium dieser Bücher ihm nichts schaden tyird. Für die talmudische Zeit steht ihm die Agada von Bacher zur Verfügung, 'für biö Religionsphilosophie des Mittelalters kann er Uebersetzungen benutzen. Es hätte hier wenig Sinn, den Kusari oder den More ncbnchim in hebräischer Sprache zu lesen, da die Ausgaben in hebräischer Sprache ja selber Uebersetzungen ans dem Arabischen sind. Darüber darf die Beschäftigung mit religionsphilosophischen Schriften moderner Gelehrter, mit den Werken eines Samson Raphael Hirsch, eines Geiger und Cohen nicht zu kurz Kommen. Aber die Religionsphilosophie ist nur ein Teil der Philosophie überhaupt, und so darf auch die Beschäftigung mit ihr nicht fehlen. Eine orientierende Uebersicht über »die verschiedenen Strömungen im Geistesleben, wie sie an den Universitäten gewöhnlich unter dem Namen „Geschichte der Philosophie" gegeben wird, muß der künftige Religionslchrer mindestens besitzen. Kurz sei noch darauf hingewiesen, daß Kenntnis des Neuhebräischen als der Sprache, in der wichtige Schriften der Gegenwart abgefaßt sind, und des Midrasch als Fundgrube für die Predigt höchst wünschenswert wäre. Der künftige Religionslehrer aber soll nicht nur ein Kenner,, er soll auch ein Könner sein. Was er gelernt - hat, soll er andere auch lehren können. Seine pädagogische Ausbildung darf hinter der der übrigen Lehrer nicht zurückstehen. Ja, wenn nian bedenkt, mit welchen Schwierigkeiten gerade der Religionslehrer zu kämpfen hat, so wird man -die Forderung verstehen, daß i seine pädagogische Ausbildung die allerbeste sein muß. Daß feine unterrichtlichen Maßnahmen psychologisch fundiert fein müssen und er sich also eingehend mit allgemeiner und differentieller Psychologie zu beschäftigen hat, ist eine selbstverständliche Forderung. Das überaus - schwierige und bisher nur spärlich bebaute Gebiet der religiösen Entwicklung im Kindes-, Knaben- und Jünglingsalter ist für ihn von besonderer Wichtigkeit. Der überall zutage tretende Mißerfolg der Bemühungen um die religiöse Erziehung der Juden ist zum Teil aus der Unkenntni? zu erklären, die auf diesem Gebiete bedauerlicherweise besteht. Es ist ein reiches Maß von Kenntnissen, das hier von dem Religionslehrer gefordert wird, und dabei ist von der Vorbildung für das Vorbeteramt nicht die Red«' gewesen, die gleichfalls viel umfangreicher und inten fiver als in dem bisherigen Seminar betrieben werden muß. Wer aber die Verhältnisse kennt, unter denen ein Religionslehrer seine Tätigkeit auszuüben hat, wer weiß, welche verantwortungsreiche Aufgabe ihm gestellt ist, und wer — last not least — auch erfahren hat, wic viel schon dadurch verdorben worden ist, daß diese Aus gäbe Männern anvertraut war, die ihr weder wissen schaftlich noch pädagogisch gewachsen waren, der wird die hier erhobenes Forderungen nicht übertrieben finden und wird nicht glauben können, daß die Vorbereitung auf eine solche Aufgabe während des Besuchs einer Pädagogischen Akademie betrieben werden kann. Dafür sind besondere Anstalten nötig, die keinem anderen Zweck zu dienen haben als der Ausbildung von Religionslchrern und Kultnsbeamten. Oft hört man die Ansicht, daß die Rabbinerseminare die geeigneten Stätten dafür seien. Aber die Dozenten dieser Anstalten sind schon von ihren bisherigeil Allfgaben so irr Anspruch genommen, daß es doch der Anstellung besonderer Dozenten für die künf- Ligen Religionslehrer bedürfte, und für die pädagogische Allsbildung fehlt es ihnen sowohl an den nötigen Lehrkräften wie an den Einrichtungen. Das braucht »licht zu hindern, daß eine Verbindung zwischen Rabbinerscminar und Religionslehrerinstitttt hergestellt wird, ähnlich der, wie sie in Hamburg, Dresden, Leipzig und Jena zwischen dem pädagogischen Institut und der Universität bestehe, daß nämlich die Lehrerstudenten einzelne Vorlesungen all der Hochschule hören, während das pädagogische Institut ihnen das bietet, was die eigentliche Berufsbildung fordert. Wie viele Jahre der Studiengang umfassen ' soll, läßt sich nicht genau bestimmen. Für junge Leute/ die mit guten hebräischen Vorkenntnissen in die Anstalt eintreten, dürsten zwei Jahre genügen. Der Unterricht hat sich auf folgende Fächer zu erstrecken: Hebräisch, und zwar Grammatik, Lektüre biblischer Schriften, ausgewählte Partien aus dem Talmud, die geeignet sind, in seinen