Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 4
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 430 (sequence 59)
- Language
- German
- Belongs to
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nicht einmal selber, er gab nur her und stand mit verhülltem Haupte dabei. Abraham aber opfert nicht etwas, nicht ein Kind, sondern den •.einzigen46 Sohn, und was mehr ist: den Sohn der Verheißung und dem Gott dieser Verheißung (die traditionelle jüdische Kommentierung liest dies Paradoxon sogar in den Text hinein), deren Inhalt nach menschlichen Begriffen unmöglich wird durch dieses Opfer; nicht umsonst gehört diese Perikope unsern höchsten Feiertagen; es ist das prototypische Opfer nicht der eigenen Individualität (Golgatha), sondern der völkischen Existenz, des „Sohnes" und aller zukünftigen Söhne (denn wir berufen uns vor Gott auf dieses Opfer oder vielmehr auf diese Opferbereitschaft, und zwar die des Vaters, nicht die, in der Erzählung doch sehr betonte, des Sohnes). Der Sohn wird wiedergegeben: er ist nun nur noch Sohn der Verheißung. Nichts anderes geschieht, kein Ilion fällt, nur die Verheißung bleibt bestehen; um keines Ilion willen war der Vater bereit gewesen, sondern „grundlos". Agamemnon opfert etwas, „was er hat", Abraham alles, was er sein könnte, Christus alles, was er ist. Ja, es ist wirklich, wie Sie schreiben, „der ganze Unterschied". Dem „naiv" in Anspruch genommenen, unveräußerlichen Recht an Gott entspricht, was Sie vergessen, das ebenso „naiv" aufgenommene Joch der unveräußerlichen Leiden, von denen wir — „naiv"? — wissen, daß sie uns auferlegt sind (traditioneller Kommentar zu Jes. 53): „zur Erlösung der Welt". Und doch arbeiten wir nicht an dieser Erlösung, die doch auch unsre Erlösung vom ..Leiden" sein wird — im Gegenteil: der heiligen Unruhe Eures Arbeitens entspricht bei uns die heilige Angst, daß die Erlösung nicht „vor der Zeit" komme (wozu es die sonderbarsten geradezu grotesken Legenden, alte und neue, gibt) eine Angst, die den metaphysischen Grund unsrer Stellung zum Christentum, wie jene Unruhe den Eurer Stellung zum Judentum bildet. (Mittwoch) Um nochmal darauf zurückzukommen: die beiden Opfer, das auf Moriah und das auf Golgatha haben also das gemein gegen alles heidnische Opfer, daß nichts dadurch erreicht wird (wie denn auch nur das gleiche aufgegeben wird, was wiedergefunden wird), sondern daß das Opfer selbst das Bleibende des Glaubens und damit das Bleibende schlechtweg wird. Daß dies Bleibende zweierlei ist, hier eine ewige Gemeinschaft und dort ein ewiger Mensch, das macht in seinen Konsequenzen das gegen- 430