Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 4
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 428 (sequence 57)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2823768-2823769-2823774--1416-2825233- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Cicero 1× ep/1024888
OCR text
Haß oder die fremde Verachtung selbst die empirische Vergleichbarkeit mit den anderen Völkern versagen. Sie hat an metaphysischer Schwere nichts verloren, obwohl der Gehalt (der Atavismus war ihr stets nur SvmboL der Messianismus allein Inhalt) jetzt Allgemeingut geworden ist; denn noch immer ist (und wird es immer bleiben) sie die einzige siehtbar wirkliche Verkörperung des erreichten Ziels der Einheit (des „Einen Volks auf Erden", wie es sich selbst im Sabbatgebet nennt), während die Völker nur auf dem Wege zu diesem zu erreichenden Ziel sind und sein müssen, wenn es je wirklich erreicht werden soll. Denn die jüdische Idee der Auserwähltheit ist von Anfang an alles andre als „naiv". Wäre sie das, so hätten Sie recht, sie mit heidnischen Diogenieen und Diotrephieen zu vergleichen. Aber sie ist es ganz und gar nicht! Sie entdeckt ihre „Herkunft" erst als sie ihre „Bestimmung" erfahren hat. Wäre sie naiv, d. h. atavistisch ihrem Inhalt nach, so wäre der Judenhaß unerklärlich, denn eine Krähe hackt der andern kein Auge aus; aber am Sinai (nicht etwa im Haine Mamre), sagt eine alte kalauernde Legende, hat sich Israel die „sinna", den Haß, der Völker erworben. Die Juden sind die einzigen Unnaiven in der Antiken Welt, und deshalb ist allerdings das Christentum, das dieser antiken Welt die Unbefangenheit ihres tou cttco nimmt, insofern eine „Judaisierung der Heiden", Ihre Schilderung des „Heidentums" entspricht doch trotz andrer Formulierungen genauer als ich dachte meiner eigenen Ansicht. Daß ich darüber unsicher sein konnte, lag wohl daran, daß ich damals Ihrer Verwendung der „Sprache" von mir aus nicht nachfolgen konnte; das hat sich inzwischen geändert; es sprachelt jetzt bei mir auch lebhaft. Ich will jetzt aber das Heidnische nochmal, wie Sie ja auch tun, gerade am Volksbegriff auseinandersetzen, weil Sie ja eben durch das Volksein Israels immer wieder dazu kommen, es unwillkürlich zu ethnisieren: Augustin, ich glaube im vorletzten Buch der Civitas Dei, setzt sich in einer Stelle (die ich übrigens, neben der Umformung des Chiliasmus in der gleichen Gegend, für die Schlüsselstelle des Ganzen halte — gegen Troeltsch für die ältere Auffassung —), also er setzt sich mit Ciceros Staatslehre auseinander: Cicero habe in einer, übrigens verlorenen Partie von de republ. dem Staat die beiden absoluten Zwecke der Selbsterhaltung (salus) und der Vertragstreue (fides) gesetzt, die freilich — Fall Sagunt — in Konflikt miteinander kommen können, wo dann die salus um 428