Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 4
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 426 (sequence 55)
- Language
- German
- Belongs to
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durch die Offenbarung seiner eignen Hingabe an die Ideale mächtig. Der Ideale sind viele. Eins verstellt dem andern das Licht. Das Gesetz der Vertauschbarkeit aller Gegenstände ... gilt auch für sie; der Mensch, zwischen sie gestellt, weiß mit Bestimmtheit nur, daß er sich hingeben soll, nicht welchem von ihnen. Es herrscht die Tragik des Konflikts der Pflichten. Gottes Gebot ist ein Befehl, eindeutig an diesen Menschen und in diese Lage dieses Menschen hinein gerufen; Rückfrage oder seitliches Ausweichen auf einen andern Strang des Systems ist unmöglich; denn hier besteht kein System von Linien, es gibt nur die eine zweigeleisige Strecke; höchstens Luzifers Trotz oder Jonas' Flucht wären möglich. Es gibt eben ein Reich der Ideale (das nur systematisier&ar, also einheits/ä/ug ist), aber nur ein Wort Gottes (das sich zur Mannigfaltigkeit des Reichs erst entwickelt). Deshalb gilt in der Welt der Offenbarung kein „Konflikt". Die Legende beginnt, wo die Tragödie aufhört — mit dem fünften Akt. 2. Aufzeichnungen vom Jahre 1922 26. März Die Offenbarung „erneuert die Schöpfung", d. h. sie stellt die Norm, das Natürliche wieder her. Z. B. die Vernunft ist von Haus aus durchaus etwas Passives, der Mensch erkennt, was er erkennen muß; der Augenblick beherrscht sein Erkennen. Aber nun macht sich die Vernunft selbständig, „autonom". Sie erkennt „um zu erkennen"; sie „experimentiert", d. h. sie drängt den Dingen ihre Fragen auf, statt sich von den Dingen ihre, der Dinge, Fragen aufdrängen zu lassen. Hier kommt nun die Offenbarung und lehrt den Menschen wieder das zu erkennen, was sich ihm aufdrängt. Gott läßt sich nicht „versuchen". Und nun heißt es: Du bist sehen gemacht worden1). Und aus diesem: Du bist sehen gemacht worden, das zunächst ein vereinzeltes ist, gehen nun Kräfte aus, die schließlich all unser experiri in ein Mit-Augen-sehen-müssen [wandeln], so daß man nicht anders kann, als erkennen. — Goethe gegen Newton. 4. April Solange der Mensch überhaupt nichts von Gott weiß, solange er jede seiner Offenbarungen einfach annimmt, wie sie an ihn kommt, solange ist er noch gar kein Heide. Erst mit der Theologie beginnt das Heidentum. Nämlich, indem der Mensch Projektionen und Substanzialisierungen (nicht voneinander zu trennen) seiner Erfahrungen vornimmt. Nun betet r) Das Zitat (Deut. 4,35) im Original in hebräischer Sprache. (Anm. d. Red.) 426