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Die Kreatur · 1929-01-01 · Heft 4 · p. Seite 424

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
3 (1929-1930)
Issue
Heft 4
Date
1929-01-01
Page
Seite 424 (sequence 53)
Language
German
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IRI
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AUS FRANZ ROSENZWEIGS NACHLASS Franz Rosenzweig ist am 10. Dezember 1929 gestorben. Wir veröffentlichen hier aus Briefen an Freunde und aus Aufzeichnungen Gedanken von ihm über einige religiöse Gegenstände, die er auch in seinem großen Werk „Der Stern der Erlösung" (1921) behandelt hat. Die Aufzeichnungen stammen aus dem ersten Jahr seiner achtjährigen Krankheit - dem letzten, in dem er noch die Hand zum Schreiben bewegen konnte: später, als auch die Artikulation versagte, konnte er sich nur noch durch ein immer mühsamer werdendes Hinzeigen auf Buchstaben mitteilen. Wir wollen diese Zeitschrift, die wir im Gedächtnis Florens Christian Rangs begonnen haben, im Gedächtnis Franz Rosenzweigs beschließen. Von Rang rührt ihr redaktioneller Grundbau her, von Rosenzweig ihr Name. Was sie sagen und wirken durfte, möge allezeit mit der Erinnerung an diese zwei großen Bekenner der Einen Wirklichkeit verknüpft sein. I. ÜBER DIE OFFENBARUNG 1. Aus einem großen Brief an Rudolf Ehrenberg vom 18. November 1917 „Wesen" ist der Begriff, unter dem sich die Welt der Gegenstände . .. ordnet — Wesen, das Allgemeine, das alles Einzelne unter sich befaßt, weil es allem Einzelnen „vorangeht". Weil er den Menschen überhaupt, ..alle" Menschen, oder weil er die Welt überhaupt, alle Dinge, sich verbrüdert weiß, deshalb „liebt" der Stoiker, „liebt" der Spinozist den Nächsten. Gegen solche Liebe, die aus dem Wesen, dem Allgemeinen, entspringt, steht die andre, die aus dem Geschehnis, also aus dem Allerbesondersten, was es gibt, aufsteigt. Dies Besondere geht schrittweis von einem Besonderen zum nächsten Besonderen, von einem Nächsten zum nächsten Nächsten, und versagt sich die Liebe zum Fernsten, ehe sie Nächstenliebe sein kann. So ist der Ordnungsbegriff dieser Welt nicht das Allgemeine, weder die Arche noch das Telos, weder die natürliche noch die geschichtliche Einheit, sondern das Einzelne, das Ereignis, nicht Anfang oder Ende, sondern Mitte der Welt. SowTohl vom Anfang wie vom Ende aus ist die Welt „unendlich", vom Anfang aus unendlich im Raum, dem Ende zu unendlich in der Zeit. Nur von der Mitte aus entsteht in der unbegrenzten Welt ein begrenztes Zuhause, ein Stück Boden zwischen vier Zeltpflöcken, die weiter und weiter hinausgesteckt werden können. Erst von hier aus gesehen werden auch Anfang und Ende aus Grenzbegriffen der Unendlichkeit zu Eckpfeilern unsres Weltbesitzes, der „Anfang" zur Schöpfung, das „Ende" zur Erlösung. 424

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