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Die Kreatur · 1929-01-01 · Heft 4 · p. Seite 420

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
3 (1929-1930)
Issue
Heft 4
Date
1929-01-01
Page
Seite 420 (sequence 49)
Language
German
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hier in diesem Sprechzimmer und jetzt in dieser Sprechstunde. Immer in dieser Welt, in der Sein Geschöpf mich anblickt und die Leidensfrage, die Frage nach unserem Kranksein, an mich stellt1). In dankschuldiger Erinnerung an Franz Rosenzweig setze ich hierher dieses von ihm übersetzte Gedicht von Jehuda Halevi2): Der kranke Arzt Heile mich Du, mein Gott, so bin ich heil. Nicht brenn mich Deines Zornes Feuerkeil. Extrakt und Medizin sind Dein, — ob gut Ob bös, ob stark ob schwach sie tun. Dieweil Du es, der auswählt, Du, nicht ich, und Dein Allwissen lenkt, lenkt nicht, zum Ziel den Pfeil. Nicht setz auf meinen Heiltrank ich Vertraun, nur Deines Heiltranks werde mir zuteil. 1) Das Paradox, das sich ergeben hat: „So bin ich also krank durch und durch" und „Ich selbst bin heil geblieben", vermag ich logisch nicht aufzulösen. Die sich vollkommen widersprechenden Aussagen beruhen beide auf W ahrheit. Mein Kranksein ist ein dauernder Zustand. Es hat seinen Ort in der Welt und seine Zeit in der immerwährenden Vergangenheit. Ich kann diesen Zustand beschreiben und festhalten. Mein Gesundsein hat seinen Ursprung in der Ewigkeit. Es ist kein Zustand. Ich erfahre es ereignishaft im Augenblick. Ich kann es nicht beschreiben, sondern nur erzählen. Sein Ort ist das „hier4* und &eine Zeit die Gegenw art. Es ist die allzeit erneuerte Geburt der Seele. Will ich dies Ereignis festhalten, so vertreibe ich es. Will ich es mir aneignen, so verschließe ich mich ihm. Auf beide bin ich hingewiesen. Das eine hab ich zu eigen von jeher, des andern bin ich gewärtig jetzt und hier. Doch ohne das eine wüßte ich nicht vom andern. 2) Franz Rosenzweig, Jehuda Halevi, zweiundneunzig Hymnen und Gedichte. Verlag Lambert Schneider, Berlin. 420

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