Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 4
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 419 (sequence 48)
- Language
- German
- Belongs to
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leben wollen, daß es ohne sie und ihre Bedingtheit kein wirkliches Leben für uns gibt. Wir haben ihr ja etwas entgegenzustellen und entgegenzubringen. Uns selbst. Denn was in uns ist, das ist nicht Welt. In uns ist das Wort, das Er „auf dem Schulweg des früheren Lebens"* in uns gelegt hat. Es hat uns zum Menschen geschaffen. Und wir sind in ihm. Es weist uns hin auf die Welt. Es führt uns hin zum andern Menschen, daß wir ihn erkennen als unsern Nächsten, den wir lieben sollen. Auch er ist noch verschlossen in seinem Selbst und wartet, daß er aus dem vorgeburtlichen Dunkel seines Geheimnisses zum Leben erweckt werde. Ich bin Arzt. Ich bin heute, wie zuvor, ein gewöhnlicher Arzt, ein verschlossener Mensch. Ich kann im Durchbruch nicht verharren. Der Zustand, in dem ich lebe, ist immerwährend derselbe: ich bin verschlossen. Aber ich weiß heute, daß dieser Zustand ein „Vorletztes" ist. (ranz tief drin in meinem Selbst, weit hinten im dunkeln \\ inkel meines Sprechzimmers bin ich gewärtig, daß immer wieder neu und erstmalig das zum menschlichen Da-sein mich aufrufende Wort mich anfallen kann. V on wo mag es kommen? Und wann? Ich bin gewärtig, daß es eben jetzt in dieser Stunde und eben hier von meinem Nächsten her — den ich lieben soll - aufbrechen kann. Der Zustand des Arztes ist: Krank-sein. Diesem Zustand läuft er davon, solange er durch die Krankheit des „Andern", die dieser doch nur als einen ihm fremden, Übeln Weltbestandteil verstehen kann, sich in spekulative Heilspläne hineintreiben läßt. Was kann er anderes tun? Aber der Tag kommt, wo er aus diesen Höhen in das unheilbare Kranksein des Kranken, den er bisher nur im Patienten sah, heruntergeholt wird. Kr verzweifelt. Und schon wieder wird er angetrieben. Aber alles, was er Neues ausdenkt, mündet immer wieder ein in diese Verzweiflung. I nd so kommt die Zeit, wo er seinem Zustand nicht mehr davonlaufen mag. Er weiß sich nun selber krank und bleibt in seinem dunkeln \\ inkel. So bin ich also krank durch und durch. Aber an dieses mein immerwährendes Kranksein kommt mir kein Arzt mehr heran, daß er mirs austreibe. Ich weiß: für dieses Kranksein gibt es nur ein Mittel, das mir — sei es auch nur für diesen Augenblick — wirklich hilft. Es ist die \\ elt. Seine Welt, wie Er sie mir anfällig — und zufällig? - jetzt und hier zureicht, daß sie mich mit ihrer Bedürftigkeit aus meinem verschlossenen Selbst herausrufe und mir so meinen „eigentlichen" Mangel stille. Immer HO