Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 4
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 418 (sequence 47)
- Language
- German
- Belongs to
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geschlossen hätten? Als ob wir nun fortan Seite an Seite durch die Gefilde der neuerstandenen Schöpfung lustwandeln wollten? Das wäre allzu verlockend! Ich mache Halt und werde nachdenklich. Meine Krankheit ruft mich und droht mich anzufallen. Sie will nicht, daß ich mich solcher Zufriedenheit hingebe. Was ist mir zugestoßen, was habe ich getan? Schrittweise ging ich den Spuren meiner Selbsterfahrung nach. Ich hatte eben erkannt, wie der Anfall mich jeweils aus der kompakten Weltordnung herausriß und wie diese Einheit — eben durch meine Herausnahme — zerbrach und nun als Stückwerk um mich her ausgebreitet lag. Und aus ihm drang auf mich zu der Notschrei der leidenden Kreatur. Da, an dieser Stelle, wurde mir bewußt, daß ich immer heil geblieben bin, daß ich das nie wußte und wissen wollte und darum mich ins „Kämmerlein" flüchtete. Da kam es über mich: Jetzt weiß ich es erst wirklich. Und vor meinen Augen steht plötzlich das Erlebnis vom Schulweg. Das Dunkel, das 32 Jahre lang auf ihm gelegen hat. ist durchschritten. Ich habe das Wort der Anrede wieder empfangen. Jetzt endlich kann ich seinem Anprall standhalten. Ich muß mein Selbst nicht wieder verschließen. Das Wort ist bei mir und ich bei ihm. Wir haben uns wiedergefunden. Jetzt weiß ich auch, warum ich Arzt geworden bin. Und zugleich mit diesem Erkennen überfällt mich ein jubelndes Dankgefühl. Ich kann es nicht allein tragen. Ich suche meinen Partner auf und erkenne in ihm meinen Kranken, meinen Nächsten, den ich jetzt liebe als mich selbst. Er hat doch mit mir durch all die vielen Jahre um dieses verschlossenen Wortes willen gelitten. Ihm wurde es in sein Herz geschrieben, wie mir selbst. Auch er wollte es wiederfinden. Und nur er wird es von mir, seinem kranken Arzt empfangen wollen und können. Uns beiden, die wir je und je im „Kranksein" uns begegneten, ist dies Wort wiedergegeben. Und nur wir zusammen können das „Dank und Lob Ihm" aussprechen. Das kann ja keiner von uns allein! Nun erst wissen wir es wirklich, daß unser Kranksein nicht aus jener ^Velt stammt, daß es darum auch nicht aus ihr weggeschafft werden kann, daß es zu unserm „Mensch-sein" gehört. Wir wollen es nicht mehr bekämpfen, sondern es auf uns nehmen und Seiner Gnade gewärtig sein. \\ as wir nun erwarten, ist nicht mehr eine andere Welt, in der wir besser leben könnten. Es ist uns bewußt, daß wir erst recht in dieser Welt 418