Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 4
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 407 (sequence 36)
- Language
- German
- Belongs to
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sen von aller Welt, preisgegeben dem grenzenlosen Nichts. Entsetzliche Angst packt mich an. In wilder Flucht jage ich davon und suche Obdach ... im „vertrauten" Kämmerlein, hinter geschlossenen Läden und unter warmen Decken, einen nassen Lappen über Augen und Stirn, und erharre, gepeinigt von Kopfschmerzen und Übelkeit, das Vergessen im Schlaf und das Ende des „bösen" Traumes beim Erwachen des nächsten Morgengrauens. In Abständen von höchstens 2—3 Monaten traten diese Anfälle regelmäßig auf und trotzten allen Einwirkungs versuchen der Medizin und auch der psychologischen Analyse. Wohl schien der einen und andern Einwirkungsart für eine Zeit der Erfolg beschieden zu sein; doch nur vorübergehend. Die Anfälle wurden nur hinausgeschoben. Sie kamen dann gehäuft wieder. Ich mußte sie nachholen. Ich gehe jetzt denjenigen Anfällen nach, die mein Gedächtnis aufbewahrt hat, und will darauf achten, wie mein Bewußtsein dieser Erfahrung gegenüber sich gewandelt hat. Der erste Anfall liegt, so viel ich weiß, im 2. Schuljahr. Es war im Schulzimmer. Ich saß ziemlich weit hinten, rechts in einer Zweierbank. Der Lehrer schrieb mit Kreide auf die Tafel. Ich sehe die Striche nicht. Ich reibe mir die Augen. Es nützt aber nichts. Ich bin in Verlegenheit. Dann sehe ich mich auf dem Heimweg. Ich erbreche mich in der Bachstraße über einen Gartenzaun. Mehr weiß ich nicht mehr. Nicht viel später mag es gewesen sein, als ich mit meiner Mutter von der Altstadt herkommend im Laden meiner Tante stand. Ich hatte häßliches Kopfweh. Die Tante begoß einen Zucker mit Pfefferminzgeist und gab ihn mir mit der Versicherung, daß mir das helfen werde. Dann nahm mich meine Mutter heim. Wann mir die Periodizität der Anfälle und ihr symptomatischer Ablauf bewußt wurde, kann ich nicht mit Bestimmtheit feststellen. Ich erinnere mich nur, daß ich schon in der ersten Klasse des Gymnasiums sehr bewußt mit ihrem Kommen rechnete und bei ihrem plötzlichen Auftreten sofort wußte, was mir bevorstand. Ich war also im Gymnasium. Ich erinnere mich an einen Heimweg. Es war Mittag. Ich gehe am Postgebäude vorbei. Ich bin irn Anfall. Eben hat mich sein Blitzstrahl getroffen. Ich kann noch einen Gedanken fassen, bevor ich in die Tiefe sause. Ich halte ihn fest. Er sagt mir: ,,Deine Anfälle kommen immer gegen Mittag. Hüte dich zu dieser Zeit."* Endlich ein 407