Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 4
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 408 (sequence 37)
- Language
- German
- Belongs to
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erster Anhaltspunkt! Nun setzte eine planmäßige Kontrolle des Bewußtseins ein. Ich war gewarnt und blieb auf der Hut. Aber die Anfälle kannten sich besser aus in der Zeit als ich. Sie kamen nun am früheren Morgen. So dehnte ich meine Bereitschaft auf den ganzen Morgen aus. Da kamen sie am Nachmittag. Nun paßte ich den ganzen Tag auf. Dann in der Dämmerung. Dann beim Einschlafen und Erwachen. Und schließlich mitten im Schlaf der Nacht. Bis ich so in der Zeit keinen Fluchtpunkt mehr hatte. Hier muß ich über die Art meiner Bereitschaft etwas einfügen. Sie ist nicht etwa als reiner Willensakt zu verstehen. Das „Aufpassenmüssen66 war schon lange da. Ich war terrorisiert, durch und durch beunruhigt und verängstigt. Mit dem Warnruf, auf die Zeitbestimmung zu achten, hatte meine immerfort erregte Aufmerksamkeit lediglich einen Zielpunkt bekommen. So konnte ein bewußtes Forschen einsetzen, dessen bewegende Kraft eben die Angst war. Es hatte wohl in sich schon die Qualität eines Auftrages. Nur habe ich diesen notwendigerweise und derart mißverstanden, daß ich meine erworbenen Kenntnisse vorläufig nur im Hinblick auf die Flucht auszunützen bestrebt war. Wie, wo werde ich frei von ihr? Ganz analog wie mit der Zeit, so ging es mir auch mit dem Raum, mit seinen Orten und Gegenständen. Ich zeige das nur an einem kleinen Beispiel: Ich entdeckte einmal, daß die Anfälle nur kommen, wenn ich von zu Hause weg bin. Ich nahm mich darauf in acht, wenn ich unterwegs war. Schon überfielen sie mich daheim. Oder ich meinte irgendeinen Zusammenhang mit der Ernährung, der Sexualität, dem Umgang mit Menschen und Dingen, mit geistiger oder körperlicher Arbeit, mit der Natur, der Kunst etc. erkennen und verwerten zu können. Aber alles Suchen nach dem Migräne-freien Ort war umsonst. Sie war immer schon da und schluckte mich gleich in ihr gähnendes Schweigen hinunter. Das eine Mal, wie das andere, immer mit derselben erhabenen Sachlichkeit. So lag ich denn jedesmal wieder hinter verschlossenen Läden im dunkeln Zimmer, eingerollt in den Bettüchern, eingekapselt in meinem Selbst. Draußen ist die tote Welt! Werde ich immer wieder zu ihr zurückkehren müssen? Wäre es nicht besser, ich bliebe für immer hier? Hier untersinken und nie, nie mehr auftauchen? Alles da draußen vergessen und sterben dürfen? Wann wird es das letztemal sein? 408