Mannheim
Compact Memory

Die Kreatur · 1929-01-01 · Heft 4 · p. Seite 406

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
3 (1929-1930)
Issue
Heft 4
Date
1929-01-01
Page
Seite 406 (sequence 35)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2823768-2823769-2823774--1394-2825211
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

ihm, noch eine lebendige Beziehung herstellen zu ihm. Das alles, und was ich daraus erinnern mag, hat ja gar nichts zu tun mit mir, der ich hier im Winkel meines Sprechzimmers sitze, und nichts mit dem, wovon ich reden möchte. Und doch habe ich die Aufzählung meiner Krankheiten nicht umsonst gemacht. In der Rubrik: Anfälle, bei den Schmerzen, habe ich in der Klammer Orte des Körpers aufgeführt, wo solche bei mir aufzutreten belieben. Unter andern habe ich angegeben: Kopf und Augen. In diesem Zusammenhang hätte ich noch aufzählen sollen: Übelkeit mit Erbrechen. Ich vergaß es. Diese Symptomengruppe wird im Lehrbuch für Medizin beschrieben unter dem Namen Migräne. An dieser Krankheit leide ich von Jugend auf. Während mich sonst die ganze übrige Gesellschaft von durchlebten Krankheiten - einschließlich des schweren Typhus - kalt läßt, weil sie schon längst in der Vergangenheit entschwunden ist, und weil sie ja doch einen ganz andern Menschen gepackt und geplagt hatte, ist diese eine Krankheit, die Migräne, mir über die Maßen treu und anhänglich. Sie läßt mich nicht los. Sie hat es mir angetan. Sie tut es mir an. Und sie wird es mir — was habe ich anderes zu erwarten? — mein Leben lang antun. Sie scheint eine unheilbare Krankheit zu sein. Ich beschreibe nun den Migräne-Anfall, wie ich ihn seit seinem ersten Auftreten im 8. bis zum 29. Lebensjahr erlebte. Blitzartig, meist mitten hinein in eine selbstzufriedene Gelassenheit, fällt er mich an und ist einfach da. Bewußt wird mir sein Dasein durch eine Sehstörung. Wie wenn ich eben in die Sonne geschaut hätte, so ist nun mein Blickfeld — erst noch etwas unbestimmt und undeutlich, so daß ich erschreckt und mißtrauisch irgendeinen Gegenstand ins Auge fasse, um zu prüfen, ob „Es" mich wirklich hat — verdunkelt. Das zentrale Sehfeld und, von außen nahe heranrückend, das periphere sind abgedeckt. So bleibt nur ein kleines Kreisband im Hellen, mit dem ich mich zur Not im Raum orientieren kann. Mit einem Schlag fühle ich mich in eine namenlose Einöde versetzt, in der ich keinen Fluchtpunkt entdecke. Die Welt ist vollkommen von mir abgetrennt. Menschen und Dinge stehen vereinzelt im fremden Raum. Sie glotzen mich an und erkennen mich nicht. Alles Leben gerinnt zu toter Masse und zerfällt dann in ein Chaos von wirren Funken und zackigen Schatten. Ich bin wirklich ganz allein, ausgeschlos- 406

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.