Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 4
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 405 (sequence 34)
- Language
- German
- Belongs to
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wahre Antwort gegeben habe. Du bist es, der von mir hören will, zu dem ich rede. So höre denn, was ich zu berichten habe. Ich bin wirklich krank. Nicht nur ein bißchen hier und ein bißchen dort. Nicht nur dann und wann einmal. Sondern ich bin es durch und durch und schon solange ich von mir weiß. Lnd ich sehe kein Fnde. Solange ich noch nicht davon wußte oder nur schreckhaft es ahnte, brachen aus der Tiefe dieser Wirklichkeit katastrophenhaft allerlei Krankheiten hervor, Kinder- und Infektionskrankheiten und aridere, leichte und schwere, Krankheiten, die im Lexikon der Medizin und der Psychologie alle ihren Namen haben. Seit ich auf mein dauerndes Kranksein zu achten begann, blieben jene Krankheiten mehr und mehr aus. Ich will die Reihe meiner Krankheiten nicht etwa mißachten und nehme mir die Mühe, sie in aller Kürze, jedoch gewissenhaft aufzuzählen, [eh rechne meine Geburt (26. Aug. 1889) gleich mit dazu. Dann folgen : Rhachitis, Skrofulöse, Anginen, Masern, Keuchhusten. Röteln, Mumps, Gelbsucht, Bleichsucht, Scharlach und Typhus abdominalis. Unfälle: Schlüssel- und Fersenbeinbruch, zwei Hirnerschütterungen, viele unbedeutende Kopf-, Hand- und Beinverletzungen, einige leichtere Verstauchungen, Quetschungen und Verbrennungen, Furunkulosen. Operationen: keine. Den 20. Geburtstag erlebte ich im typhösen Fieber. Seit diesem letzten schweren Krankenlager blieb ich von namhaften Krankheiten fast ganz verschont. Das heißt ich hatte nur noch gelegentliche, unbedeutendere Anfälle, — wie sie in die frühere Reihe von Krankheiten immer eingestreut waren, — Anfälle von Katarrhen (Nase, Rachen, Luftröhre, Mittelohr, Darm etc.) und Schmerzen (Zahn, Kopf, Augen, Herz, Bauch, Muskeln etc.). Ich bin selber ganz erstaunt, wie reichhaltig die Reihe geworden ist. Und vielleicht ist sie nicht einmal vollständig. Wenn ich meine Mutter noch fragen könnte, würde sie noch Lücken auszufüllen und die Reihenfolge zu verbessern haben; denn alle diese Krankheiten gingen ja viel mehr sie und die Familie an als mich. Doch das täte jetzt nichts zur Sache. Ich habe jedenfalls aufgezählt, was ich noch wußte, l nd wenn ich nun die Aufstellung überblicke, so fällt mir auf, wie fremd sie mir ist. wie kalt sie mich läßt. Bin ich der Mensch, der das alles durchgemacht hat? Ist das nicht ein anderer gewesen? Ich kann mich weder eins fühlen mit 405