Mannheim
Compact Memory

Die Kreatur · 1929-01-01 · Heft 4 · p. Seite 404

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
3 (1929-1930)
Issue
Heft 4
Date
1929-01-01
Page
Seite 404 (sequence 33)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2823768-2823769-2823774--1392-2825209
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Weil es also nicht Stück ist von mir, nicht trennbar ist von einem übrigen Ganzen, nichts außer ihm oder neben ihm da ist, von dem aus es ergänzt und erklärt werden könnte, so entzieht es sich mir vollkommen als Gegenstand der Untersuchung und Aussage. Gewiß verfiel ich tausendmal der Versuchung, es dennoch begreifen zu wollen. Weil es selbst doch so spürbar da ist, immer da ist. Aber alle Bemühungen scheiterten. Es war immer schon weg. Begreifen läßt sich offenbar nur Welt, materielle und geistige Welt mit ihren Objekten. Aber das Selbst ist nicht in ihr enthalten und zu finden. Das mußte ich endlich nach vielen Enttäuschungen einsehen. Sollte ich also wirklich von ihm nicht sprechen können? Soll mein Wissen von ihm für immer verhüllt bleiben? Ich muß hindurch zu ihm. Es gibt einen Zugang zu ihm. Ich habe ihn doch erfahren. Er ist aber nicht als ein Weg zu beschreiben, den man suchen und finden könnte. Er ist ein Ereignis. Er geschieht und widerfährt mir. Ich falle, ich stürze hinein in seine Tiefe, sein Dunkel, sein Schweigen, hinein in mein Selbst. Ich befinde mich plötzlich in ihm, drin in meiner Geschöpflichkeit. Nun bin ich ihm nahe. Auch jetzt wieder mußte ich mich beugen unters Joch. Mußte meine erhabene Stellung außerhalb meines Selbst aufgeben, damit ich dennoch von ihm sprechen kann. Und nun kann ich ihm auch einen sprechenden Namen geben, daß es aus sich heraus sich wird kund tun können. Der Winkel meines Sprechzimmers, den ich nicht beschreiben konnte, mein Selbst, das ich nicht begreifen konnte, ist der Arzt in seiner Geschöpflichkeit. Es ist der kranke Arzt. Der kranke Arzt, Auge in Auge mit dem Kranken, der bei ihm Hilfe sucht. Diesen Arzt in solch widersinnigem Verhältnis zu seinem Kranken, ihn will ich sprechen lassen. Und so hoffe ich dennoch von meinem Selbst Kenntnis erlangen zu können. Nun haben wir ihn hier, den Kranken. Er sitzt nicht mehr da drüben auf dem Patientenstuhl. Er ist nicht mehr der Andere, der Dritte. Ich bin es selbst. So können wir über ihn nicht mehr reden. Ich rede selbst. Mit wem rede ich nun aber? Mit dir, der du doch von mir wissen willst. Und über wen reden wir? Über niemanden; denn es ist ja kein Dritter mehr da. Und von ivas reden wir? Von dem, was mir hier im Winkel des Sprechzimmers widerfährt. Und wer bist denn du? Eben der, der mich frägt, der mich nicht zur Ruhe kommen läßt, solange ich ihm nicht die volle und 404

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.