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Die Kreatur · 1929-01-01 · Heft 4 · p. Seite 403

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
3 (1929-1930)
Issue
Heft 4
Date
1929-01-01
Page
Seite 403 (sequence 32)
Language
German
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HANS TRÜB AUS EINEM WINKEL MEINES SPRECHZIMMERS1) Meinen Patienten gewidmet. Ich meine wirklieh mein Sprechzimmer. Nicht irgendein beliebiges. Und in ihm einen ganz bestimmten Winkel. Sollte ich es nicht besser für mich behalten, was ich von ihm weiß? Ich kann ihn ja doch nicht beschreiben. Er ist zu klein, daß ich ihn mit dem Finger zeigen könnte. Und zu groß zugleich. Er ist in mir und ich in ihm. Ich scheue mich sehr von ihm zu sprechen. Ich will ihm schon jetzt einen Namen geben, damit ich von ihm reden kann. Er ist mein Selbst. Ein scheinbares Nichts und doch ein Etwas. Ein unansehnliches, unfaßbares und doch ein bestimmtes, unverrückbares Etwas, an das ich gebunden bin, und von dem ich mich nicht lösen kann. Es ist ein Endliches, Begrenztes; denn es hält mich gefangen und läßt mich die Welt draußen als etwas Fremdes empfinden. Und doch auch wieder etwas Unendliches; denn ich kann nicht seinen Anfang sehen und nicht sein Ende. Es scheint im Raum zu liegen; es ist immer da, klein und verschlossen bei mir. Und es scheint in der Zeit zu leben; es geht mit mir, seit ich von mir weiß. Es macht, daß ich gefangen und einsam bin, ausgeschlossen von aller Welt, und doch finde ich nur dank ihm den Weg zum andern Menschen. Es ist der dunkelste undlautlosesteWinkel,und doch bricht aus ihm hervor das helle Wort, durch das dies Zimmer erst eigentlich zum Sprechzimmer wird. Warum bestimme ich mein Selbst als einen Ort im Sprechzimmer^ Warum denn nicht als einen Teil von mir? Etwa als eine besondere Eigenschaft, eine besonders tiefe und geheimnisvolle Fähigkeit? Oder als eine psychologische Funktion? Ich fühle, daß solche Fragen mich in abstrakte Erörterungen abdrängen möchten. Darum sage ich es ohne L mschweife heraus: Nein, es ist nicht zu verstehen und zu begreifen als etwas, das an mir oder in mir ist. Es ist nichts, was von einem übrigen Ganzen zu unterscheiden und als ein Teil dieses Ganzen zu beschreiben wäre. Es ist allerdings ein „Besonderes44; aber selber ein Ganzes, in sich geschlossenes und verschlossenes, das mit nichts außer ihm zu vergleichen ist. x) Vgl. Viktor von Weizsäckers „Krankengeschichte** (II. Jahrg., 4. Heft), insbesondere den Abschnitt „Die eigentliche Krankengeschichte**, zu dem auch dieser Aufsatz, wie mein erster im l. Heft dieses Jahrgangs, einen Beitrag liefern möchte. 403

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