Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 4
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 402 (sequence 31)
- Language
- German
- Belongs to
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unzählig, weil die Versuchung zur Form hier die größte ist — oder vielmehr: weil die Form hier erw artet wird, die paradierende Männlichkeit oder das Pathos des Liebhabers. Weil hier gerade am wenigsten Bereitschaft ist, am meisten Forderung, zu imponieren, schön, glänzend, talentvoll, souverän, ein Mann zu sein, kurz: etwas, was man schon mitbringt, etwas, was nicht auf die Einmaligkeit dieser Begegnung angewiesen ist, etwas für sich, ein Selbst. Forderungen, die der Seiltänzer Rex erfüllt — nicht Chaplin. Nicht weil es nicht „in seiner Natur läge", solche Eigenschaften zu entwickeln, sondern weil sein Dasein sich prinzipiell dem Rechnen auf und mit Eigenschaften entzieht. Aber er hilft sich dann eben mit solchen Nachahmungen, hat elegante Bewegungen und äußert seine Liebe auf die leidenschaftlichste Art, stürzt sich auf alle Leute, durchsucht alle Ecken des Wirtshauses nach dem Mädchen, fällt ihr zu Füßen, als er sie findet, wirft die Arme hoch und ergeht sich in den pathetischsten Beteuerungen seiner Liebe, bis ihn die starke Hand Big Jims beim Kragen faßt und einfach wegnimmt, —daß überhaupt nichts mehr von ihm übrig ist. Das Opernhafte seiner Gesten streift schon stark die Parodie, Parodie auf das Pathos der Liebe, wie der Don Quijote eine Parodie auf die Ritterromane ist. Parodie, in der alle eingebildete „Unmittelbarkeit" der Gefühlsäußerung dem Schicksal der Blamage überantwortet wird, die dann nicht mehr „Tücke des Zufalls" ist, sondern Notwendigkeit. Die reine Gegenwärtigkeit des Idioten war eigentlich leidenschaftslos, sofern Leidenschaft eine erobernde Kraft ist, Chaplin zerstört die Pathetik immer wieder und läßt im Medium dieses Prozesses die Gegenwärtigkeit durchscheinen. Chaplin ist nicht blind gegen die Blamage wie der Ritter, er übernimmt sie. Nicht daß er eine Lehre daraus zöge — es ist keine Lehre daraus zu ziehen, es kann nichts besser gemacht werden, denn es ist ja der „Zufall", mit dem er es zu tun hat. Sondern sein Dasein bleibt ein 6/amiertes. Bleibt entkleidet von allen Hüllen, von Raum, Bild, Wert, Haltung und Geltung. Ist am Ende so nackt wie am Anfang. 402