Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 4
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 401 (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2823768-2823769-2823774--1389-2825206- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
die er in jedem Augenblick hineinschlüpfen kann, die aber immer schon in Gefahr sind, zu platzen. Sie haben unter sich keinen konsequenten Zusammenhang, würden, wenn man sie alle zusammenfassen könnte, keine geschlossene Welt ergeben wie die fahrende Ritterschaft des Don Quijote. Er kann auch nicht jeweils unter ihnen das Passende auswählen w ie jener, der in der Sierra Morena von dem Problem gequält wird, ob er die Schwermut des Amadis oder die Raserei des Roland nachahmen solle, - er kann es darum nicht, weil er nicht mit der geschaffenen Substanz eines Selbst in Abenteuer eintritt, sondern als dimensionsloser Punkt in Situationen gerät. Seine Formen sind gleichsam aus der Situation geborene, für einen Augenblick bestehende Persönlichkeiten, die im nächsten Augenblick schon der Blamage zum Opfer fallen und den Punkt wieder freilegen. Dieser Prozeß ist die einzige Spannung im Dasein Chaplins : er wäre eine Tragödie, wenn Chaplin eine Persönlichkeit wäre. Er schafft die Formen nicht in der Bücherkammer, nicht aus Freiheit, die auch Narrheit heißen kann, sondern unter dem Zwang der jeweiligen Lage. Es ist eigentlich mehr oder weniger immer so. wie im Zirkus, wo er sich auf der Flucht vor dem Polizisten am „verzauberten Schloß-" in eine mechanische Figur verwandelt. Die Not ist so groß, daß er auch bei diesem erstaunlichen Einfall nicht einmal den Stolz für sich zurückbehält, seinen Verfolgern auf so raffinierte Art ein Schnippchen geschlagen zu haben, er ist froh, davongekommen zu sein und wird nicht weiter davon reden. Und umgekehrt: er versagt völlig, wenn man von ihm verlangt, eine Rolle zu spielen, etwas zu erfinden, komisch zu sein — ebenfalls im Zirkus, als er engagiert werden soll. Er versagt nun, gerade weil ihm der freie Raum zugestanden wird, in dem er etwas schaffen, etwas aus dem Vorrat seines Selbst heraussetzen soll. Es zeigt sich also, daß die Formen nicht einer unerschöpflichen Innerlichkeit entstammen, die durch die Phantasie in Bewegung gesetzt würde, daß sie unstetig sind, aufspringen, gleichsam angebohrt und wieder zerstört werden, daß sie nichts sind als bloße \ orte ände der Punktualität, Hilfsmittel, um die Verlegenheit zu umkleiden, die Leere zu verhüllen, die entsteht, wenn dem Dasein die Möglichkeit der Hingabe verschlossen ist, das heißt wenn nichts da ist, was -ich eigentlich mit ihm einläßt, so wie Chaplin selbst bereit ist, sich einzulassen, sondern wenn „Haltung" von ihm verlangt w ird. So vor allem, wenn er dem Mädchen begegnet. Hier sind die Blamagen 101