Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 4
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 400 (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2823768-2823769-2823774--1388-2825205- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
die Blamage angefressen werden, schlüpft im Handumdrehen in Rollen hinein, deren Zuendespielen durch die Blamage verhindert wird. Die Blamage ist das große Fragezeichen, das die Situation hinter das behauptete Geltungsrecht der Person macht. Die Formen Chaplins sind von anderer Art als die Form Don Quijotes. Weniger geschichtlich-literarisch, als scheinbar „allgemein-menschlich" vorgegeben. Nicht weit- und ordensmäßig ausgebaut wie die fahrende Ritterschaft, viel mehr sporadisch aufblitzend, flüchtig in wenigen Bewegungen angedeutet. Und von vornherein fähig, wieder aufgegeben zu werden! Gleich am Anfang des Goldrausch ist es, da kommt Charlie auf ein großes Schneefeld, eigentlich hat er die Absicht, Gold zu graben, jedoch im Moment, scheint es, vergißt er das (übrigens kommt er ja während des ganzen Films nicht ein einziges Mal zum Goldgraben!), es fällt ihm ein, den Landschaftsbetrachter zu spielen, dieses Schneefeld fordert ihn dazu heraus, zumal er gerade eine erhöhte Stelle inne hat, es kommt ihm so bei, daß das eigentlich dazu gehört. Die Landschaft betrachten kann man aber nicht einfach so im Gehen, marschieren muß man, wenn man eine Goldmine sucht, irgendeine Erinnerung springt ein, er bleibt stehen, bringt die Beine in eine nonchalante, aber jedem Beobachter, falls es einen geben sollte, imponierende Positur, lehnt sich ein wenig zurück und stützt sich, da der eigentlich zugehörige schlanke Baumstamm nicht zu entdecken ist, aufsein Stöckchen. Schnee ist keine Wiese — das Stöckchen sinkt mit einem Ruck ein, die Positur ist erledigt. Dies ist kein „Abenteuer"! Don Quijote als Landschaftsbetrachter hätte sich eingebildet, wirklich auf einem grasbestandenen Hügel zu stehen und ins Tal zu schauen, und nach der Niederlage hätte er die Sache einem Zauberer zur Last gelegt und sein Pathos heraus gerettet. Chaplins Form hat nicht diese Starrheit und Vorgefaßtheit, es sitzt lockerer bei ihm, sein Verhalten bestimmt sich nicht aus der Auswahl unter den Möglichkeiten, deren Gesamtheit den Kosmos des Selbst ausmachen, es entspringt vielmehr zu einem Teil immer aus der Situation, scheint von ihr gefordert zu sein, wächst dann aber in der Ausgestaltung, die im Augenblick eingebungshaft erfolgt, über sie hinaus. Die Folge ist, daß die Situation überhand nimmt, sich rächt, ihm einen Streich spielt —die Folge ist die Blamage! Chaplin ist unendlich reich an solchen Posituren, an solchen Larven, in 400