Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 4
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 398 (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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Sancho, der ungeachtet seiner utopischen Sehnsucht nach der verheißenen Statthalterschaft, die ihn an den fahrenden Ritter fesselt, doch seinen eigenen Standpunkt hat. Die zahlreichen „kurzweiligen Gespräche64 zwischen Ritter und Knappen sind erfüllt von der Anstrengung, diesen andern Standpunkt zu überwältigen, aufzuheben oder doch wenigstens zu entwerten, weil er ohne Kenntnis der Regeln und Erfahrungen der fahrenden Ritterschaft ist. Die stetigste aller Inkongruenzen ist die Gegebenheit des Don Quijote selber, seine „traurige Gestalt". So abstrakt ist seine Innerlichkeit, so vor aller Erfahrung, daß sie nicht einmal die Kenntnis des eigenen Leibes, primäre Gegebenheiten der Existenz, in sich aufnehmen konnte. Auch von Fürst Myschkin, dem Idioten, hieß es, daß er nichts von seinem „Äußeren" wußte, daß er schlecht sitzende Kleider und Hüte trug und sich ungeschickt benahm, jedoch diese Nachlässigkeit entspringt aus genau dem entgegengesetzten Grunde als die traurige Gestalt des Ritters. Sie gründet in der völligen Abwesenheit aller bloßen Betrachtung des Gegebenen, in der Restlosigkeit seiner Hingabe an die Welt und der Unbewußtheit seiner selbst, die nicht einmal diesen gewöhnlichsten Schritt zur Ausbildung eines Selbstbewußtseins tut, den die anschauende Erfahrung des eignen „Äußeren" in der Welt der Individualitäten darstellt; die Individualität des Don Quijote hingegen ist in ihrer reflexiven Innerlichkeit so überschwenglich, daß sie sogar an dieser dürftigsten aller anschaubaren Gegebenheiten vorbeitrifft, sie vergißt. Die gewöhnliche — ernsthafte — Ausbildung der Person setzt bei der für sie grundlegenden Erfahrung des eigenen Äußeren an, mag sie es nun zur Schönheit, Normalität, Eleganz, Schlichtheit oder Eitelkeit, oder auch zur selbstironisch oder salopp vorgetragenen Häßlichkeit bringen. Es zeigt sich, daß Don Quijote nicht von dieser Art ist, zu der das Dasein Chaplins und des Idioten kontrastiert werden müßte, damit seine Lächerlichkeit deutlich würde, daß er vielmehr gleichsam den Ausschlag nach der andern Seite darstellt zu einer Existenz, die abermals lächerlich ist, nicht weil sie in der Welt aufgeht, sondern weil sie, vor der Welt geschaffen, sich an ihr zu bewähren und zu steigern sucht, die Welt selber dabei aber wieder und wieder vergißt. Genau wie Hippolyt das Zündhütchen vergessen hat. Der seiner Sachen gewisse Blick des Realisten Sancho Pansa hat diesen 398