Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 4
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 395 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2823768-2823769-2823774--1383-2825200- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Situation66 — das heißt: es kann es bleiben, weil es ja die Situation, die wirkliche gegenwärtige Situation, gar nicht kennt, oder vielmehr, da es nicht in ihr ist. Komisch sind ja auch nicht die Niederlagen, ist nicht das Verprügelt- und Geprelltwerden, die Komik entspringt aus der grundsätzlichen Inkongruenz zwischen der gegenwärtigen und der vorgezeichneten innerlichen Realität, mag nun die gegenwärtige Realität die Oberhand behalten oder nicht. Diese Inkongruenz, die dem Ritter selbst niemals zum Bewußtsein kommt. Er bleibt immer bei sich selbst, in seiner Welt, es gibt kein Ereignis, das ihm auch nur einen Zweifel an ihr aufkommen ließe, die ärgsten Mißhandlungen werden mit \ft ürde ertragen, denn auch für sie findet sich immer noch eine Entsprechung in der Innerlichkeit, — wenn man auch manchmal sein Gedächtnis etwas über die Maßen anstrengen muß, um zu ergründen, ob einem fahrenden Ritter irgendwo oder wann schon dies oder das zugestoßen ist. Dennoch ist es nicht bewußte Erfindungskraft oder rhetorischer Rausch, der die Rechtfertigung des Selbst gegenüber der Situation mit verschmitzter oder grandios-lügnerischer Souveränität vornähme, sondern die völlige Selbstverständlichkeit und ausschließliche Gültigkeit der innerlichen Welt. „Wolle nicht die Welt umkehren und die fahrende Ritterschaft aus den Angeln heben!" gebietet er dem Knappen Sancho, dessen bäuerlicher Realismus eine beständige Gefahr für ihn ist und eine beständige Probe auf die Sicherheit seines Wert- und Weltbewußtseins. Die Selbstmördergloriole des Hippolyt im „Idioten" hatte einen Kern, der erfahren war: Krankheit und Einsamkeit. Die Verhüllung der Grenze nahm ihren Ausgang von einem Wissen um sie, von einem Wissen um den eigenen Tod. Das Leben Don Quijotes kennt keinerlei Grenze - um überhaupt sterben zu können, muß er revozieren, die gelebte Welt seiner Innerlichkeit als Narrheit erkennen und von sich werfen! Das Selbst Don Quijotes ist ohne die Möglichkeit, eine Grenze zu sehen, weil es schon fertig ist in seinem Aufbau, bevor es überhaupt daran geht, zu erfahren. Und aus dem nämlichen Grunde ist diese Erfahrung von so eigentümlich C c? partieller Art: der mindeste gegenwärtige Anreiz — und auch der ist nicht einmal rein und als solcher gegenwärtig, weil er schon von der Erwartung des Abenteuers gefärbt ist — der mindeste Anreiz genügt, um die ausschmückende und detailierende Tätigkeit des Selbst in Funktion zu setzen, die sich sofort gleichsam auf die Situation losstürzt, alles weitere 395